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Psychische Entwicklung Vom Außenseiter zum Amokläufer

Was geht in einem Jugendlichen vor, der seine Waffe auf Mitschüler richtet und abdrückt - einmal, zweimal, 15-mal? Was hat ihn zum Amokläufer gemacht?

Stand: 18.07.2017

Ein Polizist überwältigt einen Amokläufer (Symbolbild) | Bild: picture-alliance/dpa

Nach Amokläufen in Schulen wird fassungslos darüber diskutiert, was einen Jugendlichen dazu bringt, die Waffe gegen seine Mitmenschen zu richten. Schüler, Lehrer, Eltern - was bringt einen jungen Menschen dazu, sie zu töten? Amokforscher sind sich sicher: Ein Amoklauf ist kein spontaner Ausraster, sondern der gezielte Endpunkt einer langen Entwicklung.

Mythos 1: Ein Amoklauf ist ein spontaner Aussetzer.
Mythos 2: Amokläufer haben ein bestimmtes soziales Profil.

Jens Hoffmann vom Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt

Falsch, sagt der Psychologe und Amokforscher Jens Hoffmann. Er hat an der Universität Darmstadt viele Amokläufe untersucht und weiß, wie die Täter ticken. Es gibt kein bestimmtes Profil. Amokläufer stammen aus den unterschiedlichsten Schichten: mal aus problematischen Familien, mal aus guten Familienstrukturen. Und ein Amoklauf ist keine durchgebrannte Sicherung, sondern der Endpunkt einer langen Entwicklung.

Ergebnis des "Target"-Projekts: Viele Täter hatten Schulstress

Offenbar spielen Stress und als ungerecht empfundenes Lehrerverhalten für Amokläufe an Schulen eine stärkere Rolle als bisher angenommen. "In über 40 Prozent der Fälle gab es im Vorfeld der Tat Konflikte und Stress mit Lehrern oder anderen Schulvertretern. Das hat uns wirklich überrascht", erklärt Psychologe Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin. Dort wurden im Rahmen des vom Bundesforschungsministerium geförderten "Target"-Projekts erstmals 37 Studien mit insgesamt 126 Taten in 13 Ländern systematisch untersucht.

Am 27. August 2014 wurden die Ergebnisse vorgestellt: Auch diese Studie konnte die verbreitete "Einzelgängerthese" nicht bestätigen. Amoktäter wurden vor der Tat häufig nicht mehr gemobbt und sozial ausgegrenzt als andere. Nur ein Viertel der Täter sah sich als Einzelgänger, bald die Hälfte von ihnen hatte durchaus Freunde. Die Untersuchungen ergaben, dass die Täter nicht mehr oder weniger gemobbt wurden, als es - leider - an deutschen Schulen üblich ist. Und die Forscher stellten fest, dass in Deutschland häufig auch Lehrer zu Opfern von Amokläufen wurden, während in den USA öfter Gleichaltrige im Visier der Täter stehen.

Nicht blinde Wut, sondern ein Prozess

Amokläufer planen ihre Tat genau und sind oft mitten im Amoklauf erstaunlich ruhig. Ein Video des Amoklaufs in Columbine etwa zeigt die beiden Täter, kurz bevor sie sich selbst erschossen - völlig entspannt beim Nachladen ihrer Waffen. Ein Amoklauf ist nicht blindwütig, sondern das Ende eines Prozesses, der aus vielen Stufen besteht, sagt Hoffmann: "Es steht niemand morgens auf und sagt, ich werde einen Amoklauf machen."

Unterbrochene Leitung im Gehirn

Der Neurowissenschaftler Joshua Buckholtz von der Universität Harvard erforscht die biologischen Wurzeln von Gewalt. Er hat entdeckt, dass es in der Hirnstruktur Unterschiede zwischen Straftätern und unbescholtenen Menschen gibt, und zwar bei den Schaltkreisen, die die emotionalen Erregungszustände steuern. Der präfrontale Kortex ist verantwortlich für das Vernunftdenken. Er ist mit der Amygdala, dem Emotionszentrum, verbunden. Sobald eine Bedrohung wahrgenommen wird, arbeitet diese auf Hochtouren und beruhigt sich wieder, wenn der präfrontale Kortex Entwarnung gibt.
Bei Amokläufern scheint diese Leitung im Gehirn jedoch unterbrochen zu sein, sodass sie eher mit erhöhter Amygdala-Aktivität und verstärkter emotionaler Erregung reagieren, wenn sie sich bedroht fühlen. Wissenschaftler wie Joshua Buckholtz haben herausgefunden, dass bestimmte Gene dafür verantwortlich sind. Allerdings führe ihr Vorhandensein nicht automatisch zu gewalttätigem Verhalten.

Wer bin ich?

Am Anfang der Entwicklung zum Amokläufer steht ein Grundbedürfnis - das nach Anerkennung. Beim Amokläufer führt irgendein Missstand - eine Kränkung, vielleicht Mobbing oder andere Umstände - zu einem Defizit an Anerkennung. Doch Anerkennung ist für jeden von uns lebensnotwendig. Wer bin ich? Wer braucht mich? Laut Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer von der Universität Bielefeld bekommen heute viele Jugendliche auf diese zentralen Fragen keine Antwort mehr.

Bedrohte Identität

Droht man - beispielsweise durch einen Rausschmiss wie im Falle des Amokläufers am Erfurter Gutenberg-Gymnasium im Jahr 2002 - aus dem System zu fallen, ist die eigene Identität massiv bedroht. Für männliche Jugendliche verschärft sich dieses Problem, denn immer noch wirkt das klassische Rollenbild vom Mann als Macher und Ernährer. In den allermeisten Fällen sind Amokläufer männliche Jugendliche, auch wenn Psychologen zunehmend auch bei Mädchen eine Enthemmung bei der Gewaltanwendung feststellen.

Schule als Kränkung

Bei deutschen Amokläufern spielt die Schule, wie auch die Target-Studie zeigt, eine große Rolle - und keineswegs eine gute: "Es gibt immer noch viele Schulen, die für Schüler ein Ort der Kränkung sind", erzählt der Amokforscher Jens Hoffmann. Deutsche Schüler zeigen im Vergleich mit anderen Ländern schon in der Grundschule häufiger Angstsymptome. Dabei wäre die Schule eine wesentliche Quelle der Anerkennung. Doch diese Quelle versagt bei Amokläufern - wie auch Eltern oder die eigene Peer-Group nicht mehr genug Anerkennung bieten. Die Folge sind Hilflosigkeit, Verzweiflung, Wut und Hass.

Rache an der Kränkung

"Ein Großteil meiner Rache wird sich auf das Lehrpersonal richten, denn das sind Menschen, die gegen meinen Willen in mein Leben eingegriffen und geholfen haben, mich dahin zu stellen, wo ich jetzt stehe: auf dem Schlachtfeld!"

Der Amoktäter von Emsdetten in seinem Abschiedsbrief

Ein vernichtendes inneres Idol

Der inzwischen verstorbene Jugendpsychologe und Therapeut Wolfgang Bergmann aus Hannover erklärte nach dem Amoklauf von Winnenden 2009, dass Kinder manchmal so sehr im Mittelpunkt der Familie stehen, dass es zu einem Konflikt kommen kann: Das Kind empfindet sich als Idol seiner Eltern, hat aber nicht gelernt, Schwierigkeiten zu bewältigen und mit Niederlagen umzugehen. Doch wenn die Welt ihm nicht zu Füßen liegt, dann ruft sie Wut und Hass hervor, weil das innere Idol nicht zu verwirklichen ist: "Lieber vernichte ich mich selber, als dass ich auf das Idol verzichte." Doch dieses Idol des Amokläufers ist ohne Emotionen - und vor allem: ohne soziale Bindungen.

Noch eine letzte Kränkung

Kommt auf dieses "Gebräu" noch eine letzte Kränkung - vielleicht nur die Zurückweisung durch ein Mädchen - dann knallt es: Ein Amokläufer plant die Bluttat, so Hoffmann, um "mit einem großen 'Bang' der Welt nochmal zu zeigen: Ich bin jemand [...] und jetzt müsst ihr mich beachten!"

Eine Frage der Erziehung?

Ob und inwieweit bei Amokschützen die Eltern und ihre Erziehung eine Rolle spielen, ist bisher nur wenig erforscht. Die bisherigen Ergebnisse weisen aber darauf hin, dass spätere Amokläufer meist aus Mittelstandsfamilien stammten, in denen Kälte und Übererwartung weit verbreitet waren. Ein Zusammenhang mit Vernachlässigung oder gar Missbrauch ließ sich hingegen kaum finden. So berichtet die Kriminalpsychologin Karoline Roshdi von Eltern, die Anzeichen für die gefährliche Entwicklung ihres Sohnes zwar wahrgenommen haben, aber nicht an ihn herangekommen sind. Sie schoben seinen Rückzug auf die Pubertät und sagten sich: "Ok, vielleicht braucht das der Jugendliche gerade, in diesem Abnabelungsprozess. Und dann ist der Amoklauf passiert. Im Nachhinein ist das natürlich ein fataler Fehler gewesen."

Amokläufer wissen, dass mit ihnen etwas nicht stimmt

Professorin Britta Bannenberg, Universität Gießen

Die Kriminologin Britta Bannenberg von der Universität Gießen hat die Verhaltensmuster bisheriger Amokläufer untersucht. Dafür analysierte sie sämtliche Strafakten, Tagebücher und Chatprotokolle der Täter und hat Angehörige, aber auch einige wenige Täter selbst befragt. Sie ist überzeugt, dass sich zukünftige Täter in ein narzisstisches Selbstbild hineinsteigern und ihre Mitmenschen abwerten. Über die Tatsache, dass ihr Denken und Fühlen nicht normal ist, sind sich dabei viele durchaus bewusst. So fand Bannenberg heraus, dass fast alle über sich selbst im Internet recherchiert haben:  

"Sie gehen zum Teil in die klassischen Suchmaschinen hinein und fragen sich, ob sie psychisch gestört sind, ob sie ein Psychopath sind, ob sie manisch depressiv sind, warum sie Suizidgedanken haben und fragen dann aber auch, warum sie Amokgedanken haben - bekommen aber häufig keine Antworten."

Kriminologin Britta Bannenberg, Universität Gießen

Die Rolle der Computerspiele

"Brandbeschleuniger"

Werden Jugendliche durch gewaltverherrlichende Computerspiele zu Gewalttaten wie Amokläufen animiert? Die Frage kommt immer auf, wenn die entsprechenden Spiele bei den Tätern gefunden werden. Doch der 2011 verstorbene Jugendpsychologe Wolfgang Bergmann warnte davor, hier Ursache und Wirkung zu verwechseln. Es sei eine Frage der Kausalität. Computerspiele bieten späteren Amokläufern vor allem eines: eine Möglichkeit der Inszenierung. Experten sehen daher gewaltverherrlichende PC-Spiele eher als "Brandbeschleuniger". Denn ein direkter Zusammenhang zwischen exzessivem Spielen und Anschlagsplanung konnte bisher bei Amokläufern nicht festgestellt werden.

Flucht vor Wirklichkeit

Die Amokforschung zeigt, dass Amokläufer nicht immer Computerspieler oder Waffenfetischisten sind. Charakteristisch ist für sie der Verlust des Sozialen - und der geht auch mit exzessivem Computerspielen einher. "Begegnungen mit anderen Menschen, die Begegnung der Blicke, das Auf-die-Probe-gestellt-Sein, das in jedem Gespräch mitschwingt, das ermüdet sie, da fliehen sie. Sie wollen eigentlich in eine innere, heile, omnipotente, hybride Welt", verdeutlichte der Therapeut Bergmann. Und der Amokforscher Hoffmann warnt: Ein Verbot von sogenannten "Killerspielen" bringe nichts, sondern setze im Falle von Amokläufern nur an einem Symptom an.

"Im PC-Spiel bin ich in gewisser Weise allmächtig. Ich haste von einem Sieg zum nächsten und natürlich wird ... (es) immer unerträglicher, dass die Realität eine lange Dauer hat. Dass ich in der Realität viele Schritte gehen muss, bevor ich den Triumph erlebe. Bis hin in die neuronale Vernetzung der Gehirnorganisation prägt sich das dann ein."

Jugendpsychologe Wolfgang Bergmann

Selbstinszenierung nach Medienvorbild

Auf der verzweifelten Suche nach Anerkennung identifizieren sich Amokläufer mit Helden - seien es historische Gestalten, Filmhelden, Computerspiel-Akteure - oder andere Amokläufer. Sie inszenieren sich nach Medienvorbildern und erledigen dabei manchmal regelrecht Pressearbeit: Der Amokläufer von Blacksburg etwa schickte nach seinen ersten beiden Morden ein Multimediapaket an einen US-Fernsehsender, bevor er an der Technischen Hochschule von Virginia dreißig Menschen erschoss.

Gezielte Opfer des Amoks

Die Opfer des Amokläufers, so erschreckend viele es auch oft sind, sind meist nicht zufällig. Der Amokläufer schießt nicht blindwütig um sich, sondern hat eine ganz bestimmte Gruppe von Zielpersonen im Visier. Vielleicht passen sie aus ganz realen Gründen in sein Zielschema - etwa Rache an den Lehrern, die man als Drangsalierer empfand. Vielleicht stehen sie aber auch nur symbolisch als Gruppe für eine bestimmte Form der Kränkung. So hatte der Erfurter Amokläufer vor allem seine Lehrer im Visier - Schüler und Polizisten sind eher zufällig zu seinen Opfern geworden, weil sie im Weg waren oder ihn gestört hatten.

"Ich will, dass sich mein Gesicht in Eure Köpfe einbrennt!"

Der Amoktäter von Emsdetten in seinem Abschiedsbrief

Das Wichtigste, was Jens Hoffmann mit seiner Amokforschung herausfand: Für diese ganze Entwicklung gibt es Hinweise, die man frühzeitig erkennen kann - wenn man weiß, welche.

Links zu Präventions-Projekten

Die beiden Forschungsprojekte TARGET und NETWASS an der FU Berlin beschäftigen sich neben Tatanalysen und Gewaltprävention auch mit dem sogenannten "Leaking" von Tätern. Hier kündigen potenzielle Täter ihre Pläne im Vorfeld an, sei es direkt oder indirekt. Die Schwierigkeit liegt darin, diese Signale richtig zu deuten oder ernst zu nehmen.


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