Religion


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Lebensläufe Nizza Thobi - kleine Frau mit großer Stimme

Nizza Thobi singt Lieder aus den Ghettos der litauischen Hauptstadt Wilna und aus Warschau, aber auch aus dem heutigen Israel und dem traditionellen osteuropäischen Judentum.

Stand: 14.02.2016 | Archiv

Nizza Thobi | Bild: BR

"Des Menschen Kampf gegen die Macht ist der Kampf der Erinnerung gegen das Vergessen."

Milan Kundera

Mit diesen Worten des Schriftstellers Milan Kundera beschreibt Nizza Thobi ihr eigenes Lebensmotto: Die in Israel geborene jüdische Sängerin hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Menschen die Schrecken der Nazi-Zeit auf lebendige Weise nahe zu bringen und gleichzeitig für die Zukunft zu mahnen.

Die kleine Frau mit der großen Stimme nimmt ihr Publikum in ihren Konzerten mit auf eine Reise in die Vergangenheit: Sie singt Lieder aus den Ghettos der litauischen Hauptstadt Wilna und aus Warschau, aber auch aus dem heutigen Israel und dem traditionellen osteuropäischen Judentum. Hinter jedem dieser Titel verbirgt sich eine Geschichte, ein menschliches Schicksal - ein Gesicht. Und Nizza Thobi singt nicht einfach nur die Lieder, sie erzählt auch die Geschichten, zeigt Dias und stellt Fragen. Sie spricht mit ihrem Publikum "von Mensch zu Mensch".

Ihre Stimme ist ihr Kapital

Mal warm und weich, mal streng und fordernd, mal einsam und traurig, dann wieder lebensfroh und optimistisch - Nizza Thobi spielt mit ihrer ausdrucksstarken Stimme in allen Nuancen und verleiht ihren Liedern damit sehr viel Gefühl. Sie ruft ein kleines Stück Ghetto-Leben im Konzertsaal wieder wach: "Für meine Lieder brauche ich meine Naturstimme, keine klassische Sopranstimme - das wäre scheußlich!"

Beim "Konzert gegen Rechts" 2000 in München

Auf das Singen kann und will Nizza Thobi keinesfalls verzichten. Deshalb hat ihre Musik auch nichts zu tun mit der populären jüdischen Klezmer-Musik. Von dieser rein instrumentellen Stimmungsmusik distanziert sie sich.

Für die meisten Konzertbesucher ist sie die "bekannte Unbekannte" und doch zieht sie unweigerlich jeden in ihren Bann. Die Veranstaltungen sind stets ausverkauft und wer sie einmal gehört hat, fährt auch hunderte Kilometer bis zum nächsten Auftritt. Wer ist diese charismatische Sängerin, die ihre Zuhörer auf ganz besondere Art anrührt?

"Ich wollte Berlin sehen"

Link-Tipp:

Nizza Thobi tourt regelmäßig zu Konzerten durch ganz Deutschland. Auch in Bayern ist die jüdische Sängerin häufig zu hören und hat inzwischen sogar eine kleine Fan-Gemeinde. Mehr Infos zu ihrer Musik und die aktuellen Termine finden sich auf der:

Nizza Thobi wurde in Jerusalem direkt am Fuße des Ölbergs geboren. Seit fast 30 Jahren lebt sie in München. Ihre Eltern waren sephardische Juden und stammten aus dem iberischen Raum - die Mutter sprach Ladino, die Sprache der sephardischen Juden. Schon als Kind kam sie mit der deutschen Geschichte in Berührung: Oft wunderte sie sich über die großen schwarzen Nummern, die einige Eltern von ihren Klassenkameraden auf dem Arm hatten: Tätowierungen, die die Nazis den Juden in deutschen Konzentrationslagern verpasst hatten. Die Lehrer in der Schule waren deutsche Juden, die in Israel das Bildungswesen aufgebaut hatten. Die junge Nizza wollte mehr über die deutsch-jüdische Geschichte erfahren und vor allem eines: "Ich wollte Berlin sehen - Berlin hat für mich das gleiche Schicksal wie meine Geburtsstadt Jerusalem: Es war eine geteilte Stadt!"

Das zweite wichtige Ziel war von Anfang an die Musik - sie wollte singen. Nach dem Studium der klassischen Gitarre in Jerusalem tourte sie 1970 mit der israelischen Folkloregruppe "Sabra-Show" durch die ganze Welt. Später bekam sie von Freunden einen Tipp: Die inzwischen recht bekannte Sängerin stellte sich beim "Hair-Musical" in Frankfurt vor und bekam die einzige Solo-Rolle "Frankmills". Das verschaffte ihr Auftritte in ganz Deutschland - und endlich auch in Berlin! Damals hatten ihre Lieder noch keinen geschichtlichen Hintergrund. Es war ihr egal, sie wollte schließlich Berlin sehen und musste irgendwie Geld verdienen.

Kleinkunstbühne statt Plattenvertrag

Nach ihrem Engagement beim "Hair-Musical" wollte Nizza Thobi in Deutschland bleiben und ging zunächst nach Hamburg: Die Plattenfirma Polydor scheute keine Mühe, die hübsche Sängerin aus Israel zu einer Schlagerproduktion zu bewegen - vergeblich.

Nizza Thobi hatte anderes vor und tingelte lieber über Hamburger Kleinkunstbühnen. Hier hat die quirlige Sängerin auch den Kabarettisten Otto Waalkes kennen gelernt. Durch Zufall führten ihre Wege 1972 gemeinsam nach München - sozusagen direkt auf den Dachboden des berühmten Szene-Theaters "Song Parnass".

Später wurde sie vom Schwabinger "Shalom Club" eingeladen. Das bestimmte ihren weiteren Weg: "Beim ersten Schritt, den ich in diesen Club setzte, habe ich meinen Mann gesehen - ich wusste es sofort, auch wenn wir kein Wort miteinander reden konnten. Er sprach kein Englisch, ich kein Deutsch." Beide sind noch heute verheiratet - seit dem lebt sie in München.

"Ich wollte Hitler und Goebbels lesen"

In Deutschland hatte die jüdische Sängerin plötzlich ganz neue Möglichkeiten, das Schicksal ihres Volkes zu erforschen. Sie begann zu suchen: Nach Liedern von Opfern, die in KZs und Ghettos geschrieben wurden. Ihre wichtigste Entdeckung: "Wilna war das Jerusalem des Exils.

Nizza Thobi | Bild: BR

Nizza Thobi hat nicht nur die Werke der großen jüdischen Dichter gelesen, sondern auch Hitlers "Mein Kampf" und Goebbels Tagebücher.

Es gab Theater, Bibliotheken, Kabarett, Schulen, kulturelle Wettbewerbe - ich war einfach fasziniert von diesem regen geistigen Leben!" In jahrelanger mühsamer Recherche sammelte sie Lieder, Texte, Gedichte und fand immer neue bewegende Schicksale. Daraus entstanden mittlerweile zwei CDs: "Mir lebn ejbig" und "Gebojrn in a sajdn hemdl".

Jedes Lied "eine Doktorarbeit"

Die zweite CD

Nizza Thobi erkundet den Hintergrund ihrer Stücke ganz genau - jedes Detail will sie wissen: "Bevor ich anfange ein Lied zu singen, muss ich erst eine Doktorarbeit über das Lied verfassen, über den Text und das, was geschehen ist."

Das Wiegenlied "S’dremlen feigl" schrieb zum Beispiel die Journalistin und Dichterin Lea Rudnitzky im Wilnaer Ghetto für ein dreijähriges Kind, das dem Massenmord entging, aber seine Eltern verlor. Im September 1943 wurde Lea Rudnitzky von der Gestapo gefasst, ins Konzentrationslager Majdanek nach Lublin deportiert und dort verbrannt. "Gebojrn in a sajdn hemdl", der Titel ihrer zweiten CD, ist eine Hommage an die jüdische Sprache.

Was hat sie in Zukunft vor? "Es führen immer neue Wege zu mir, ich entdecke immer neue Bücher, neue Schicksale - es ist nie zu Ende. Alles was mit meinem Beruf zu tun hat, ist wie durch einen unsichtbaren Faden verbunden. Das ist meine Aufgabe", sagt Nizza Thobi.

Nizza Thobi in Concert

Inzwischen arbeitet die Sängerin an ihrer dritten Platte - neuestes Projekt: die Mauthausen-Kantate, ein Lieder-Zyklus des griechischen Komponisten Mikis Theodorakis, der die Gedichte eines Ex-Häftlings aus dem österreichischen KZ Mauthausen vertont hat. Thobi will diese Kantate auf Griechisch singen.


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