Religion


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Religion und Glaube in Bayern Kurdische Jesiden

Sie sind eine uralte Religion: die in den Kurdengebieten des Nordirak und der Türkei beheimateten Jesiden. Doch dort werden sie seit langem diskriminiert und verfolgt. Deshalb leben immer mehr "Yezidi" im Exil. Auch in Bayern.

Von: Antje Dechert

Stand: 12.07.2016

Das Jesidentum ist eine der ältesten monotheistischen Religionen überhaupt - älter als das Christentum und der Islam. Entstanden ist die jesidische Religion im Mittleren Osten, um 2000 vor Christus - vermutlich aus dem indisch-persischen Mithraskult.

Im Zentrum des Glaubens der Jesiden steht der Schöpfergott Êzîd

Aber an was glauben Jesiden eigentlich? Im Zentrum, sagt Ilhan Kizilhan, Psychologieprofes-sor in Freiburg und selbst Jeside, stünde der Schöpfergott Êzîd. Er habe die Erde und sieben Erzengel erschaffen und die Engel wiederum den ersten Menschen, Adam. Höchster Engel ist Taus-i-Melek, den die Jesiden in Vogelgestalt, als Pfau abbilden. Als Mittler zwischen Gott und den Menschen werde Taus-i-Melek besonders verehrt, sagt Kizilhan.

"Einige Mythologien gehen davon aus, dass Taus-i-Melek vor der Existenz der Menschheit in einen Konflikt mit Gott geriet und dafür dreißigtausend Jahre bestraft wurde, in denen er einsam leben sollte. Laut der Geschichte hat er das so sehr bereut, dass er mit seinen Tränen ein Meer erschaffen hat. Und durch das Wasser aus den Tränen ist die Hölle erloschen. Und so hat er den Weg für die Jesiden dirket ins Paradies eröffnet."

Ilhan Kizilhan

Kurdische Jesiden glauben an die Wiedergeburt

Eine schöne Vorstellung: Aber was heißt das für das diesseitige Leben der Jesiden? Sie glauben, erklärt Kizilhan, dass nach dem Tod die guten und die schlechten Taten jedes Menschen quasi in die Waagschale geworfen werden. Und dann entscheidet sich, wie ein Mensch wiedergeboren wird - ob in einer höheren oder niedrigeren religiösen Kaste - bis seine  Seele zu Taus-i-Melek zurückkehrt.

Faik Raschid zeigt seine in der Heimat aufgenommenen Bilder.

"Jeside kann man allerdings nicht werden", fügt Kizilhan hinzu. Als Jeside werde man geboren, die Religion quasi vererbt, sei sie ethnisch an das Kurdentum gekoppelt. "Insofern geht man auch davon aus, dass vor der Islamisierung 622 die Mehrheit der Kurden Jesiden war und dann schrittweise - meist zwangsweise - islamisiert wurde.

Wie lebt man als Jeside in Bayern? Faik Raschid, ein 70-jähriger Mann, Jeside, der mit seiner Frau im Münchner Stadtteil Oberföhring wohnt, ist unsicher.

"Wenn nichts geschieht, löst sich unsere Kultur langsam auf. Sie verschwindet. Im Irak sind viele Yezidi nicht mehr sicher. Und ob das Jesidentum im Ausland überlebt? Da bin ich skeptisch. Viele Regeln - wie die Heirat in der eigenen religiösen Kaste - sind hierzulande schwer einzuhalten. Viele Jesiden wissen kaum etwas über ihre Traditionen. Sie kennen vielleicht den Ablauf bestimmter Feste, aber wissen kaum etwas über die Bedeutung, die dahinter steht."

Faik Raschid

Die Religion der Yezidi ist vom Aussterben bedroht

Faik Raschid war schon einmal optimistischer. Sein halbes Leben hat der ehemalige Journalist dafür gekämpft, dass die Religion seiner Vorfahren nicht ausstirbt. Das Ergebnis dieser Lebensaufgabe füllt jetzt die Regalreihen seiner Wohnzimmer-Schrankwand: an die 200 Videokassetten.

Faik Raschid dokumentierte mit seinen Videos die uralte Kultur der Jesiden.

Faik Raschid führte Interviews mit Geistlichen und fast hundertjährigen Frauen und Männern im Irak, die ihm von den religiösen Traditionen erzählten. Fast 30 Jahre lang hat Faik so die Religion der Jesiden dokumentiert. In Deutschland sind die Videokassetten das einzige, was seine Religion für ihn sichtbar macht. Denn in München gibt es keine Gemeinde für kurdische Yezidi, keinen Versammlungsort, wo sie beten und ihre traditionellen Feste feiern können. Das mache jede Familie für sich zu Hause, allenfalls mit Freunden.

Jesidisches Haus in Augsburg

Immerhin: Die Stadt München entscheidet gerade über die Genehmigung eines jesidischen Vereins. Und auch in Augsburg wurde vor kurzem ein jesidisches Haus gegründet. Vielleicht hat die Religion der kurdischen Yezidi also in Bayern eine Chance.

Zusammengefasst:

Die kurdischen Yezidi sind Anhänger einer der ältesten monotheistischen Religionen. Das Jesidentum soll 2000 Jahre vor Christus aus dem indisch-persischen Mithraskult entstanden sein. Auch naturreligiöse Elemente, wie das Beten in Richtung Sonne, spielen bei den Yezidi eine Rolle.

Zahlen und Fakten
Die Yezidi gehören dem Volksstamm der Kurden an. Ihre Zahl weltweit wird bis zu 800.000 geschätzt. Ursprünglich leben sie im Irak, in Syrien, in der Türkei und im Iran. Weil sie in der arabischen Welt von Extremisten verfolgt und selbst in den kurdischen Siedlungsgebieten diskriminiert werden, leben viele Yezidi in der Diaspora. In Deutschland gibt es schätzungsweise 50.000 Yezidi, überwiegend in Niedersachsen und Nordrhein-Wetsfalen. In Bayern gibt es wenige tausend.

Glaube und Ziele
Zentrale Figur neben dem Schöpfergott Ezid ist der Engel-Pfau Taus-i-Melek, der zwischen Gott und Menschen vermittelt. Yezidi lehnen den Dualismus von Gott und Teufel ab. Yezidi glauben zudem an die Seelenwanderung nach dem Tod und an die Erlösung im Jenseits durch ein moralisch und religiös vorbildliches Leben auf Erden.

(Die Positionen, Aufgaben und die Zugehörigkeit zu einer Religion oder Weltanschauungs-gemeinschaft, der im Artikel genannten Personen, beziehen sich auf das Jahr 2012 und können sich mittlerweile geändert haben.)


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