Religion


13

Religion und Glaube in Bayern Aleviten

Sie beten nicht fünfmal am Tag, sie legen keinen Wert auf den Ramadan oder auf Verschleierung: Die Aleviten haben zwar Anknüpfungspunkte zum schiitischen Islam, sehen sich jedoch nicht als Muslime, denn es gibt zentrale Unterschiede.

Von: Daniel Knopp

Stand: 12.07.2016

Religion und Glaube in Bayern - Veranstaltung in der Alevitengemeinde München e.V. | Bild: Alevitische Gemeinde München

Bei den Diskussionen über einen möglichen EU-Beitritt der Türkei denken wir nicht selten an den Islam. Tatsächlich leben kaum noch Christen in der Türkei und zunehmend wird der Laizismus der Türkei in Frage gestellt. Doch was bei allen Diskussionen vergessen wird, ist die Glaubensgemeinschaft der Aleviten. Immerhin jeder fünfte Einwohner der Türkei ist Alevit und so leben auch in Deutschland etwa 800.000 Aleviten. In Bayern sind es etwa 30.000.

Die Aleviten berufen sich auf Ali, den Schwiegersohn Mohammeds

Dede Cömert Akbayin ist Dede der alevitischen Gemeinde in München. Wörtlich übersetzt heißt Dede "Großvater". Ein Titel, der durch Abstammung vergeben wird. Auch an Frauen, diese heißen dann nicht Dede, sondern Ana. Ein Dede oder ein Ana ist eine Art Gemeindevorsteher.

Die Aleviten sehen ihre Dedes oder Anas als direkte Nachkommen des Heiligen Ali. Ali wiederum war der Schwiegersohn des Propheten Mohammed. Aleviten sind jedoch keine Muslime und so betet Dede Akbayin nicht in eine bestimmte Richtung oder an einer bestimmten Tageszeit.

Den gemeinsamen Gottesdienst nennen die Aleviten Cem, auf Deutsch: "Versammlung". Das Gemeindehaus heißt dementsprechend Cem-Haus. Das Cem-Haus der alevitischen Gemeinde in München liegt an der Neuherbergerstraße im Münchner Norden. Ein ehemaliges Gasthaus, das für 400 Gemeindemitglieder manchmal etwas zu klein sei, sagt Ugur Kör.

Versammlungshaus ist fast zu klein

Sara Püsküllü ist Vorsitzende der Gemeinschaft Junger Aleviten in München. Zusammen mit anderen Jugendlichen organisiert sie Volkstanzkurse, hilft bei der Hausaufgabenbetreuung und engagiert sich in der Theatergruppe der Gemeinde. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist für Sara Püskülü selbstverständlich.

"Frauen sind bei uns gleichgestellt. Der Mann ist nicht höher. Auch bei unseren Gebeten sind wir gemeinsam. Da gibt es keinen Unterschied. Definitiv nicht"

Sara Püskülü

Die Aleviten in Bayern sind eine staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft. Seit 2008 gibt es deswegen auch in Bayern einen alevitischen Religionsunterricht. Momentan nehmen etwa 300 alevitische Grundschüler daran teil. Ugur Kör koordiniert den Religionsunterricht der Aleviten in München.

"Die alevitische Glaubenslehre kennt kein Schrifttum und wir mussten einen Lehrplan entwickeln. Die Lehrer sind Lehrer mit deutscher Ausbildung."

Ugur Kör

Zusammengefasst

Die Aleviten sind eine eigenständige Glaubensgemeinschaft, die viele Elemente aus den vorislamischen Religionen und der islamischen Mystik vereint. Sie bemühen sich um Offenheit und Toleranz.

Zahlen und Fakten
In Bayern leben etwa 30.000 Aleviten, die meisten kommen aus der Türkei. Zentren der Aleviten in Bayern sind Augsburg, München, Nürnberg und Schweinfurt.

Glauben und Ziele
Die Aleviten glauben an Gott, an Mohammed und an den Imam Ali. Für die Aleviten ist Ali der einzig legitime Nachfolger des Propheten Mohammed. Die Aleviten streben nach Mitmenschlichkeit und Frieden auf Erden. Die Frage nach dem Jenseits beschäftigt Aleviten nur wenig.

(Die Positionen, Aufgaben und die Zugehörigkeit zu einer Religion oder Weltanschauungs-gemeinschaft, der im Artikel genannten Personen, beziehen sich auf das Jahr 2012 und können sich mittlerweile geändert haben.)


13