Religion


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Lebensläufe Jakob Wassermanns Deutschland-Tragik

Stand: 08.09.2011 | Archiv

Jakob Wassermann | Bild: picture-alliance/dpa

Jakob Wassermann blieb die Gnade eines frühen Todes. Er starb am 1. Januar 1934, zehn Monate, nachdem der Ungeist, mit dessen Erforschung und Beschreibung der Schriftsteller sein Leben zugebracht hatte, in Deutschland auch formal zur Macht gelangt war. Die Ausprägungen dessen, was er, der die gesellschaftliche Stellung der Juden im Deutschen Reich bereits 1921 als "vogelfrei" beschrieben hatte, an Bestialität im deutschen Idealismus vermutete, musste er nicht mehr erleben.

Symptomatische Lebensspanne

Für die Grundfrage, um die sich Jakob Wassermanns Werk nahezu monothematisch bewegt, sind Anfangs- und Enddatum seiner Lebensspanne auf unheimliche Weise symptomatisch. Der Zeitraum zwischen dem Geburtsjahr 1873 und dem Todesjahr 1934 ist nahezu identisch mit der Spanne, während der Juden im Deutschen Reich erstmals im Genuss voller Bürgerrechte waren. Während die politische Gleichstellung von einem großen Teil der deutschen Juden über Jahrzehnte als ein "Aufwärts" gegenüber der früheren Rechtlosigkeit empfunden wurde, analysiert Wassermann früh den trügerischen Aspekt dieser Wahrnehmung.

Schatten des frühen Todes der Mutter

Aufgewachsen unter dem Schatten des frühen Todes seiner Mutter als Sohn eines gescheiterten Geschäftsmanns verlaufen die ersten Jahrzehnte seines Lebens trostlos. Das Verhältnis zur Stiefmutter ist vollständig von Hass geprägt. Der Vater reagiert nahezu hysterisch ablehnend auf die frühen literarischen Versuche des Sohnes. Der junge Jakob schult sein Erzähltalent, indem er seinen Bruder (als Gegenleistung dafür, dass dieser nicht verrät, dass er schreibt) nächtelang mit Fortsetzungsgeschichten unterhält.

Antisemitismus als ständiges Gegenüber

Eine Kaufmannslehre wird zweimal abgebrochen, ehe ihn ein Bohème-Leben durch fast ganz Süddeutschland und in die Schweiz führt. Ständiges Gegenüber dabei, egal ob während der Militärzeit, in engen Vagabundenunterkünften oder in der Schreibstube: der prinzipielle Antisemitismus, zu dem sich oft auch die nächsten Freunde bekennen, wenn das Gespräch darauf kommt. Wassermann verteidigt das Judentum nicht als Gläubiger. Die Religion hatte bereits im Elternhaus keine Rolle mehr gespielt. Sein Judentum kommt dadurch gleichsam über ihn, dass er, in dem Moment, da er sich als Jude zu erkennen gibt, auch von in allen anderen Fragen Aufgeschlossenen nur noch als Jude wahrgenommen wird.

Publikumserfolg stellt sich um die Wende zum 20. Jahrhundert mit "Melusine" und dem Fortsetzungsroman "Die Geschichte der jungen Renate Fuchs" ein. "Caspar Hauser" (1907), "Das Gänsemännchen" (1915) und "Christian Wahnschaffe" (1919) machen ihn zu einem der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren der Weimarer Zeit.

Erfolg und politische Entwicklung umgekehrt proportional

In nachgerade umgekehrter Proportionalität zu persönlichem Ruhm und materiellem Erfolg dokumentiert der beständig anwachsende Antisemitismus den ausbleibenden Effekt der Werke Wassermanns.

Wassermann-Freund Thomas Mann mit Frau Katia und Tochter Erika

Es geht ihm dabei wie vielen anderen liberal und tolerant argumentierenden Kollegen. Mit einigen, wie Thomas Mann, Hugo von Hofmannsthal oder Hermann Hesse, pflegt Wassermann, der seit 1906 in Wien und in seinen letzten Jahren im steirischen Altaussee lebt, langjährige Bekanntschaften.

"Mein Weg als Deutscher und Jude"

Bereits 1921 beurteilt er in seinem autobiografischen Rückblick "Mein Weg als Deutscher und Jude" die gesellschaftliche Perspektive für die Juden vernichtend. "Vom gesellschaftlichen Standpunkt aus sind wir bereits heute vogelfrei", so sein Fazit. Mitte der 1920er-Jahre macht sich die innerlich seit Jahrzehnten empfundene Gehetztheit gesundheitlich bemerkbar. Wassermann erkrankt schwer und erholt sich bis zu seinem Lebensende nicht mehr.

Seitenblick: "Der Fall Maurizius" - finstere und ausweglose Parade

In dem 1928 erschienenen Roman "Der Fall Maurizius" defilieren alle von Wassermann in seinen bisherigen Erzählungen erschaffenen "Charaktermasken" für den deutsch-jüdischen Dualismus in einer finsteren und ausweglosen Parade am Leser vorbei. Wassermanns düstere Ahnungen bezüglich des Kommenden drücken sich in der Perspektivlosigkeit der Figuren des Romans aus. Mit einer Ausnahme gibt es für keine von ihnen eine Perspektive der Umkehr oder Läuterung.

Der jugendliche Held des Romans, Etzel von Andergast, der auszieht, um ein von seinem Vater, einem herrenmenschenhaft-verbohrten Oberstaatsanwalt, einst fanatisch durchgesetztes Fehlurteil zu widerlegen, wird dagegen fast bis ins Fabelhafte überhöht. Ausgerechnet er, für den sein Vater den Namen des berüchtigten Hunnenherrschers wählte, dessen legendäre Grausamkeit Wilhelm II. als Vorbild für die deutschen Truppen ausgab, die er zur Niederschlagung des Boxer-Aufstands nach China schickte.

Etzel überführt den Täter, einen zum Katholizismus konvertierten und seelisch völlig ausgehöhlten jüdischen Intellektuellen. Weder für den zu Unrecht verurteilten und gebrochenen Leonhard Maurizius, noch für irgendjemand sonst allerdings bringt späte Aufklärung noch eine positive Wendung.

"Es kommt eine finstere Zeit ..."

Sigmund Freud

Das weitere Leben des Protagonisten Etzel Andergast schreibt der nach diesem benannte nächste Roman fort. Wassermanns Zeichnung der Persönlichkeiten war bereits stark von der Auseinandersetzung mit der kurz zuvor von Sigmund Freud entwickelten Psychoanalyse gekennzeichnet.

In "Etzel Andergast" spielt die tiefenpsychologische Beschäftigung mit dem seelisch strauchelnden Titelhelden die zentrale Rolle. Der auf einen spektakulären wirklichen Indizienprozess rekurrierende "Fall Maurizius" wird allein bis zu Wassermanns Tod 100.000 Mal verkauft. Die letzte Erzählung "Joseph Kerkhovens dritte Existenz" erscheint 1934 in dem in Amsterdam ansässigen deutschsprachigen Exilverlag Querido. In ihr steht der Satz: "Es kommt eine finstere Zeit. Seit einem Jahrtausend war keine ähnliche." Ein Beweis dafür, dass sich auch Jakob Wassermann nicht vorstellen konnte, was für eine Zeit kommen sollte - eine, in der die Erinnerung an ihn gemeinsam mit dem größten Teil seiner Leserinnen und Leser faktisch ausgelöscht wurde.


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