Religion


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Religion und Glaube in Bayern Bahai

Sie beten für die Einheit der Menschen und engagieren sich für den Weltfrieden: die Bahai. In Bayern gehören der jungen Weltreligion rund 600 Gläubige an. In Germering bei München haben die Bahai Neujahr gefeiert - am 21. März.

Von: Anna Schleinzer

Stand: 12.07.2016

Eine üppige brasilianische Schoko-Sahne-Torte, persischer Kartoffel-Reis, italienischer Feld- und deutscher Kartoffelsalat - das Buffet im Wohnzimmer von Familie Ayvazian ist so international wie die Germeringer Bahai-Gemeinde. Nach und nach trudeln die Gläubigen ein, sie haben Wurzeln in Brasilien, Armenien, Italien, Iran und Deutschland. Weil die Gemeinde mit rund 20 Mitgliedern so klein ist, werden reihum die Wohnzimmer zum Gemeindezentrum umfunktioniert.

Bahai-Religion ist aus dem schiitischen Islam hervorgegangen

"Happy Naw-Ruz" rufen die Gläubigen sich zur Begrüßung zu und wünschen sich damit am 21. März ein frohes neues Jahr. Die Bahai-Religion ist im 19. Jahrhundert aus dem schiitischen Islam hervorgegangen. Der Name "Baha'í" geht auf den Religionsstifter Baha'u'llah (1817-1892) aus Persien zurück. Für die Bahai ist Baha'u'llah so was wie Jesus für Christen und Mohammed für Muslime.

"Wir sehen das so: Gott bringt immer wieder Boten auf die Erde, die die Menschen führen, es gibt also keinen ersten und letzten. Auch nach Baha'u'llah wird es wieder einen weiteren geben. Er ist nicht besser oder schlechter, er ist einfach der für die jetzige Zeit."

Harald Hackländer

Baha'u'llah hat sich - im Gegensatz zu seinen Vorgängern - zum Beispiel für Gleichberechtigung stark gemacht, sagt das Gemeindemitglied Neda Kolks: "Sicher haben sie unterschiedliche Stärken, aber ohne dass Frauen die gleichen Rechte wie Männer besitzen, ist Frieden nicht umzusetzen."

Bahai-Andacht: YouTube-Video statt Orgelmusik

Der Religionsstifter Baha'u'llah hat eine große Zahl an Schriften hinterlassen, etwa das "Buch der Gewissheit." Darin zitiert er unter anderem aus Thora, Bibel und Koran und begründet damit die Einheit der Religionen. Auch bei den Bahai-Andachten dürfen Gedanken aller möglichen Glaubenstraditionen vorgetragen werden.

Auch YouTube-Videos sind dabei erlaubt, deswegen startet Harald Hackländer gleich mal eins. Über den großen Flachbildfernseher fliegen Fotos vom Bahai-Weltzentrum im israelischen Haifa. Dazu singt die iranisch-amerikansiche Sängerin Parvin Davari ein Friedensgebet. Die Gläubigen lauschen auf Klappstühlen, Sessel und Sofa. Der Jüngste kriegt noch die Flasche, die Älteste ist schon im Rentenalter.

Harald Hackländer leitet die Andacht. Er ist aber kein Geistlicher, denn einen Klerus kennt die Bahai-Religion nicht. Der 48-Jährige arbeitet beim internationalen Bund der Wohnungslosenhilfe. Früher war er mal evangelisch, nach einem schweren Verkehrsunfall hat er die Bahai-Religion für sich entdeckt.

Bahai engagieren sich weltweit für Frieden

Die Kinder von Antonello sind christlich getauft - sie sollen sich später selber für oder gegen die Bahai-Religion entscheiden

Die Bahai engagieren sich auf der ganzen Welt und auf politisch höchster Ebene für Frieden und interreligiösen Dialog. Etwa bei den Vereinten Nationen oder dem Kinderhilfswerk UNICEF. Auch innerhalb der eigenen Familie wollen die Bahai respektvoll und offen mit anderen Religionen umgehen, erklärt der Schauspieler und Manager Antonello di Montechristo Bel-Cuore, 43 Jahre alt: "Ich bin halb Italiener, halb Perser, meine Exfrau ist Mexikanerin und die Kinder lernen beide Welten kennen. Ich habe beide sogar bei der Taufe gehalten und wenn die beiden irgendwann sagen, ich will Christ sein, dann ist das für mich kein Problem. Es gibt nur einen Gott und einen Glauben."

Zusammengefasst

Die Bahai sind eine relativ junge Weltreligion, die im 19. Jahrhundert aus dem schiitischen Islam Persiens hervorgegangen ist. Im Iran, dem Heimatland der Religion, werden Bahai als "Abtrünnige vom Islam" bis heute verfolgt.

Zahlen und Fakten
Weltweit hat die Bahai-Religion etwa sechs Millionen Anhänger. In Deutschland gehören ihr ungefähr 5.000 Menschen an - in Bayern sind es schätzungsweise 600.

Glaube und Ziele
Die Bahai glauben an das Prinzip der fortschreitenden Gottesoffenbarung, d.h. die alten Lehren aus Thora, Bibel und Koran sind ein wichtiges Fundament, müssen aber jeweils an die aktuelle Zeit angepasst werden. Ein wichtige Anforderung ist  für die Bahai etwa das Thema Globalisierung: Sie wünschen sich eine Welt mit einer gemeinsamen Sprache, Währung und gesellschaftlichen Ordnung.

(Die Positionen, Aufgaben und die Zugehörigkeit zu einer Religion oder Weltanschauungs-gemeinschaft, der im Artikel genannten Personen, beziehen sich auf das Jahr 2012 und können sich mittlerweile geändert haben.)


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