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England vor dem WM-Halbfinale Mit der Kraft des Gummihuhns

Verbitterte Recken, die sich mit brachialem "Kick-and-Rush" nach vorne treiben, bei der WM regelmäßig früh scheitern, gerne im Elfmeterschießen oder nach Torwartfehlern - das war einmal. England spielt modern wie noch nie - und mausert sich zum WM-Favoriten.

Stand: 11.07.2018

Sollten Chronisten einmal die ungewöhnlichsten Trainingsbilder der Fußball-WM 2018 zusammenstellen, dürften die Engländer gleich zwei Mal auf vorderen Plätzen auftauchen. Lieferten sich Harry Kane & Co. während der Vorrunde im Pool ihres Hotel-Quartiers nördlich von Sankt Petersburg Rennen auf aufblasbaren Einhörnern, flogen beim Training vor dem WM-Halbfinale gegen Belgien (20 Uhr, Livestream auf B5 aktuell) farbige Gummihühner über den Platz. Gelacht wurde natürlich - in beiden Fällen - viel.

Das war nicht immer so bei Weltmeisterschaften im Lager der Engländer. Eigentlich fast nie, sieht man einmal vom Triumph bei der Heim-WM 1966 ab. Doch die englische Fußball-Nationalmannschaft des Jahres 2018 ist anders als so viele ihrer Ahnen - was die Fans auf der Insel und in Russland natürlich vom Finaleinzug - es wäre überhaupt erst der zweite - träumen lässt. Träume, die allerdings sein dürfen. Denn die Entwicklung des oftmals erfolglosen Konstrukts der englischen Nationalmannschaft hin zur aktuell erfolgreichen Variante profitiert von einem Aufbau über Jahre.

"Deutscher als das deutsche Team"

"Es klingt fast verrückt, aber ich muss sagen: Diese englische Mannschaft spielt deutscher als das deutsche Team", sagte der ehemalige Bundestrainer Berti Vogts in einem Interview. Was er meint: Vorbei sind die "Kick-and-Rush"-Zeiten, England spielt schnellen Ballbesitzfußball, nur noch punktuell wird der Weg nach vorne mit weiten Bällen gesucht. Auch und vor allem ein Verdienst zahlreicher ausländischer Trainer in der englischen Premier League, deren Ideen Nationaltrainer Gareth Southgate aufgreift.

Von Manchester Citys Pep Guardiola (Spanien) hat er sich den Ballbesitzfußball abgeschaut, vom Argentinier Mauricio Pochettino von Tottenham Hotspur das Pressing. Und die deutsche Komponente kommt von Liverpools Jürgen Klopp: rasantes Umschaltspiel (wie es auch die deutsche Nationalmannschaft an besseren Tagen schon praktiziert hat). "Ich wäre dumm, wenn ich nicht analysieren würde, wie sie spielen. Und zum Glück sind alle immer sehr zugänglich für mich", sagt Southgate. Für seine Spieler ist die Umstellung ohnehein nicht groß: Alle 23 kicken in der heimischen Liga, eben unter den zahlreichen nicht-englischen Trainern.

Englands starker Nachwuchs

Dazu passt der Unterbau: War die Premier League in der Vergangenheit immer wieder auch der Treffpunkt internationaler Stars, führt die starke Nachwuchsarbeit junge Engländer mittlerweile immer früher in die Liga. 2012 hat der englische Fußballverband in Burton upon Trent sein nationales Trainingszentrum eröffnet, seitdem blühen die Juniorenteams auf. Die U17 und die U20 sind Weltmeister. Mit einem Durchschnitt von 26,1 Jahren stellt England bei der WM den drittjüngsten Kader. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat hier Nachholbedarf, die in Frankfurt geplante Nachwuchs-Akademie wird erst 2012 fertig sein. In der Bundesliga fehlen auf zentralen Positionen (Außenverteidiger, Sturm) Spieler mit deutschem Pass, die auch der Nationalmannschaft weiterhelfen könnten.

Jordan Pickford

Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Vorteil des jungen Kaders: Ein Großteil der Spieler war zum Zeitpunkt der größten englischen WM-Niederlagen, etwa den Elfmeterschießen bei der WM 1990 und EM 1996 gegen Deutschland, noch gar nicht geboren. Und muss sich gar nicht an den Traumata des englischen Fußballers frühere Jahre abarbeiten. So können die jungen Löwen plötzlich erfolgreich Elfmeter schießen oder haben erstmals seit zig Turnieren mit Jordan Pickford einen Torhüter, dem man katastrophale Patzer wie seinen Vorgängern nicht zutrauen mag, so souverän agiert der erst 24-Jährige.

Zum Meister dieses perfekt ineinandergleitenden Puzzles wird immer mehr Gareth Southgate. Dass der ehemalige U21-Nationaltrainer bestens mit jungen Spielern umgehen kann, war klar. Zugetraut hatten es ihm die wenigsten, als er kurzfristig für den nach nur 68 Tagen gefeuerten Sam Allardyce einsprang. Der frühere Nationalverteidiger Southgate (er verschoss 1996 den entscheidenden Elfmeter gegen Andreas Köpke) stellte alles auf den Kopf, hinterfragte, analysierte, hörte zu - und traf die richtigen Entscheidungen.

Akribie beim Elfmeterschießen

Gareth Southgate

Er setzte konsequent auf den neuen englischen Jugendstil, gleichzeitig führte er Methoden ein, die es im englischen Fußball bisher so wohl noch nie gab. Elfmeterschießen beispielsweise ließ er seit Monaten akribisch trainieren. Seine Mitarbeiter hatten frühere Elfmeterschießen analysiert, das Ergebnis: Englands Schützen seien stets zu hastig an den Schuss gegangen. Southgate brachte seinen Spielern bei, sich Zeit zu lassen. Beim Weg zum Punkt, beim Zurechtlegen des Balls, beim Anlauf. Die Schützen standen schon Monate vor dem Turnier fest. Der Sieg gegen Kolumbien bestätigte Southgates Weg.

"Owning the process", nennt Southgate seinen Weg. Er will über alles die Kontrolle behalten. Und irgendwie passen auch deshalb die Bilder von mit Gummihühnern und Einhörnern herumalbernden Nationalspielern dazu. Es ist sein Verdienst, dass Spaßmacher wie Jesse Lingard oder Kyle Walker sich nicht nur im Internet, sondern vor allem auf dem Platz und im Training austoben. Und die Bilder, die dann in die Öffentlichkeit kommen, senden ein wichtiges Signal: "Die Spieler haben auch eine Stimme. Sie können junge Leute beeinflussen, vor allem aus den Gegenden, aus denen sie kommen. Sie geben ihnen Hoffnung", sagt Southgate.

Er weiß: Die nicht gestellte Lockerheit seiner Spieler ist ansteckend. So ganz nebenbei baute Southgate die "Three Lions" nicht nur zu einem WM-Titelkandidaten auf, sondern auch noch zu einem Team, das ein ganzes Land zusammenrücken lässt. "Die Chance, alle Menschen in England durch den Fußball zusammenzubringen, die Stimmung zu verändern, ist gewaltiger, als das, was wir mit unseren Ergebnissen bewirken", erklärt der 47-Jährige. Ganz egal, ob es mit dem Finaleinzug oder dem Tiel klappt - bei der Rückkehr auf die Insel erwartet Harry Kane & Co. auf jeden Fall eine große Party.


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