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Kirchen in Corona-Zeiten: Diese Kirche brauche ich nicht!

Haben die Kirchen in der Corona-Krise versagt? Jenseits von Landeskirchenämtern und Bischofssitzen haben sich viele Menschen diese Frage gestellt: Ist Kirche systemrelevant? Ist sie es für mich? Brauche ich sie wirklich?

Von: Friederike Weede

Stand: 25.06.2020

Kreuz vor abendlichem Himmel | Bild: colourbox.com

"Eucharistisches Fasten" – was klingt, wie eine neue Trend-Diät, war in Wirklichkeit eine Notmaßnahme, mit der manche katholische Christen durch die Corona-Hochphase gekommen sind. Indem sie sich nämlich sagten: Bevor ich mir eine Hostie von einem Priester mit Maske, Gummihandschuhen und Zange verpassen lasse, bevor ich aus einem Kelch trinke, der nach Desinfektionsmittel riecht, verzichte ich, bis das Abendmahl wieder richtig gefeiert werden kann. Aber was heißt hier richtig?

Abendmahl erinnert nur weit entfernt an ein Gemeinschaftserlebnis

Ich vermisse das Abendmahl, so wie es in Normalzeiten gefeiert wurde, nicht. Diese magere abgespeckte Variante eines Festmahls, die höchstens weit entfernt an ein echtes Gemeinschaftserlebnis erinnert, macht mich nicht satt, das hat mir Corona endgültig klargemacht. Da hat jedes Rockkonzert mehr Fleisch und das Gemeinschaftserlebnis ist vielleicht sogar bei jeder Anti-Corona-Demo größer. Das bittere Fazit nach dem Lockdown: Kirchen sind nicht systemrelevant. Die Kirchen haben eben schon lange nicht mehr die alleinige Deutungshoheit, sie konkurrieren mit vielen. Und nicht überall, wo "christlich" draufsteht, ist "herzlich" drin, auch das hat Corona gezeigt.

Corona als Strafe Gottes?

Ich jedenfalls brauche diese Kirche nicht, die schon im Mai diskutiert über wegbrechende Kirchensteuereinnahmen durch Kurzarbeit, wenn noch nicht einmal klar ist, wie wir heuer Weihnachten feiern werden und wer dann noch alles dabei ist. Die sich ernsthaft in theologischen Diskussionen verheddert über den Heilswert oder -unwert von Abendmahlfeiern unter Quarantänebedingungen, während so viele Menschen keine Arbeit mehr haben und vielleicht die Miete nicht zahlen können. Während manche nicht wissen, wie sie arbeiten gehen sollen, wenn keiner die Kinder hütet. Eine Kirche, die teilweise – und das ist nicht fraglich, das ist verwerflich – orakelt, Corona könne vielleicht doch eine Strafe Gottes sein.

Kirchen waren in Corona-Zeiten viel zu leise

Ich war enttäuscht, wie leise die Kirchen seit Beginn der Corona-Krise waren, wie gering ihr Mut zu neuen Formen ist, zum Beispiel Gottesdienste im Freien zu feiern, mit Abstand, während zeitgleich überall in Deutschland Demonstranten gegen Infektionsschutzmaßnahmen lautstark auf die Straße gingen. Enttäuschend auch, wie wenige Kirchenmänner und -frauen sich in soziale Netzwerke gewagt haben, um zum Beispiel offen und ehrlich über die Theodizee-Frage zu sprechen. Stattdessen, ein klerikales Andachtsvideo nach dem anderen und die Kommentarfunktion blieb meistens aus.

Wie gering das aufrichtige Interesse an den Menschen in der Zeit des Lockdowns war, zeigt Folgendes: Viele haben Angehörige mutterseelenallein zu Grabe getragen, andere sind in Krankenhäusern allein gestorben, Klinikseelsorger kamen kaum hinterher, während so mancher Pfarrer sich in seinem Pfarramt verschanzt und den Anrufbeantworter eingeschaltet hat. Stell Dir vor, die Alten sind im Heim und keiner geht hin….

Manche waren bis zur Selbstaufgabe ansprechbar, anrufbar, greifbar

Natürlich: Es gab auch die anderen, die engagierten Kirchenleute, die Telefonhotlines für Besorgte oder Trauernde geschaltet haben, die Einkaufsdienste organisiert, die Konzerte vom Kirchturm angezettelt haben oder Chorproben über Skype. Sogar manche, die im Rahmen einer Seelsorge-Taskforce in Seuchenschutzmontur Covid-19-Patienten in Quarantänewohnungen besucht und beim Sterben begleitet haben. Aber es ist eben wie bei den Lehrern im Lockdown: Von den einen kam höchstens einmal die Woche eine E-Mail, andere waren bis zur Selbstaufgabe ansprechbar, anrufbar, greifbar.

Hirte im Home-Office

Und welcher Eindruck bleibt? Meist der persönliche. Das gilt auch für die Kirche. Immerhin heißt es bei Jesaja: "Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, Du bist mein." Und der persönliche Eindruck fand einfach nicht statt. Dafür war wohl etwas zu oft der Anrufbeantworter an: In wirklich dringenden Fällen erreichen Sie Pfarrer Soundso unter dieser Nummer. Ergänze im Geiste: Aber rufen Sie bloß nicht an! Hirte im Home-Office halt. Unter diesen Umständen kann man sich schwerlich wundern, wenn es bald auch bei vielen Schäfchen heißt: Kein Anschluss unter dieser Nummer.


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