Religion - Theo.Logik


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Kirchen in Corona-Zeiten: Unprätentiös an der Seite der Notleidenden

Es greift zu kurz, kirchliches Leben nur an Gottesdiensten fest zu machen. Da würden wohl auch diejenigen zustimmen, die während Corona gerne in die Kirche gegangen wären. Das konnten sie in der Pandemie nicht und das war auch richtig so. Die Kirchen sind ihrem Auftrag dafür an ganz anderer Stelle umso gerechter geworden.

Von: Simon Berninger

Stand: 25.06.2020

Gottesdienst in Corona-Zeit  | Bild: dpa picture alliance Oliver Mueller

Es greift zu kurz, kirchliches Leben nur an Gottesdiensten fest zu machen. Da würden wohl auch diejenigen zustimmen, die während Corona gerne in die Kirche gegangen wären. Dass sie es in der Pandemie nicht konnten, ist richtig - ich bin aber auch der Überzeugung, dass die Kirchen ihrem Auftrag dafür an ganz anderer Stelle umso gerechter wurden.

Mit Engelsgeduld redet Schwester Bernadette auf einen 35-Jährigen ein. Im März infiziert er sich vermutlich bei der Arbeit mit Corona, zu Hause geht es ihm zunehmend schlecht - zu Hause, wo seine 73-jährige Mutter mit ihm lebt. Er steckt sie an, noch ehe er weiß, dass er an Corona erkrankt ist. Dann geht es auch der Mutter immer schlechter, bis ihr der Sohn den Rettungswagen ruft. An diesem Tag sieht er seine Mutter zum letzten Mal.

In Corona-Zeiten geht es mehr denn je um Leben und Tod

"Sie reden von Schuldgefühlen. Es sind Gefühle. Schuld ist, wenn ich bewusst etwas tue. Sie haben ja nichts getan. Also Schuldgefühle brauchen Sie auf gar keinen Fall zu haben."

Schwerster Bernadette.

Die Mutter stirbt im Münchner Klinikum rechts der Isar. Dort ist Schwester Bernadette Krankenhausseelsorgerin. Durch die Pandemie geht es bei ihrer Arbeit mehr denn je um Leben und Tod, sie begleitet die Sterbenden und tröstet die Hinterbliebenen, stellt sich den Schicksalen wie so viele andere Seelsorger an der Front der Corona-Krise.

Gläubige kamen nicht in Versuchung, trotz Corona den Gottesdienst zu besuchen

Von ihrer Warte aus klingt der Vorwurf an die Kirchen, öffentliche Gottesdienste protestlos ausgesetzt zu haben, geradezu zynisch. Schließlich sind diejenigen, die in den Kliniken an Covid-19 sterben, im Durschnitt ähnlich alt wie die regelmäßigen Kirchgänger. Deshalb war der Verzicht auf öffentliche Gottesdienste richtig: So kamen Gläubige im Risikoalter nicht in Versuchung, trotz Corona in die Kirche zu gehen.

Und all die übrigen Ignoranten oder Unbekümmerten, die während Corona gerne in die Kirche gegangen wären, als sei alles wie immer, tun gut daran, die ausgesetzten Gottesdienste als solidarische und damit urchristliche Übung anzuerkennen, mit der Mitmenschen nicht zusätzlich in Gefahr gebracht wurden.

Nicht Zeit der Exekutive, sondern der Seelsorger und Laien

Nein, Kirche war in der Corona-Zeit nicht die Kirche des Klerus am Altar, die interessierte Kreise in normalen Zeiten so sehr beschwören. Für die Kirchen schlug mit Corona nicht „die Stunde der Exekutive“, wie es für die Politik gegolten haben mag. Es war vielmehr eine Kirche der Seelsorger und Laien am Krankenbett, in Pflegeheimen, am Notfalltelefon, an der Seite der Verzweifelten und Einsamen. Urchristlich, also. Und das so unprätentiös, dass Kritiker schon glaubten, die Kirchen hätten sich abgeschafft – nur, weil sie ein paar Wochen ohne Messbesuche auskommen mussten. 


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