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Auf Reise durch Russland Darf man sich auf die Fußball-WM freuen?

Reichen elf Tage aus, um sein eigenes Russland-Bild zu überdenken? Die eigenen Vorurteile zu hinterfragen? Das wohl nicht – nach knapp zwei Reisewochen durch Russland bringt BR Sport-Reporter Niklas Schenk trotzdem eine Menge neuer Erkenntnisse mit.

Von: Niklas Schenk

Stand: 08.05.2018

Reise nach Russland vor der WM | Bild: BR/Niklas Schenk

Elf Tage sind wir mit dem Journalistenverein "Journalist Networks" durch Russland gereist. Zusammen mit zehn anderen Kollegen habe ich mit Anwohnern, Politikern und Künstlern aus Moskau, Kasan und Sotschi – den drei Spielorten der deutschen Nationalmannschaft bei der Vorrunde der bald beginnenden Fußball-WM in Russland - gesprochen. Hier schildere ich meine Eindrücke.

Die WM wird sicher - schon weil Putin es will

Die WM wird sicher - das glauben zumindest viele Russen. Ausschreitungen bei der Fußball-WM können sich weder russische Fußballfunktionäre vorstellen, noch die unabhängigen Stiftungen, die wir besucht haben. Beide sind von einer sicheren WM überzeugt. Und selbst Robert Ustian, ZSKA-Fanaktivist, der sich gegen Rassismus und Faschismus im russischen Fußball einsetzt, sagt: "Die WM wird sicher. Putin möchte allen zeigen, dass er eine sichere und tolle WM organisieren kann. Außerdem sind hier in Russland alle so enttäuscht – wir finden die Berichterstattung über unser Land nicht fair."

"Selbst die Hooligans wollen einem internationalen Publikum nicht die Chance geben, negativ über ihr eigenes Land und Ausschreitungen zu berichten. Deswegen werden sie nicht randalieren."

Robert Ustian, ZSKA-Fanaktivist

Eine Sichtweise, die ich vorher nicht hatte, die mir während der elf Tage in Russland aber oft begegnet ist. Ob die WM wirklich ohne Ausschreitungen verlaufen wird? Immerhin gibt es sogar Videos von russischen und deutschen Fans im Internet, die sich gemeinsam auf die WM vorbereiten – und die Bilder der russischen Hooligans bei der EM 2016 in Frankreich haben wir alle noch im Hinterkopf. Aber ich kann mir eine sichere WM nun etwas eher vorstellen.

Olympia 2014 war zumindest teilweise nachhaltig

Olympischer Park Sotschi

Ein Spaziergang durch das Olympische Dorf in Sotschi zeigt: Viele der Stadien der Olympischen Winterspiele 2014 werden immer noch genutzt. In manchen spielen Eishockey-Teams, eine Arena wurde zur Tennisakademie umfunktioniert. Das Stadion, in dem die Eröffnungsfeier stattfand, ist nun ein Fußballstadion. Andere Anlagen werden hingegen kaum genutzt, wie die Bobbahn oder die Sprungschanze.

Sotschi selbst hat nun wesentlich mehr funktionierende Straßen, Unmengen an Hotels, viele Wolkenkratzer stehen mitten in der Stadt. Ob sich die geschätzt 50 Milliarden Investitionen für Olympia 2014 gelohnt haben? Wohl kaum – zumal die Frage unbeantwortet bleibt, warum die Winterspiele unbedingt im einzigen subtropischen Gebiet Russlands stattfinden mussten. Aber es ist zumindest nicht so, dass alle Sportstätten brach liegen und zu Olympiaruinen wurden.

Anwohner freuen sich – zumindest größtenteils – über die Investitionen

Fußballfan Robert Ustian sieht es pragmatisch: "Unser Land ist so von Korruption verseucht, da sind wir Anwohner froh, dass mal solche Stadien und Infrastruktur entstanden ist, von der wir auch etwas haben." Ein interessanter Ansatz – so hatte ich das vorher auch noch nicht gesehen.

Aber es gibt auch die Schattenseiten: Viele Anwohner aus Sotschi mussten ihre Häuser räumen, wurden zwangsenteignet. Diese hätten nun bessere Unterkünfte als vorher, beteuerte Sotschis Bürgermeister Anatoli Pochomow uns gegenüber im Interview. Das sehen viele Anwohner anders, beklagen Einzimmerwohnungen für ganze Familien. Besonders bitter: Manche Familien mussten ausziehen, da ein Busbahnhof für Olympia dort entstehen sollte, wo sie wohnten. Der Busbahnhof wurde wirklich gebaut – bei Olympia selbst dann aber kaum genutzt.

Weitere nur kurz erwähnte Eindrücke aus Russland

Die Meinungsfreiheit im Land ist gerade massiv bedroht. Während wir in Russland waren, gingen gerade Tausende Menschen auf die Straßen, um gegen ein Verbot der Nachrichtenapp "Telegram" zu demonstrieren.

Erinnerung in Moskau an den 2015 erschossenen Politiker Boris Nemzow.

Die Sicherheitskontrollen überall im Land sind Wahnsinn, selbst in jeder U-Bahn wird der Rucksack gescannt. Blöd nur: Manche Sicherheitskontrollen funktionieren nicht – bei mehreren Flügen wurden uns Flüssigkeiten nicht abgenommen oder bei der Kontrolle nicht gefunden.


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Peter , Mittwoch, 09.Mai, 08:27 Uhr

5. Immer diese Russen

Gut dass es in anderen Ländern keine Hooligans gibt.

Peter, Mittwoch, 09.Mai, 07:27 Uhr

4. Zweiter Versuch

Also wenn diese Überschrift mal keine negative Erwartungshaltung auslöst, dann weiß ich auch nicht.
"und die Bilder der russischen Hooligans bei der EM 2016 in Frankreich haben wir alle noch im Hinterkopf."
Klaro... Waren ja nur Russen, einzig und allein Russen.
"Olympia 2014 war zumindest teilweise nachhaltig."
OHA... Etwa ein Lob?
Ein Vergleich zum olympischen Größenwahn der letzten Olympiaden wäre angebracht, das wäre doch mal einen Serie wert, Daumen hoch!
Telegram gesperrt?
Naja. Ist es in China auch, aber die liefern uns ja billige Güter, also ist es nicht so schlimm.
Und dass Thema Verschlüsselungen und die USA wollen wir mal gekonnt ignorieren, gell?
Immerhin ist es Neuland.
"Blöd nur: Manche Sicherheitskontrollen funktionieren nicht "
Zeit für investigative Tests an Flughäfen, ich zum Beispiel fliege permanent mit Messer im Handgepäck.
Juckt schon lange niemanden mehr.
MFG

froni, Dienstag, 08.Mai, 15:32 Uhr

3. Ist es jetzt auf einmal wieder kein Problem...

... deutschlandfahnenschwingenden Patriotismus lautstark zur Schau zu stellen?

  • Antwort von Peter, Mittwoch, 09.Mai, 09:24 Uhr

    Nein, denen werden aus Gründen der Gesinnungshygiene die Fahnen vom Auto entfernt und ein belehren der Zettel unter den Wischer geklemmt.
    Ist ja schließlich rechts ein Fähnchen keiner anderen nation am Auto zu haben, oder auch über haupt ein Auto zu haben.

Leon , Dienstag, 08.Mai, 15:07 Uhr

2. Mal schauen

Natürlich, aber nur solange wie Politik und Medien das zulassen. Ansonsten kommt der Meinungsmacherjournalismus und versaut uns die WM.

websaurier, Dienstag, 08.Mai, 14:25 Uhr

1. Mal sehen...


...was die russischen, rechtsgerichteten Hooligans so an Überraschungen bieten werden...
Den vollmundigen Ankündigungen eines einzelnen "Clubs" würde ich nicht trauen.

Hoffen wir mal, dass ausländische Reporter und Journalisten nicht reihenweise in den Gefängnissen landen, nur weil sie über Russlands Niederlagen berichten.