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Weltbiodiversitätsrat (IPBES) Der Verfechter der Artenvielfalt

Wir verwüsten Landstriche, wirbeln Ökosysteme durcheinander und rotten Tier- und Pflanzenarten aus. Seit einigen Jahren haben Flora und Fauna einen hochkarätigen Anwalt: den Weltbiodiversitätsrat IPBES.

Stand: 26.03.2018

Nashorn-Opa "Sudan". Er war das letzte Männchen seiner Art und musste im März 2018 eingeschläfert werden. Jetzt gibt es nur noch zwei Weibchen des Nördlichen Breitmaulnashorns. | Bild: picture alliance / Photoshot

Wir verschmutzen Flüsse und Meere, verseuchen den Boden und vernichten unsere grünen Lungen, die Wälder. Ökosysteme geraten durcheinander, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Gerade mussten wir uns vom letzten männlichen Nördlichen Breitmaulnashorn verabschieden. "Die Biodiversität ist weltweit in der Krise", konstatiert WWF-Generaldirektor Marco Lambertini. Das Klima hat mit dem Weltklimarat (IPCC) einen gewichtigen Fürsprecher. Und unsere Arten samt ihrer Lebensräume? Haben seit wenigen Jahren auch einen hochkarätigen Anwalt, der sie vertritt: Der Weltbiodiversitätsrat (IPBES = Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) setzt sich seit 2012 für den Erhalt der Biodiversität, der biologischen Vielfalt, ein.

"Die Biodiversität der Welt geht verloren - das untergräbt auch das Wohlergehen der Menschen."

Robert Watson, IPBES-Vorsitzender

Auf der Roten Liste: Bedrohte Pflanzen- und Tierarten weltweit

Artenvielfalt ist die Grundlage unseres Lebens

Gründung des IPBES

Die Vereinten Nationen beschlossen bei einer Regierungskonferenz im Juni 2010, den IPBES einzurichten. Im April 2012 wurde der Rat von der Staatengemeinschaft formell gegründet. 300 Delegierte aus über 100 Staaten berieten über Funktionen, Aufgaben, Rechtsstatus, Verwaltungsstruktur und Finanzierung des Gremiums.

Der Weltbiodiversitätsrat IPBES wurde ins Leben gerufen, weil wir ohne die biologische Artenvielfalt wenig lebensfreundliche Bedingungen vorfinden würden - und sie trotzdem mit Füßen treten. Experten sind der Ansicht, dass der Rückgang an biologischer Vielfalt längst wirtschaftliche, gesellschaftliche und sogar sicherheitspolitische Folgen hat:
"Mit dem illegalen Wildtierhandel beispielsweise werden Millionen umgesetzt. Das Geld fließt oft in die Taschen von Terroristen und Milizen, die Länder und ganze Regionen destabilisieren", sagt Günter Mitlacher, Leiter der Abteilung für Internationale Biodiversitätspolitik beim WWF.

"Biodiversität stützt die Wirtschaft, Nahrungsmittelsicherheit und Lebensqualität der Menschen überall. Politische und wirtschaftliche Entscheidungen, aber auch der persönliche Lebensstil können eine nachhaltige Zukunft entweder bedrohen oder fördern. Die Ökosysteme zu stabilisieren und die Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten zu erhalten, ist fundamental für Gesundheit und Wohlergehen der Menschheit sowie die Bekämpfung von Armut."

Anne Larigauderie, IPBES-Exekutivsekretärin

Weltbiodiversitätsrat IPBES berät Regierungen

Der Weltbiodiversitätsrat IPBES erstellt zum Beispiel wissenschaftliche Gutachten zu Biodiversität und Ökosystemen oder erarbeitet Methoden zum Schutz und zur nachhaltigen Nutzung lebenswichtiger Naturschätze. Mit Berichten und Empfehlungen, für die oft Hunderte von Experten und Tausende von wissenschaftlichen Veröffentlichungen konsultiert werden, berät der IPBES unabhängig und objektiv Regierungen in Sachen Umweltpolitik. Ziel ist es, die Expertise aus den verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen zu vereinen und weiterzugeben. Eigene Forschungsarbeiten führt der IPBES nicht durch.

"Erfolgreiche Anstrengungen der Menschheit, die gegenwärtige nicht nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen umzukehren, erfordert bestmögliche Beweise, schlüssige Optionen für die Politik und gut informierte Entscheidungsmacher."

Robert Watson, IPBES-Vorsitzender

Sechste IPBES-Konferenz: 17. bis 24. März 2018

Mittlerweile setzt sich der Weltbiodversitätsrat IPBES aus Vertretern von 128 Mitgliedsstaaten zusammen, Deutschland ist ebenfalls darunter. Vom 17. bis 24. März 2018 tagten mehr als 800 Wissenschaftler und Regierungsvertreter aus all diesen Ländern im kolumbianischen Medellín und tauschten sich über die Lage der Artenvielfalt auf der Erde aus. Im Vorfeld hatten hierfür mehr als 500 Experten aus aller Welt drei Jahre lang Daten gesammelt und rund 10.000 wissenschaftliche Publikationen ausgewertet. Vier Regionalberichte über Amerika, Asien, Afrika und Europa/Zentralasien sowie ein Spezialbericht über die Verschlechterung der Qualität von Land wurden erarbeitet und veröffentlicht.

Alarmierende Fakten zur Biodiversität - eine Auswahl:


  • Die Erde erlebt nach Einschätzung von Wissenschaftlern derzeit ihr erstes Massenaussterben seit dem Ende der Dinosaurier vor rund 65 Millionen Jahren.
  • Seit einem Jahrhundert sterben durchschnittlich zwei Wirbeltierarten pro Jahr aus.
  • 2017 wurde die Rote Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) aktualisiert. Hierfür wurden insgesamt 91.523 Tier- und Pflanzenarten untersucht. Ergebnis: 25.821 Arten gelten als bedroht. Davon sind 5.583 Arten akut vom Aussterben bedroht. 8.455 Arten wurden als stark gefährdet und 11.783 als gefährdet eingestuft.
  • Rund 41 Prozent der Amphibienarten und über ein Viertel der Säugetiere sind vom Aussterben bedroht.
  • Innerhalb von nur 40 Jahren sind die Populationen von mehr als 3.700 Wirbeltierarten um 60 Prozent zurückgegangen.
  • Allein die Zahl der Afrikanischen Elefanten schrumpfte zwischen 2006 und 2016 um 111.000 auf 415.000.
  • Rund die Hälfte der Korallenriffe ist in den vergangenen 30 Jahren verschwunden.
  • Mehr als 30 Prozent der weltweiten Fischbestände gelten als überfischt.
  • Seit 1990 wurden weltweit 239 Millionen Hektar Wald vernichtet - eine Fläche mehr als sechseinhalbmal so groß wie Deutschland.
  • Allein die wirtschaftlichen Verluste durch die Abholzung der Wälder oder die Verschlechterung ihres Zustands belaufen sich Schätzungen zufolge weltweit auf rund 3,6 Billionen Euro im Jahr.
  • Mittlerweile wird auf 34 Prozent aller Böden Landwirtschaft betrieben.

"Biologische Vielfalt ist längst kein Orchideenthema für Umweltschützer mehr, die ein paar Orang-Utans im Regenwald retten wollen - das muss in alle Politikbereiche gehen."

Elsa Nickel, Abteilungsleiterin für Naturschutz und nachhaltige Naturnutzung im Bundesumweltministerium

  • Bedrohte Artenvielfalt - Welt-Biodiversitätsrat präsentiert alarmierende Fakten: 23.03.2018, 18.05 Uhr, IQ, Bayern 2.
  • Bedrohte Artenvielfalt - Weltbiodiversitätsrat mit alarmierenden Zahlen: 25.03.2018, 13.35 Uhr, Aus Wissenschaft und Technik, B5 aktuell.
  • Biodiversität-Konferenz: 26.03.2018, 17 Uhr, nano, ARD-alpha.

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