Religion

Kommentar Dieser Abend ist heilig. Kein Gottesdienstverbot an Weihnachten!

Dieser Abend ist vielen Menschen heilig. Selbst solchen, die mit dem Christentum nicht so viel anfangen können. Ein Verbot von Gottesdiensten an Weihnachten darf es daher nicht geben, kommentiert Tilmann Kleinjung.

Von: Tilmann Kleinjung

Stand: 21.12.2020

Weihnachten im Lockdown - Gottesdienste auf dem Prüfstand (Symbolbild) | Bild: picture alliance / Geisler-Fotopress | Ulrich Stamm/Geisler-Fotopress

Dieser Abend ist vielen Menschen heilig. Selbst solchen, die mit dem Christentum nicht so viel anfangen können. Und der Besuch eines Gottesdienstes am 24. Dezember gehört selbst im säkularen Deutschland für viele Familien zum Weihnachtsritual. Für manche ist es der letzte Bezugspunkt zur Kirche. Die Profis sprechen etwas abfällig vom "Weihnachtschristentum".

Die Botschaft ist klar: Wir sind noch "systemrelevant"

Die Kirchengemeinden selbst verkünden mit einigem Stolz die ungewöhnlich hohen Besucherzahlen bei den Weihnachtsgottesdiensten. Das sind dann mal andere Zahlen als die alljährlichen Austrittsstatistiken. Die Botschaft ist klar: Seht her, wir sind noch eine gesellschaftliche Größe. Heute würde man sagen: Wir sind noch "systemrelevant".

An Ostern 2020 war der Eindruck ein anderer. Am höchsten Fest der Christenheit blieben die Kirchen zu, öffentliche Gottesdienste waren verboten. Und die Kirchen fügten sich. Den Verzicht auf die gewohnte Gottesdienstpraxis sahen sie als ein Gebot der christlichen Nächstenliebe. Kirchenintern gab es daran Kritik: Die Bischöfe hätten zu schnell klein beigegeben, hätten geschwiegen, hätten die Verletzung der grundgesetzlich garantierten Religionsfreiheit klaglos hingenommen. Das will man sich diesmal offenbar nicht nachsagen lassen. Und deshalb halten fast alle Diözesen und Landeskirchen an den Feiertagsgottesdiensten fest.

Kirchen haben ihre Hausaufgaben gemacht

Sie haben ja ihre Hausaufgaben gemacht. In kaum einem Bereich des öffentlichen Lebens gibt es ein so ausgefeiltes Hygienekonzept wie bei den großen christlichen Konfessionen. Das hat sogar die Nationale Akademie der Wissenschaften "Leopoldina" anerkannt und deshalb in ihrer jüngsten Stellungnahme keine Notwendigkeit gesehen, Gottesdienste an Weihnachten weiter einzuschränken.

Abstand halten, Masken auch in der Kirchenbank aufsetzen, summen statt singen – all das hat sich eingespielt in den Kirchengemeinden. Seit Monaten machen sich die Verantwortlichen Gedanken, wie sie die Besucherströme an Weihnachten kanalisieren: viele kleine Gottesdienste statt einem großen, im Freien statt in der Kirche.

Weihnachtsgottesdienste spenden Trost im Pandemie-Jahr

Seit wieder Gottesdienste mit Publikum möglich sind, lassen sich zwei Dinge beobachten: 1. Nach dem Lockdown ist der Kirchenbesuch noch einmal zurückgegangen. Das mag für die Gemeinden schmerzlich sein, zeugt aber auch von einem hohen Bewusstsein der Besucher um die potenziellen Risiken. 2. Gottesdienste sind keine Corona-Partys. Die Hygienekonzepte funktionieren. Bis auf wenige Veranstaltungen in freikirchlichen Gemeinden waren Gottesdienste keine Corona-Multiplikatoren.

Deshalb sollten es die politisch Verantwortlichen den Kirchen überlassen, ob und wie die Gottesdienste an Weihnachten stattfinden. Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein - oder vom Weihnachtsplätzchen. In diesen Tagen brauchen wir Kraftquellen, Trost. Und den finden viele Christen in Gottesdiensten. Das mögen die Skeptiker albern, irrational, unverantwortlich finden. Aber das gilt auch und besonders für das Weihnachten im Pandemiejahr 2020: Dieser Abend ist heilig.