Religion


9

Religion und Glaube in Bayern Liberales Judentum

Das liberale Judentum versteht sich als offen und progressiv. In der liberalen Münchner Gemeinde Beth Shalom sitzen Frauen und Männer in der Synagoge nebeneinander und die Speisevorschriften nimmt man auch etwas lockerer.

Von: Claudia Christophersen

Stand: 12.07.2016

Es ist heiß, die Hitze steht auf dem schwarzen Asphalt. Die Sonne spiegelt das Licht in den Fensterscheiben. Ein Industriegebiet im Süden von München. Nüchterne Büroklötze stehen nebeneinander gereiht. In einem davon befinden sich die Räume der liberalen jüdischen Gemeinde "Beth Shalom".

Frauen und Männer sind im liberalen Judentum gleich gestellt

Die liberale jüdische Gemeinde "Beth Shalom" in München.

Rund 20 Männer und Frauen sind heute Abend zum Gottesdienst gekommen. Auch hier herrscht Nüchternheit: Industriegebiet draußen, drinnen puristisches Industriedesign. Die Wände der Synagoge sind weiß gestrichen, die Stühle aus schwarzem Holz. Noch ist es hell, Tageslicht beleuchtet den großen Raum. Männer und Frauen sitzen nebeneinander, singen und beten zusammen, nicht durch eine Wand, einen Vorhang getrennt. Das ist ein markantes Zeichen für das liberale Judentum.

"Bei uns ist das Schöne, ich kann hierher mit meiner Frau und den Kindern kommen und wir können zusammen am Gottesdienst teilnehmen. Wir glauben ja nicht, dass die Frauen die Männer ablenken. Und für mich ist es etwas sehr Schönes, gemeinsam mit meiner Frau den Gottesdienst zu erleben, die Lieder zu singen."

Sven Dierschauer Gemeindemitglied

Geselligkeit wird groß geschrieben bei "Beth Shalom", auch an diesem Abend. Nach dem Gottesdienst sitzt man zusammen, unterhält sich, isst Brot, trinkt Wein. Köstliche kleine Vorspeisen aus der israelischen Küche stehen auf einer weiß gedeckten Tafel: Oliven, Humus, Tomaten, Gurken, in Blätterteig Gebackenes. Für viele ist dieses Beisammensein am Freitagabend, am Vorabend des Shabbat, eine wichtige Zäsur.

Im Judentum sind zwei Dinge wichtig: der Ruhetag und die Speiseregeln

Benjamin Roesky (l) und Rabbiner Tomas Kucera beim Lesen der Thora-Rolle.

Tomas Kucera ist Rabbiner der liberalen Gemeinde "Beth Shalom" in München. Im Judentum sind zwei Dinge ganz maßgeblich: der Ruhetag und die Speiseregeln. Will man sich streng an sie halten, ist dies ein Bekenntnis zur Orthodoxie. Wer es lockerer hält, ist liberal bzw. progressiv.

"Im Laufe der ganzen Geschichte, gab es immer Juden, die sich entschieden haben: Ja, ich werde es einhalten oder nein, ich werde es nicht einhalten. Letztendlich entscheidet der Mensch selbst, ob er diese Bürde, dieses Joch des Himmels, auf sich nimmt oder nicht. Ich glaube, dass das progressive Judentum den Mittelweg nimmt. Zum Beispiel: Es ist in Ordnung am Shabbat mit dem Wagen in die Synagoge zu fahren, weil man anders vielleicht gar nicht in die Synagoge kommen könnte."

Rabbiner Tomas Kucera

Das liberale Judentum ist nicht starr, festen Vorschriften verpflichtet. Was nicht heißen soll, dass liberale Juden sich bequem den Regeln entziehen möchten. Vielmehr gilt die fortgesetzte, kritische Auseinandersetzung mit Bestehendem. Passt das, was in der Schrift, in der Thora, steht, noch zur heutigen Lebenswelt? Eine anstrengende, aber zeitgemäße Herausforderung.

Zusammengefasst:

Für liberale Juden ist die Gleichberechtigung in vielerlei Hinsicht entscheidend. So darf im Gottesdienst die Liturgie auf Hebräisch gehalten werden, aber auch in der jeweiligen Landessprache. Gebete, deren Inhalt nicht mehr geteilt wird, zum Beispiel die Bitte um Wiedereinführung des Tieropfers, werden vermieden.

Männer und Frauen haben gleiche Rechte. Sie sitzen in der Synagoge nebeneinander, und Frauen dürfen zu Rabbinerinnen ordiniert werden. Speisegesetze und Shabbatruhe sind einzuhalten, ihre konkrete Ausführung aber obliegt der Verantwortung des Einzelnen.

Die Familie spielt im Judentum - egal ob orthodox oder liberal - eine zentrale Rolle, sie wird als "kleines Heiligtum", "mikdasch meat", verstanden. Werte und Traditionen können hier vorgelebt, gelehrt und weitergebenen werden.

Zahlen und Fakten
Die Union progressiver Juden wurde in Deutschland 1997 gegründet. Sie fasst die dezidiert liberal ausgerichteten jüdischen Gemeinden zusammen. In Deutschland gibt es 24 liberale Gemeinden, die zur Union progressiver Juden gehören. In Bayern hat die liberale Gemeinde ihren Sitz in München. Sie nennt sich Beth Shalom, Haus des Friedens, und hat 300 Mitglieder.

Glaube und Ziele
Die Grundlage für das Judentum, unabhängig von der Strömung, ist die Thora, die fünf Bücher Mose. Sie werden als Offenbarung Gottes angesehen, eine Offenbarung, die auch ganz praktische Bezüge und Regeln für den Alltag haben soll. Das liberale Judentum versteht die Auslegung der Thora sehr viel offener und progressiver als das streng orthodox ausgerichtete Judentum.

(Die Positionen, Aufgaben und die Zugehörigkeit zu einer Religion oder Weltanschauungs-gemeinschaft, der im Artikel genannten Personen, beziehen sich auf das Jahr 2012 und können sich mittlerweile geändert haben.)


9