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Missbrauchsskandal Was wusste Benedikt XVI.?

"Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund." Diese Formel aus Gottesdiensten bekommt durch den Missbrauchsskandal neue Bedeutung: Die Katholiken warteten bei dem Thema lange auf ein Wort des Stellvertreters Christi auf Erden.

Stand: 17.07.2017

Papst Benedikt XVI. | Bild: picture-alliance/dpa

Erst am 11. Juni 2010 - vier Monate nach dem Bekanntwerden der ersten Missbrauchs- und Misshandlungsfälle in der katholischen Kirche - gab es eine Art "Mea Culpa" von Benedikt XVI. Der Papst bat die Opfer bei einer Messe auf dem Petersplatz in Rom um Vergebung.

"Wir bitten Gott und die betroffenen Menschen inständig um Vergebung und versprechen zugleich, dass wir alles tun wollen, um solchen Missbrauch nicht wieder vorkommen zu lassen."

Papst Benedikt XVI. bei einer Messe auf dem Petersplatz

Papst: Kirche muss sich erneuern

Die Weihnachtswoche 2010 eröffnete der Pontifex dann mit einem Rückblick auf den Skandal um den sexuellen Missbrauch durch katholische Priester. Das unvorstellbare Ausmaß des Skandals habe Papst und Kirche erschüttert, sagte Benedikt in Rom auf dem traditionellen Weihnachtsempfang für die Kurie. Minderjährige seien tief verletzt und für ihr ganzes Leben geschädigt worden. Die Kirche müsse diese Vorkommnisse als einen Aufruf zur Wahrheit und zur Erneuerung nutzen, machte der Papst deutlich.

Papst em. Benedikt XVI.

Wochenlang stand Benedikt XVI. zunächst selbst unter Beschuss, weil er sich nicht zu den Missbrauchsfällen geäußert hatte - und er wurde auch von seiner eigenen Vergangenheit eingeholt: Als Erzbischof von München und Freising stimmte der heutige Papst 1980 dem Umzug eines pädophilen Priesters von Essen nach Oberbayern zu, wo dieser sich später wieder an Kindern vergriff. An dem Fall entzündete sich eine heftige Diskussion um die Frage, wie viel Joseph Ratzinger wusste und wie groß seine persönliche Verantwortung konkret ist.

Eine Aktennotiz vom 20. Januar 1980

Es sei damals beschlossen worden, dem einschlägig verurteilten Kirchenmann Unterkunft in einem Pfarrhaus zu geben, damit er eine Therapie machen könne. "Diesen Beschluss hat der damalige Erzbischof mit gefasst", hieß es aus dem Erzbistum. Dennoch: Der pädophile Priester wurde wieder in der Seelsorge eingesetzt. Dass Ratzinger das wusste, haben das Bistum und der Vatikan dementiert. Die New York Times erhob jedoch den Vorwurf, dass Ratzinger sehr wohl Kenntnis davon hatte, und führte als Beweis eine Aktennotiz vom 20. Januar 1980 an.

In dieser wurde festgehalten, dass der pädophile Geistliche mit Beginn der Therapie zur Seelsorgemithilfe in einer Münchner Pfarrei zugelassen sei. Lorenz Wolf, Chefjurist des Erzbistums München-Freising, stellte die Niederschrift als Routinevorgang dar. Es sei daher "unwahrscheinlich", dass die Aktennotiz auf dem Schreibtisch Ratzingers gelandet sei.

Gutachterin Westpfahl zu Ratzingers Verantwortung

Rechtsanwältin Marion Westpfahl

Rechtsanwältin Marion Westpfahl analysierte die Akten des Erzbistums München und Freising auf Misshandlung und Missbrauchsfälle. Auf einer Pressekonferenz sprach sie von einem "auffälligen" Priester, der in die Amtszeit von Ratzinger als Erzbischof fiel. Laut Westpfahl habe er sich damals persönlich damit befasst, das sei aus den Akten ersichtlich.
Ratzinger habe dem Priester auf dessen Klagen hin in einem mehrseitigen Brief die Gründe für die Abberufung aus der Pfarrei südlich von München dargelegt. Ob damals Strafanzeige erhoben wurde, sei aufgrund der schlechten Aktenlage aber nicht sicher, sagte Westpfahl. Sie bezweifelte es und gehe davon aus, dass sich der damalige Erzbischof nicht mit der Frage befasst habe. Die entscheidende Bedeutung in solchen Fällen komme vielmehr den Generalvikaren zu.

Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung

Rücktritt gefordert

Bei der Bundesversammlung von "Wir sind Kirche" in Würzburg wurde sogar der Rücktritt von Benedikt XVI. gefordert. Kardinal Ratzinger seien seit 2001 mehr als 300 Missbrauchsfälle gemeldet worden. "Man muss sich fragen, ob er Mittäter war, weil er nichts getan hat", sagte Hans-Peter Hurka, damals Vorsitzender der Kirchenreformbewegung in Österreich.

Tilmann Kleinjung aus der Kirchenredaktion des Bayerischen Rundfunks unterscheidet hierbei zwischen Schuld und Verantwortung. Erzbischof Ratzinger treffe keine direkte Schuld an der Fehlentscheidung seines damaligen Stellvertreters. Aber als Bischof sei Ratzinger verantwortlich für die Entscheidung seines Stellvertreters.

"Der Papst kann nicht bestreiten, dass er für die Vertuschung mitverantwortlich ist", sagte auch Kirchenkritiker Hans Küng im April 2010 im Bayerischen Rundfunk. Er sei gut informiert gewesen: als Professor über die Vorgänge in Regensburg, als Erzbischof über die Lage in München, 22 Jahre als Präfekt der Glaubenskongregation in Rom und jetzt als Papst.

Bischöfe fühlen sich durch Papst bestärkt

Münchens Erzbischof Reinhard Marx

Während es an der Kirchenbasis rumorte, ließen die deutschen Bischöfe keinerlei Enttäuschung über ihren Papst erkennen. Der damalige Vorsitzende der Freisinger Bischofskonferenz, Münchens Erzbischof Reinhard Marx, sagte, die Bischöfe fühlten sich durch Benedikt XVI. bestärkt. Der Pontifex weise seit Jahren darauf hin, dass es gegenüber sexuellem Missbrauch keine Toleranz geben dürfe.

"Ich spüre kein Defizit bei der Unterstützung des Papstes."

Erzbischof Reinhard Marx


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