Religion


5

Jüdisches Leben in Bayern Projekt Memmelsdorf

Stand: 27.01.2005 | Archiv

Besucher in der Synagoge Memmelsdorf | Bild: Träger- und Förderverein Synagoge Memmelsdorf e.V.

Immer wieder engagieren sich einzelne Bürger oder ganze Gemeinden, um die Erinnerung an jüdisches Leben vergangener Zeiten wachzuhalten. Ein Beispiel dafür ist das unterfränkische Memmelsdorf, wo eine örtliche Initiative die Synagoge der früheren Landjudengemeinde zu einer Begegnungsstätte umgestaltet hat. Der Raum soll gleichermaßen als Ort der Toleranz und Entdeckung jüdischer Geschichte dienen.

Gebäude in Pogromnacht verschont

Zunächst ein Blick zurück in die jüngste Geschichte: Im Zuge der Pogromnacht im November 1938 zerstörten die Nazis fast alle Synagogen.

Synagoge Memmelsdorf

Nur wenige blieben verschont, auch diejenige in Memmelsdorf in der Nähe von Bamberg. Man wollte sie nicht anzünden, um die benachbarten Bauernhöfe durch übergreifendes Feuer nicht zu gefährden. Gleichwohl vernichtete man die Inneneinrichtung und das Inventar.

Link-Tipp

Vorwiegend im 14. und 15. Jahrhundert vertrieb man Juden aus den Städten. Viele wanderten aus. Für diejenigen, die sich auf dem Land ansiedelten, begann ein Leben unter sehr harten Bedingungen. Mehr dazu unter:

Auf dem Platz vor der Synagoge wurden die männlichen jüdischen Gemeindemitglieder gezwungen, die Tora-Rollen im wahrsten Sinn des Wortes mit den Füßen zu treten - ein Akt von beispielloser Rohheit: die Tora ist die zentrale heilige Schrift der Juden. Außerdem wurden die Memmelsdorfer Juden genötigt, die Einrichtung auf ein Feld außerhalb des Dorfes zu schleppen, wo man das Inventar verbrannte.

Bedeutender Fund auf dem Dachboden

Stichwort

Geniza

Eine Geniza ist eine Sammlung ritueller Gegenstände und Schriften, die nicht mehr gebraucht wurden. Der Respekt vor den heiligen Texten und rituellen Gegenständen verbot den Juden, diese wegzuwerfen. Daher wurden sie meist in Stauräumen von Synagogen aufbewahrt. Heute dienen sie als wichtige Quellen für die Erforschung des religiösen und sozialen Lebens der Landjuden.

Nach dem Krieg, nachdem die jüdische Gemeinde vollständig vernichtet war, benutzten die Memmelsdorfer das ehemalige Gotteshaus jahrzehntelang als Kühl-, Lager- und Wohnraum. Ende der 80er-Jahre fand man zufällig auf dem Dachboden eine kulturgeschichtlich bedeutsame sogenannte Geniza. Mit dieser Entdeckung begann die Realisierung eines in Deutschland bislang singulären Renovierungs- und Nutzungskonzepts für eine ehemalige Dorfsynagoge durch eine private Initiative.

Epochen bleiben präsent

Chronik

  • 1987: Der Sohn des damaligen Besitzers der Synagoge entdeckt auf dem Dachboden die Geniza. Der Fund wird zum Teil wissenschaftlich ausgewertet. Einige Objekte werden restauriert und zu Exponaten einer bedeutenden internationalen Wanderausstellung.
  • 1993: Der Trägerverein wird gegründet. Heute besteht er aus mehr als 100 Mitgliedern.
  • 1995: Der Verein erwirbt Synagoge sowie Geniza. Darüber hinaus entwickelt er ein Sanierungs- und Nutzungskonzept.

Das heruntergekommene Gebäude wurde nicht einfach renoviert, sondern als historisch vielschichtiger Raum konserviert. Zeugnisse aus verschiedenen Epochen blieben so erhalten. Von der Geschichte der jüdischen Gemeinde erzählen etwa der Rest der Bima (Pult für die Lesung der Tora), der Tora-Schrein, die zugemauerte Frauenempore. Besonderes Schmuckstück: An einem Fenstergitter prangt ein Motiv aus dem Wappen des Greiffenclau-Geschlechts: die geschmiedete "Greifenklaue", die Memmelsdorfer Juden zu Ehren ihrer Schutzherren Anfang des 18. Jahrhunderts anfertigen ließen.

Studienraum, Veranstaltungsort, Gedenkstätte

Inforaum

Die ehemalige Frauenempore, die Lehrerwohnung und ein kleiner Anbau wurden instandgesetzt und als Seminar- und Informationsräume hergerichtet. Dort finden auch Vorträge zu jüdischer Religion und zum Landjudentum sowie Lesungen statt.

Link-Tipp: Die Memmelsdorfer Initiative

Synagogen-Besucher

Initiator des Synagogen-Projekts ist der "Träger- und Förderverein Synagoge Memmelsdorf e.V." Dessen besonderes Anliegen ist die Jugendarbeit. Der Verein sieht einen Schwerpunkt in Aufklärung und Information Jugendlicher über jüdische Kultur und Religion mit dem Ziel, auch geschichtliches und soziales Verständnis für Minderheiten zu wecken.


5