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Internationaler Sportgerichtshof CAS Die mächtigen Männer im Sportrecht

Am internationalen Sportgerichtshof CAS bestimmt ein kleiner Kreis mächtiger Männer maßgeblich die Entwicklung des Sportrechts - und entscheidet damit über die Zukunft einzelner Athleten. Wer diese Mächtigen sind und warum diese Machtkonzentration schwierig sein kann, zeigt eine Recherche der ARD Radio Recherche Sport.

Von: ARD Radio Recherche Sport

Stand: 23.08.2018

Internationaler Gerichtshof | Bild: picture-alliance/dpa

Punkt 1: Die Auswahl der Richter

Offiziell gibt es am internationalen Sportgerichtshof CAS etwa 400 Richter. Doch: Die meisten sind so gut wie arbeitslos. Johan Lindholm, Professor für Sportrecht in Schweden, hat der ARD Radio Recherche Sport exklusiv die Ergebnisse seiner neuen Studie präsentiert. Und da zeigt sich: Unter den Richtern am Sportgericht gibt es einen "Inner Circle". Lindholm hat sämtliche CAS-Fälle, die er finden konnte, bis ins Jahr 2014 analysiert, und kommt zu dem Schluss: "Es gibt 17 Personen, die ungefähr die Hälfte der Aufträge bekommen. Diese 17 Personen also, die immer wieder benannt werden, haben dadurch natürlich viel Einfluss auf die CAS-Rechtssprechung."

Einer der am häufigsten eingesetzten Richter ist der Schweizer Jurist Michele Bernasconi. Bernasconi gilt als extrem einflussreich. Auf der anderen Seite gibt es genügend Richter, die gerne öfter eingesetzt werden würden. Wie dieser CAS-Richter, der anonym bleiben möchte: "Ich hatte nur zwei Fälle in mehr als drei Jahren am CAS.

Die meisten der anderen Richter, mit denen ich gesprochen habe und die über Jahre keine Arbeit bekommen haben am CAS, sind darüber frustriert. Und diese Leute sind in ihrem Land renommierte Anwälte. Meiner Meinung nach ist die große Zahl der Richter am CAS so eine Illusion. Die Zuteilung auf die Fälle sollte per Zufallsprinzip erfolgen."

Würden die Richter nach dem Zufallsprinzip auf die Fälle verteilt, wäre auch das zweite Problem gelöst:

Punkt 2: Unklare Interessenslage

Der ARD Radio Recherche Sport liegen gleich mehrere Fälle vor, bei denen Richter theoretisch ihre persönlichen Interessen in einen Fall hätten einbringen können. Am eindrücklichsten: Der Fall des CAS-Richters Efraim Barak. Von 2015 bis 2017 arbeitete er als externer Berater für den israelischen Fußball-Verband an einem Streitfall, über den die FIFA entscheiden sollte. Während er hier auf ein Urteil zugunsten seines Verbandes hoffte, entschied er am CAS jedoch in mindestens vier Fällen mit, die die FIFA betrafen. Barak selbst sieht darin keinen Interessenskonflikt.

Der CAS teilt schriftlich mit: "Die Informationen über Mr. Barak sind auf der CAS-Website öffentlich zugänglich und waren es auch schon im Jahr 2015. Falls die Parteien in den Fällen, in denen Mr. Barak als Richter zuständig war, der Meinung gewesen wären, er sollte nicht mit im Panel sitzen, hätten sie ihn anfechten können."

Denn theoretisch ist das möglich. Die Parteien, die in einen Fall verwickelt sind, können den CAS bitten, den Richter auszutauschen. Doch Lucien Valloni, ein Anwalt aus der Schweiz, der oft Sportler vor dem CAS vertritt, ist da vorsichtig: "In vielen Fällen möchte man das tun aber man möchte auch nicht in unbedingt in einen Prozess starten und diesen Schiedsrichter schon vor den Kopf stoßen wenn man nicht sicher ist, dass er dann auch abgewählt wird." Eine offizielle Beschwerde legt er deswegen nur selten ein: "In etwa 10 Prozent der Fälle macht man das wirklich, aber in 40 Prozent der Fälle überlegt man, ob man es nicht machen sollte."

Laut CAS wurden in den letzten drei Jahren bei mehr als 1.500 Fällen 20 Mal Einspruch gegen einen Richter eingelegt. Keiner davon war erfolgreich.

Punkt 3: Der Schattenmann

Matthieu Reeb ist der Generalsekretär des Sportgerichtshofs und die große Unbekannte im Machtgefüge des CAS. Reeb müssen alle Urteile vorgelegt werden, das macht den Schweizer zum wichtigsten Mann. Denn er kann den Richtern Änderungen vorschlagen kann. Auf Anfrage teilt Reeb dazu mit: "Weder ich, noch meine Kollegen in der Verwaltung des CAS haben jemals ein Urteil geändert. Nur die Richter selbst können entscheiden, ob sie den Entwurf eines Schiedsspruch ändern in Anbetracht der gemachten Hinweise.“

Dirk-Reiner Martens ist seit Jahren ein deutscher Richter am CAS und hat auch schon seine Erfahrung mit Reeb gemacht: "Ich erinnere mich nur an einen einzigen Fall, wo ich schlicht anderer Meinung war als der Generalsekretär. Damals habe ich mir das genau überlegt, was er mir vorgeschlagen hat. Und ich habe dann gesagt: Nein, ich bleibe dabei."

Für die Parteien vor dem CAS ist damit nicht genau durchschaubar, welche Rolle der Generalsekretär in den Verfahren spielt. Der Anwalt von Eisschnellläuferin Claudia Pechstein, Thomas Summerer, hält es für inakzeptabel "dass die Unabhängigkeit von Richtern untergraben werden kann, durch eine Vorlagepflicht an einen General-Sekretär." Und weiter sagte er: "Das wäre so, wie wenn in Deutschland ein staatlicher Richter am Oberlandesgericht München sein Urteil, wenn er es fertig geschrieben hat, vor Verkündung, einem Abteilungsleiter im Justizministerium vorlegen müsste."

Thomas Summerer ist im Auftrag von Claudia Pechstein gerade in großer Mission gegen den CAS unterwegs. Er ist vor das deutsche Bundesverfassungsgericht gezogen, um dem CAS seinen Status als unabhängiges Schiedsgericht absprechen zu lassen. Der internationale Sportgerichtshof steht auf dem Prüfstand.


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