Religion


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Neuanfang nach 1945 Der lange Weg aus dem Schatten

Die jüdische Gemeinde München wurde wie die anderer deutscher Städte durch Hitler fast ausgelöscht. 1933 zählte München etwa 9.000 Juden, im Mai 1945 keine Hundert. Heute ist die Gemeinde fast wieder so groß wie in den 1920er-Jahren.

Stand: 26.10.2008 | Archiv

Im Juni 1945 kehrten zwischen 150 und 160 Überlebende aus dem KZ Theresienstadt zurück. Sie kamen als sogenannte "Displaced Persons" (DP).

Displaced Persons

Der Begriff "Displaced Person" (DP) stammte von den Alliierten. Als DP galt jeder, der durch die Politik der Nazis und den Krieg sozial entwurzelt und politisch rechtlos wurde - in der Regel KZ-Häftlinge und aus den von den Nazis besetzten Ländern rekrutierte Zwangsarbeiter.

In den folgenden Jahren kamen mehrere Tausend Juden - zum Teil als Flüchtlinge vor neuen Pogromen - aus Osteuropa in sogenannte DP-Camps in München und vielen anderen bayerischen Orten: Displaced Persons, die in der amerikanischen Zone landeten, und in den Auffanglagern eine vorübergehende Unterkunft fanden. Ironie der Geschichte: Die ehemalige "Hauptstadt der Bewegung" wurde durch die DP-Lager temporär zu einem Zentrum jüdischen Lebens in Europa.

Nach dem Krieg: nichts wie weg

Die meisten der DPs wollten nicht im ehemaligen Land der Judenmörder bleiben. Für sie waren die Camps Durchgangsstation auf dem Weg in die USA, nach Palästina (bzw. ab 1948 nach Israel) oder in ein anderes Land. Nicht allen jedoch gelang die Ausreise, einige von ihnen blieben in München. Sie bildeten die Basis für den Neuanfang jüdischen Lebens in der Stadt.

1971: Grundsteinlegung für neues Gemeindehaus

Am 19. Juli 1945 wurde die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) München neu gegründet, am 20. Mai 1947 die Synagoge in der Reichenbachstraße neu eingeweiht. Von den Emigranten kamen nicht viele nach München zurück, unter anderen die jüdische Schauspielerin Therese Giehse.

Neue orthodoxe Gemeinde

Die Gemeindemitglieder bestanden aus den wenigen überlebenden deutschen Juden, zum größten Teil jedoch aus osteuropäischen DPs. Im Gegensatz zur liberalen jüdischen Gesellschaft der Vorkriegszeit wurde nach dem Krieg die orthodoxe Tradition der Osteuropäer weitergepflegt. Die Führungspositionen behielten aber die deutschen Juden, von Julius Spanier über Fritz (Siegfried) Neuland, dem Vater der jetzigen Vorsitzenden Charlotte Knobloch, bis Hans Lamm. Seit dessen Tod 1985 ist Knobloch IKG-Präsidentin.

Alter Antisemitismus

Entschädigung

Jüdisches Vermögen und Eigentum wurde während der Nazi-Herrschaft zum größten Teil "arisiert", das heißt meist enteignet. Nach dem Krieg stellten Juden Rückerstattungs-Forderungen.

Zwar wurde nach dem Krieg wieder eine Infrastruktur mit Rabbinat, Schulen, Bibliotheken, Kulturveranstaltungen oder Sportverein geschaffen, dennoch fristete die Gemeinde in München sehr lange ein Schattendasein. Das hatte einerseits demografische Ursachen, die Anzahl der Münchner Juden sank beständig: 1950 zählte man etwa 4.800, 1975 knapp 4.000 und 1995 nur noch rund 2.200.

Zum anderen blieb man in Deutschland so kurz nach dem Holocaust lieber unter sich. Viele der Überlebenden verhielten sich gegenüber den Deutschen verständlicherweise reserviert. Manche zogen sich in ein selbst gewähltes Getto zurück, oft auch in ein seelisches. Verstärkt wurden solche Tendenzen dadurch, dass Juden immer wieder mit Antisemitismus konfrontiert wurden. In seiner schlimmsten Ausprägung manifestierte er sich in München im Jahr 1970. Ein Brandanschlag auf das Altenheim der IKG forderte sieben Todesopfer. Der Vorfall wurde nie aufgeklärt.

Zuwachs durch Zuwanderung

In den 1990er-Jahren erhielt der Schrumpfungsprozess einen unerwarteten Umkehrschub. Die ehemalige UdSSR erleichterte die Ausreise für ihre jüdischen Bürger und Deutschland nahm Jahr für Jahr mehrere Tausend sogenannter Kontingentflüchtlinge aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion auf. Die beiden Münchner jüdischen Gemeinden, die Israelitische Kultusgemeinde und die liberale Gemeinde Beth Shalom, haben nun insgesamt wieder etwa 10.000 Mitglieder. München ist damit in Deutschland nach Berlin die Stadt mit der zweitgrößten Anzahl von Juden.


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