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Sozialverhalten Affen werden im Alter wählerischer - wie wir

Wenn wir älter werden, konzentrieren wir uns auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Forscher haben jetzt herausgefunden, dass Affen mit zunehmendem Alter ebenfalls Prioritäten setzen.

Stand: 09.09.2019

Sehr altes Berberaffen-Weibchen im "La Forêt des Singes", Rocamadour, Frankreich  | Bild: Julia Moerchen/Deutsches Primatenzentrum

"Mir läuft die Zeit davon." Psychologen gehen davon aus, dass Gedanken wie dieser unser Verhalten im Alter bestimmen. Wir merken, dass wir nicht mehr so fit sind, das Leben wird beschwerlicher. Und spätestens dann wissen wir, dass es endlich ist. Flüchtige Bekanntschaften und materielle Dinge, denen wir früher hinterhergehechelt sind, verlieren ihre Anziehung. Stattdessen konzentrieren wir uns auf unsere engen Freunde. Wissenschaftler vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen haben jetzt untersucht, inwieweit das auch für Affen gilt.

Neues pfui, Freunde hui

Laura Almeling vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen

Laura Almeling ist Verhaltensbiologin am Deutschen Primatenzentrum. Zusammen mit Kollegen hat sie 118 Berberaffen im Alter von vier bis 29 Jahren im Affenpark "La Forêt des Singes" in Rocamadour, im Südwesten Frankreichs, beobachtet. Die Ergebnisse ihrer Verhaltensexperimente sind beeindruckend: Wenn die Wissenschaftler den Affen neue Objekte präsentierten, waren nur die Jungtiere daran interessiert. Bereits im jungen Erwachsenenalter nahm die Bereitschaft ab, sich damit zu beschäftigen. Betagte männliche Berberaffen zeigten ein besonders großes Interesse an Fotos von Neugeborenen. Ältere weibliche Tiere schauten länger auf Bilder von Freunden als von anderen Gruppenmitgliedern. Bis ins hohe Alter hinein reagierten sie auf vorgespielte Hilfeschreie, besonders wenn diese von der besten Freundin stammten.

"Was wirklich erstaunlich war: Dass die Affen bis ins ganz hohe Alter noch Interesse an sozialer Information hatten. Sie haben sich weiterhin die Fotos angeguckt und auch bei den Hilfeschreien immer noch sehr stark reagiert. Und auch immer noch stärker auf die Hilfeschreie einer Freundin im Vergleich zu einer Nicht-Freundin."

Julia Fischer, Leiterin der Abteilung Kognitive Ethologie am Deutschen Primatenzentrum, Göttingen

Alte Affen entlausen lieber ihre Freunde

Fellpflege unter Freunden

"Berberaffenweibchen verlieren im Alter nicht das Interesse am gemeinsamen Miteinander, sie konzentrieren sich jedoch auf eine kleine Gruppe von Partnern", erzählt Laura Almeling. Besonders offensichtlich wurde das auch bei der gegenseitigen Fellpflege. "Die ist bei den Affen das Maß für die soziale Beziehung", erklärt Almeling. Während die aufgeweckten jungen Tiere ihre Pflegepartner häufig wechselten, entlausten die betagteren Affenweibchen lieber einen kleinen Kreis befreundeter Tiere.

Alternde Affen sind alternden Menschen sehr ähnlich

Junge Affen sind äußerst kontaktfreudig. Hat Laura Almeling ausprobiert.

Neue Reize verlieren für die Affen schon früh an Bedeutung, die älteren Tiere konzentrieren sich auf ihr soziales Umfeld, schlussfolgern die Wissenschaftler. "Darin sind sie alternden Menschen sehr ähnlich, die im hohen Alter wählerischer werden", sagt Alexandra Freud, Ko-Autorin der Studie.

"Affen sind sich nicht bewusst, dass ihre Lebenszeit begrenzt ist."

Laura Almeling, Doktorandin in der Abteilung Kognitive Ethologie am Deutschen Primatenzentrum, Göttingen

Die Forscher gehen deshalb davon aus, dass das Verhalten von Menschen im Alter fest in der Evolution verankert ist und nicht ausschließlich von dem Bewusstsein abhängt, dass unsere Lebenszeit begrenzt ist. Vielmehr scheint die Verhaltensänderung zumindest zu einem Teil ein altes Erbe zu sein, das wir mit den Affen teilen.

Berberaffen

Berberaffen gehören zur Familie der Meerkatzenverwandten. Sie werden bis zu 70 Zentimeter groß und zwölf Kilogramm schwer. Als einzige Makakenart sind Berberaffen nicht in Asien zuhause, sondern in Marokko, Algerien und auf Gibraltar. Sie leben in Gruppen und sind Allesfresser.


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