Religion


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Festjahr 2021 Jüdisches Leben in Bayern

Seit 1700 Jahren leben Jüdinnen und Juden auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Im Jahr 321 wurde in Köln die erste jüdische Gemeinde beurkundet, in München leben Juden – mit Unterbrechungen – seit dem Mittelalter. Anlass für einen Stadtspaziergang.

Von: Sabine Rauh

Stand: 11.01.2021

STATIONEN-Moderatorin Irene Esmann im Gespräch mit Sofija Pavlenko vor der Synagoge am Jakobsplatz in München | Bild: BR

"Youthbridge": Jugendliche unterschiedlichster Herkunft, Muttersprache und Religion tauschen sich aus

Sofija Pavlenko studiert Jura und erzählt, was für sie jüdisch sein in Deutschland heißt

Am Münchener Jakobsplatz, wo die Synagoge, das Gemeindezentrum der Israelitischen Kultusgemeinde und das städtische Jüdische Museum einen attraktiven Dreiklang bilden, trifft STATIONEN-Moderatorin Irene Esmann Sofija Pavlenko. Sie ist als Sechsjährige mit ihrer Familie aus der Ukraine nach Deutschland gekommen und engagiert sich heute in den Projekten von "Youthbridge".

Das Denkmal für Kurt Eisner am Oberanger

Der nächste Halt ist das Denkmal für Kurt Eisner, den ersten Ministerpräsidenten des Freistaats Bayern, der aus einer jüdischen Familie stammte und 1919 ermordet wurde. Die Künstlerin Rotraut Fischer wählte als Inschrift ein Zitat aus dem Aufruf, mit dem Kurt Eisner den Freistaat proklamierte: "Jedes Menschenleben soll heilig sein."

Die Möhlstraße im Münchner Stadtteil Bogenhausen

STATIONEN-Moderatorin Irene Esmann im Gespräch mit der Historikerin Lilly Maier

Die Historikerin und Autorin Lilly Maier erzählt, warum die Gegend nach dem Zweiten Weltkrieg etwa zehn Jahre lang ein lebendiges Zentrum jüdischen Lebens war. Viele der unzerstörten Villen, von denen etliche von den Nationalsozialisten zwangs“arisiert“ worden waren, requirierten die amerikanischen Besatzer, um sie amerikanischen und jüdischen Hilfsorganisationen zur Verfügung zu stellen. In den Erdgeschossen und Vorgärten siedelten sich Geschäfte und Verkaufsbuden an, wo Überlebende des Holocaust mit dem handelten, was sie in Care-Paketen bekommen hatten oder von amerikanischen Soldaten tauschen konnten – Luxuswaren in einer Zeit, in der es wenig gab und das wenige nur auf Marken.

Dass sich außer einem legalen Markt mit über hundert Geschäften auch ein reger Schwarzmarkt entwickelte, war zwar nicht einzigartig, schien aber an diesem Ort nur zu oft die alten Vorurteile gegen Juden zu bestätigen und führte zu massiven Konflikten mit der Münchner Polizei und Teilen der Öffentlichkeit.

Die meisten Überlebenden, die in diesen Jahren fast alle in Lagern für "Displaced Persons" lebten, überbrückten hier nur die Zeit bis zu ihrer Emigration nach Palästina, später Israel, und in die USA. In der ruhigen Möhlstraße mit ihren luxuriösen Villen, Büros und Konsulaten erinnert heute nichts mehr an diese Zeit.

Die Beiträge der Sendung:

  • Ein jüdischer Bergführer im Allgäu. Von Bettina Weiz
  • Sprechende Steine: Münchens jüdische Friedhöfe. Von Jutta Neupert
  • Erinnerung im Judentum. Von Iris Tsakiridis
  • Eine jüdische Hochzeit. Von Andrea Roth

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