Religion


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Bluttest auf Trisomie 21 Werden Kinder zu einem Produkt?

Wird ein Bluttest auf Trisomie 21 als Kassenleistung dafür sorgen, dass noch mehr Kinder mit dem Risiko auf Down-Syndrom abgetrieben werden? Oder ändert sich dadurch nicht viel? Das sind nicht die wesentlichen Fragen, findet Matthias Morgenroth.

Von: Matthias Morgenroth

Stand: 19.09.2019

Matthias Morgenroth | Bild: BR/Julia Müller

Ändert sich etwas für Eltern, wenn der Bluttest zu möglichen Gendefekten des werdenden Kinds jetzt von der Kasse bezahlt wird?

Ja, sagen die Kritiker und sprechen von Selektion als Kassenleistung oder Rasterfahndung im Mutterleib: Zahlen etwa aus den Niederlanden belegen, dass im Fall des diagnostizierten Down-Syndroms 95 Prozent der Frauen abtreiben – und dies ungeachtet des Risikos einer Fehldiagnose. Und überdies sei Trisomie 21 ja keine Krankheit, sondern lediglich eine Abweichung von der Norm.

Nein, es verändert sich nicht viel, sagen die Befürworter, denn erstens ist das aktuelle Ultraschall-Screening zum Ausschluss von Trisomie 21 und anderen Gendefekten schon fest verankert im Konzert der zahlreichen Untersuchungen des Fötus, wenn auch zu einem späteren Zeitpunkt der Schwangerschaft, und zweitens sei es in hohem Maße asozial, wenn nur diejenigen, die es sich leisten können und wollen, in den Genuss kommen, den Bluttest machen zu können, der seit 2012 auf dem Markt ist.

Die Lösung jetzt ist ein Mittelweg: Bluttest als Kassenleistung ja, aber nur in begründeten Fällen, also nicht als flächendeckendes Screening. Dazu eine Beratung.

Für die werdenden Eltern verändert es vielleicht gar nicht so viel, wenn ihnen noch ein weiterer Test von Ärzten nahegelegt und von den Kassen gezahlt wird. Aber die sehr emotionale Diskussion zeigt sehr deutlich, was sich in den vergangenen Jahren schon fundamental verändert hat: die Frage, ob Kinder mehr oder minder ein Produkt sind.

Ein Produkt der Eltern, der Ärzte, der Gentechnik. Pränataldiagnostik ist nur ein Teil der Entwicklung, künstliche Befruchtung in allen Varianten spielt genauso mit hinein wie das Erforschen des Genoms, aber auch die Fragen im Arbeitsumfeld, ob und wann man überhaupt ein Kind bekommen sollte, denn ach, wie ist das alles zu schaffen. Das hat sich schleichend entwickelt: die Meinung, glückliche, gesunde Kinder und Familien seinen irgendwie „machbar“.

Das Wesentliche im Leben wird aber nur selten von uns gemacht, sondern geschieht. Leben geschieht. Darüber wird jetzt vielerorts eine breite gesellschaftliche Debatte gefordert – der Gesetzgeber, das Parlament, das im Frühjahr ohne Ergebnis über den Bluttest beraten hatte, sollte sich noch einmal prinzipiell mit der ethischen Dimension beschäftigen. Die gegenwärtige Diskussion um den Bluttest ist ja nur eine Station.

Gentech-Unternehmen entwickeln schon jetzt immer neue Verfahren, mit denen auch schon Embryos auf ihre Veranlagung für Krankheiten wie Diabetes oder Demenz getestet werden. Noch weitergehende Analysen des Erbguts werden angeboten. Möglich ist dann sogar Augen- und Haarfarbe zu bestimmen. Wenn die Genschere, die sogenannte CRISPR/CAS-Methode, bald zuverlässig das Erbgut verändern kann und die Frage unausweichlich kommen wird, ob man ins menschliche Erbgut eingreifen darf, sollten wir begriffen haben, dass Leben trotzdem nicht machbar ist. Der Druck ein möglichst rundum gesundes Kind zu „produzieren“ steigt.


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