Religion


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Licht-Therapie Die besten Mittel gegen den Winterfrust

Laut Schöpfungsgeschichte erschuf Gott am ersten Tag Himmel und Erde und dann sofort das Licht. Denn: Licht schafft Leben. Doch was passiert, wenn zu wenig Licht seelisch und körperlich zu schaffen macht? Die Winterdepression ist nicht nur ein ungutes Gefühl, sondern eine ernstzunehmende Verstimmung.

Von: Michael Freund

Stand: 02.11.2017

Holz Terrasse am Strand und Sonne Licht | Bild: colourbox.com

Die Tage kurz, der Himmel trüb, die Laune schlecht – das ist der Winterblues! Sein schwermütiger Rhythmus erklingt spätestens zum Jahresende und dauert oft bis zum Frühlingsbeginn. Betroffene sollten aufpassen, dass dieses Gefühl nicht chronisch wird. Andererseits: Ein wenig Melancholie, Gelassenheit und gepflegte Schlaffheit können wir uns in der Wintersaison schon gönnen. Also kein Grund zur Panik?

Symptome einer Winterdepression

Prof. Dr. Till Roenneberg, Professor am Institut für Medizinische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, erklärt die Symptome: "Das sind Antriebslosigkeit, kein positives Denken mehr und die Saisonalität - d.h. ich bekomme das nicht im Frühjahr, sondern schon im Herbst. Hinzu kommt oft noch der Hunger nach Kohlehydraten."

Sozialer Rückzug, sinkende Arbeitsleistung

Weitere Symptome sind ein vermehrtes Schlafbedürfnis, sozialer Rückzug, geringere Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz. Die Unterschiede zwischen einer Winterdepression und einer echten Depression, bei der oft noch eine ausgeprägtes Minderwertigkeitsgefühl oder sogar Selbstmordgedanken hinzukommen, sind also deutlich. Trotzdem sollte man das Phänomen nicht auf die leichte Schulter nehmen.

"Es gibt Patienten, die unter einer Depression leiden und die dann eine Verstärkung der Symptomatik erleben, wenn das Tageslicht fehlt. Für Menschen aber, die nur saisonal von einem leichten Winterblues betroffen sind, reicht oft der Griff nach einfachen 'Aufhellern'."

Prof. Dr. Dr. Martin E. Keck, Max-Planck-Institut für Psychiatrie in Schwabing

Es werde Licht!

Die wichtigsten Maßnahmen gegen diese in Fachkreisen "Saisonal abhängige Depression", kurz SAD (engl. "Seasonal affective Disorder"), genannte Krankheit, ist schlicht und ergreifend: Sonnenlicht! Weil das aber im Winter oft fehlt, versuchen Techniker und Wissenschaftler, Licht zu imitieren. Dafür haben sie Geräte entwickelt, die die Wirkung der Sonnenstrahlen nachahmen und so als Therapiemethode zum Einsatz kommen. Man kann diese Therapielampen im Fachhandel und in Internetshops schon ab 50 Euro aufwärts erwerben. Prof. Dr. Dr. Martin E. Keck, Chefarzt am Max-Plank-Institut für Psychiatrie in München weiß einen einfachen Rat: "Setzen sie sich morgens in der Früh eine halbe Stunde vor eine sehr helle Lichtquelle, bei 10.000 Lux ungefähr. Dabei kann man gleichzeitig lesen oder etwas anderes tun."

Also "Licht an!" zum Frühstück oder bei der Zeitungslektüre! Wer das jeden Morgen beherzigt, hat oft mehr vom Tag. Denn er bekommt einen kräftigen Schuss antidepressive Energie. Und das ohne jegliche Nebenwirkungen. Denn die für Haut und Augen schädliche UV-Strahlung, die unsere Sonne abstrahlt, enthält das Lampenlicht nicht.

Aber wie funktioniert sie?

Aber wie funktioniert diese "Augendusche" eigentlich körperlich? Nach jahrzehntelanger Forschung sind sich die Experten längst sicher: "Über die Netzhaut erreichen die Lichtstrahlen Nervenzellgebiete, die sehr wichtig sind für die Stimmungsregulation,  z.B. den Hypothalamus, und stimulieren ihn. Dort sitzt die sogenannte Masterclock, die Hauptzeituhr, die unsere Stimmung aber auch viele andere Dinge steuert und die regen wir durch Lichttherapie wieder an. Man wird also wacher, aufmerksamer, bekommt einfach bessere Laune.

Hinaus ins Freie!

Noch besser als die "Ersatzsonne" ist aber die natürliche Lichttherapie – ein ausgedehnter Spaziergang zum Beispiel oder Eisstockschießen. Dazu muss gar nicht die Sonne scheinen. Selbst ein bedeckter Wintertag garantiert eine Beleuchtungsstärke von 3500 Lux.
Kleines negatives Gegenbeispiel: Die normale Beleuchtung im Büro reicht gerade einmal an 500 Lux heran, zu wenig, um frisch-fröhlich seine Arbeit zu verrichten.

Lux (lx) = Beleuchtungsstärke

Heller Sonnentag:

100 000 lx

Bedeckter Sonnentag:

20 000 lx

Schatten im Sommer:

10 000 lx

Bedeckter Wintertag:

3.500 lx

Flutlicht Fußballstadion:

1.400 lx

Büro- oder Zimmerbeleuchtung:

500 lx

Wohnzimmer:

50 lx

Straßenbeleuchtung:

10 lx

Kerze:

1 lx

Vollmond:

0,25 lx

Sternenklare Nacht:

0,001 lx

Bewölkter Nachthimmel:

0,00013 lx

Wenn also im Herbst die letzten Blätter segeln, der Nebel bis in die Seele kriecht und sich der Tag verdunkelt, dann sollten Sie zur Tat schreiten, bevor sich das winterliche Stimmungstief einnistet. Denn das Phänomen des Winterblues, so Roenneberg und Keck, ist bei weitem unterschätzt.

"Die Winterdepression ist eine echte Krankheit und die kann man durch Lichttherapie relativ gut in den Griff kriegen," rät Roenneberg, der in seinem Institut den Einfluss des Lichts auf den Tagesrhythmus des Menschen untersucht. Die "Trübe-Tassen-Stimmung" sei vor allem in den nördlichen und mittleren Breiten der Erde zu verzeichnen. Angeblich sind vor allem Frauen ab 30 betroffen. Ein möglicherweise leichtsinniger Trugschluss, gerade von Männern.

"Frauen sind bei der Depression immer häufiger betroffen. Das hat aber viele Gründe. Frauen sprechen meist eher über ihre Symptome und suchen schneller ärztliche Hilfe auf als Männer."

Prof. Dr. Dr. Martin E. Keck, Max-Planck-Institut für Psychiatrie

Sicher ist: Das Leiden ist längst wissenschaftlich anerkannt, ebenso die Behandlungsmethoden. "Lichttherapie hilft auch bei normalen Depression und ist Teil der Therapie in unserem Hause", so Prof. Keck über die so gut wie nebenwirkungsfreie und vorbeugende Heilmethode. Brigitte Steininger ist jedenfalls überzeugt von der Wirkung: "Ich brauche die Lichttherapie jeden Tag!" Die Patientin leidet unter Depressionen und hat während ihres achtwöchigen Aufenthalts in der Klinik von Prof. Keck täglich vor einer Therapielampe gesessen:

"Am Besten macht man es in der Früh, nach dem Aufstehen. Das bringt schon sehr viel. Man ist einfach wacher und aktiver!"

Brigitte Steininger

Ab in den Süden!

Luxustipp am Rande: Eine Reise in südliche, sonnenverwöhnte Gefilde ersetzt Lichtlampen und andere Stimmungsaufheller in idealer Weise. Die Experten Roenneberg und Keck geben ihren Patienten und anderen Ratsuchenden aber gerne einen ganz anderen Tipp mit auf den Weg. Sie raten, sich weniger von den Zwängen des Alltags einengen zu lassen, traurige Stimmungen in der dunkleren Jahreszeit zu akzeptieren und gelassener zu bleiben.

"Wenn wir immer denken, wir müssten immer gut drauf sein, dann ist die Tatsache, dass wir nicht gut drauf sind, eine Katastrophe. Wenn wir allerdings davon ausgehen, dass wir es uns alle leisten können, im Winter etwas mehr 'Blues' zu empfinden, im Sommer dafür mehr Euphorie – dann machen wir uns das Leben etwas leichter."

Prof. Dr. Till Roenneberg, Ludwig-Maximilians-Universität München


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