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Amoklauf-Nachahmer Der Werther-Effekt 2.0

Nie ist die Gefahr vor einem Amoklauf so groß wie kurz nach einem Amoklauf. Doch warum treten Amokläufe in Serie auf? Ein Nachahmungseffekt sagen Experten - ähnlich der Selbstmordserie nach Goethes "Leiden des jungen Werther".

Stand: 18.07.2017

Rose in der Hand einer Trauernden in Winnenden | Bild: picture-alliance/dpa

"Wenn man eine solche Tat an einer Schule einmal im eigenen Land hat, steigt das Risiko enorm an, dass andere Jugendliche sich darauf beziehen und sagen, ich möchte auch unsterblich berühmt werden durch eine solche Tat," erklärt Amokforscher Jens Hoffmann von der TU Darmstadt. 

"Die Täter reihen sich sozusagen in die Reihe der düsteren Helden ein."

Jens Hoffmann, Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt

Dies sei nichts grundsätzlich Neues, werde nur jetzt auf Amokläufe bezogen. "Wir kennen das schon aus der Suizid-Forschung seit Jahrhunderten", sagt Hoffmann. "Der sogenannte Werther-Effekt hat beschrieben, dass es nach der Veröffentlichung des Buches 'Die Leiden des jungen Werther' von Johann Wolfgang von Goethe eine Selbstmordreihe gab, die sich an dem Buch orientiert hat." Die Forscher sprechen im Zusammenhang mit Amokläufen an Schulen, die ganz eigenen Gesetzen folgen und häufig einen Nachahmungs-Effekt haben, von sogenannten "Scripts". "Dieses kulturelle Skript, dieser Nachahmungs-Effekt, ist wirksamer bei Teenagern und bei jungen Erwachsenen", erläutert Hoffmann.

Ein Amoklauf als Initialzündung für den nächsten

Auch eine Untersuchung der Universität Würzburg, die zusammen mit einer amerikanischen Universität durchgeführt wurde, scheint dies zu belegen. "Die Studie zeigt, dass in der Regel nach einem Zeitraum von zehn Tagen nach einem Amoklauf ein weiterer stattfindet", erklärt Armin Schmidtke vom Lehrstuhl für Psychologie. Die Jugendlichen würden anfangen, über diese Methode, sich an Mitschülern und Lehrern zu rächen, nachzudenken - und sich dann sagen, das könnte ich eigentlich auch tun.

Wut, Verzweiflung und Depressionen

Dass persönliche Probleme immer öfter in einem Amoklauf gipfeln, sei "eine neue kulturelle Handlungsmöglichkeit, die es früher so nicht gab", sagt Hoffmann. "Früher haben Jugendliche in einer Mischung aus kalter Wut, Verzweiflung und Depressivität vielleicht über Selbstmord nachgedacht und sich dann doch stabilisiert." Aber jetzt bestehe die Möglichkeit, dass die Täter durch eine Gewalttat in einer Schule berühmt und dann im Internet von anderen Jugendlichen als Rächer bewundert würden.

Daher müsse intensiv an Schulen sensibilisiert werden - allerdings nicht unter der Überschrift "Amok". Warnsignale seien zum Beispiel, wenn sich ein Schüler stark mit Amokläufern oder anderen Gewalttätern identifiziert, echte oder unechte Waffen zeigt oder Selbstmordgedanken äußert. "Und natürlich konkrete Androhungen", sagt Hoffmann. "Das passiert gar nicht so selten."


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