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Religion und Glaube in Bayern Falun Gong

Auf den ersten Blick sieht es wie Frühsport aus, wenn Falun-Gong-Anhänger ihre Leibesübungen machen. Ihnen geht es jedoch um mehr: Sie wollen das Qi ins Fließen bringen. Auch in Bayern, zum Beispiel in Nürnberg.

Von: Antje Dechert

Stand: 12.07.2016

Religion und Glaube in Bayern - Falun Gong | Bild: picture-alliance/dpa/Michal Kamaryt

Jeden Samstagmorgen ab 10 Uhr tönt die Stimme des Falun-Gong-Meisters über die große Wiese im Nürnberger Stadtpark gleich hinter dem Neptunbrunnen. Meister Li spricht aus einem kleinen, weißen Mp3-Player, der im Gras liegt. Im Kreis darum herum stehen zehn Männer und Frauen. Zu den Anweisungen des Meisters beugen sie sich langsam nach vorne und lassen ihre Handflächen die Beine entlang bis zu den Fußspitzen gleiten.

Falun Gong bringt "das Qi ins Fließen"

Was ein bisschen aussieht wie Wirbelsäulengymnastik ist eine der fünf Übungen von Falun Gong. "Jede Übung hat einen Namen und eine ganz bestimmte Funktion", sagt Sigrid Krammer. Die 47-jährige Sozialpädagogin kommt einmal pro Woche mit ihrem Mann und anderen in den Nürnberger Stadtpark, um Falun-Gong zu üben, um - wie sie sagt - das Qi ins Fließen zu bringen. Das ist laut chinesischer Philosophie eine alles durchdringende Energie, die den Körper mit dem Kosmos verbindet.

"Das ist jetzt die vierte Stehübung, die heißt Falun, Himmelskreis. Da werden die ganzen Energiebahnen im Körper aufgeschlossen und der ganze Körper wird gereinigt. Herr Li spricht von Energiesäulen, die wachsen über den Köpfen. Da gibt’s tatsächlich Bilder von Falun-Gong-Praktizierenden, wo man das sehen kann."

Sigrid Krammer

Rund 2.000 Falun-Gong-Anhänger in Deutschland

Sigrid Krammer praktiziert Falun Gong schon seit Ende der Neunziger Jahre. Damals war die noch junge chinesische Meditationsbewegung gerade nach Europa geschwappt. Heute soll es in Deutschland laut Schätzungen rund 2.000 Anhänger geben. Als eine Art alternative Medizin wollen die Falun-Gong-Anhänger ihre spirituelle Bewegung aber nicht verstanden wissen: "Falun Gong ist keine Wellness, sondern ein Kultivierungsweg", sagt Volker Ruprecht. Auch er meditiert regelmäßig nach den Anweisungen von Meister Li.

"Falun Gong hat eine sehr kräftigende, heilende Wirkung, ist aber nicht da, um zu heilen."

Volker Ruprecht

Falun Gong entstand in den 1990er Jahren in China.

Das klingt zugegeben ziemlich widersprüchlich. Hinter dieser Idee steckt jedoch ein komplexes Weltbild, wie es der Falun-Gong-Gründer Li Honghzi in seiner 1992 verfassten Schrift Zhuan Falun entworfen hat. Schlechte Taten, schreibt Li in seiner spirituellen Anleitung, erzeugten schlechtes Karma, also böse Energien und damit auch Leid und Krankheit. Dieses negative Karma müsse durch Tugendhaftigkeit beglichen werden. Und tugendhaft ist nach Li, wer konsequent seine Falun-Gong-Übungen praktiziert und sich an die folgenden drei Prinzipien hält: Toleranz, Wahrhaftigkeit und Barmherzigkeit. So könne man einen Weg aus dem Leid und dem Chaos der modernen Welt finden, den Kreislauf der Wiedergeburten durchbrechen und zu höheren Daseinsebenen gelangen.

Zusammengefasst:

Falun Gong ist in den 1990er Jahren aus der chinesischen Meditationsform Qi Gong entstanden. Es vermischt Elemente des Buddhismus und Daoismus mit traditioneller chinesischer Medizin und magischen Elementen aus dem Volksglauben.

Zahlen und Fakten
Die Bewegung ist nur lose organisiert. Nach eigenen Angaben zählt Falun Gong weltweit 100 Millionen Mitglieder. Die chinesische Regierung spricht von nur 2 Millionen. In China wird die Bewegung brutal verfolgt, da sie als sinnstiftende Weltanschauung und Gefahr für den Kommunismus gesehen wird.

Glaube und Ziele
Zentral ist für Falun-Gong-Anhänger der Begriff der Selbstkultivierung. Sie versuchen ihr Handeln nach den Prinzipien Toleranz, Wahrhaftigkeit und Barmherzigkeit auszurichten und glauben an die heilende Wirkung bestimmter Meditationsübungen. Ziel ist es, dadurch positive Energien zu erzeugen, die Menschen und Universum gleichermaßen läutern und auf eine höhere Daseinsebene heben.

(Die Positionen, Aufgaben und die Zugehörigkeit zu einer Religion oder Weltanschauungs-gemeinschaft, der im Artikel genannten Personen, beziehen sich auf das Jahr 2012 und können sich mittlerweile geändert haben.)


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