Religion


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Islam in Deutschland Das Who is Who der deutschen Muslime

Rund vier Millionen Muslime leben in Deutschland. Wie aber sind sie organisiert und vernetzt? Und wer spricht für sie? Ein Überblick über islamische Verbände und Organisationen vom liberal-islamischen Bund, der sich pro Homosexualität ausspricht, bis hin zur Muslimbruderschaft und Milli Görüs, auf die der Verfassungsschutz ein Auge geworfen hat.

Stand: 11.08.2016

Symbolbild: Islam in Deutschland - Deutschlandflagge neben Minarett  | Bild: picture-alliance/dpa

Etwa 2.350 Moscheegemeinden und alevitische Cem-Häuser gibt es bundesweit. Die Mehrheit der Muslime in Deutschland stammt aus der Türkei. Sie machen rund 63 Prozent aller Muslime aus, die zweitgrößte Gruppe stellen mit 14 Prozent Muslime aus Südosteuropa und die drittgrößte Gruppe kommt mit rund acht Prozent aus dem Nahen Osten.

Vor allem Sunniten

Der Islam in Deutschland ist damit vor allem sunnitisch geprägt. 74 Prozent aller Muslime hierzulande rechnen sich dieser Glaubensrichtung zu. Die Aleviten bilden mit rund 13 Prozent die zweitgrößte Richtung. Schiiten werden vor allem vom Zentralrat der Muslime vertreten, der zwar öffentlich zwar sehr stark wahrgenommen wird, faktisch aber nur etwa 1 bis 2 Prozent der Muslime in Deutschland vertritt. Das stellt Thomas Volk, der Koordinator für Islam und Religionsdialog der Konrad-Adenauer-Stiftung, in einer Zusammenstellung zur muslimischen Verbandslandschaft in Deutschland fest.

Wer vertritt hier wen?

Insgesamt ist die institutionelle islamische Landschaft in Deutschland zwar breit gefächert. Allerdings vertreten die größten und bekanntesten Organisationen keineswegs die Mehrheit der Muslime hierzulande. Im Gegenteil: Die vier im Koordinationsrat zusammengeschlossenen Verbände DITIB, Islamrat, Zentralrat und der Verein Islamischer Kulturzentren sprechen lediglich für ein Fünftel aller Muslime. Der Großteil aller Muslime ist also nicht in den großen Institutionen und Verbänden organisiert.

Muslime in Deutschland

Muslimische Verbände in Deutschland - Eine Übersicht

Alevitische Gemeinde Deutschland e.V. (AABF)

  • Die Alevitische Gemeinde Deutschland ist eine anerkannte Religionsgemeinschaft nach Artikel 7 Absatz 3 des Grundgesetzes und ist berufenes Mitglied in der Deutschen Islam Konferenz. Im Alevitentum sind Frauen und Männer gleichberechtigt, Frauen tragen keine Kopftücher.
  • Gründung: 1989
  • Zahlen: 13 Prozent der Muslime in Deutschland sind Aleviten, die AABF repräsentiert die Mehrheit der 550.000 Aleviten in Deutschland
  • Vorsitzender: Hüseyin Mat

Liberal Islamischer Bund (LIB)

  • Der LIB repräsentiert eigenen Angaben zufolge Muslime in Deutschland, die sich mit ihrer liberalen Auffassung des Islams in den bisherigen Debatten und politischen Prozessen nicht angemessen vertreten sehen. Die Mitglieder befürworten die gleichgeschlechtliche Ehe und lehnen eine religiöse Verpflichtung zum Kopftuchtragen ab.
  • Gründung: 2010
  • Zahlen: Gemeinden gibt es derzeit in Köln und Frankfurt, in Stuttgart und Berlin sind weitere Gemeinden in Planung
  • Vorsitzende: Nushin Atmaca

Koordinationsrat der Muslime (KRM)

  • Der KRM wurde im Zuge der Deutschen Islamkonferenz als Zusammenschluss von vier islamischen Dachverbänden gegründet, nämlich der Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB), dem Zentralrat der Muslime (ZMD), dem Islamrat (IR) und dem Verein der islamischen Kulturzentren (VIKZ)
  • Gründung: 2007
  • Zahlen: Eigenen Angaben zufolge vertritt der KRM rund 250.000 Muslime in Deutschland
  • Sprecherin: Sprecherin des Koordinationsrats ist derzeit Dr. Zekeriya Altuğ. Die im KRM zusammengefassten Verbände stellen reihum für ein halbes Jahr den Sprecher.

Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB)

  • DITIB ist sunnitisch geprägt und der größte Mitgliedsverband im Koordinationsrat. DITIB-Imame werden in der Türkei vom dortigen Präsidium für Religionsangehörigkeiten ausgebildet und für einige Jahre nach Deutschland entsandt, DITIB betont allerdings, die Arbeit in den Moscheevereinen sei unabhängig.
  • Gründung: 1984
  • Zahlen: 45 Prozent der Moscheevereine, die einem Verband angehören, rechnen sich DITIB zu, DITIB selbst nimmt für sich in Anspruch, 50 Prozent der Muslime in Deutschland zu vertreten
  • Vorstandsvorsitzender: Nevzat Yasar Asikoglu

Zentralrat der Muslime (ZMD)

  • Der ZMD nimmt für sich in Anspruch, die "ganze Vielfalt der Muslime in Deutschland" abzubilden. Einige der 33 Mitgliedsverbände stehen der Muslimbruderschaft, also dem islamistischen Spektrum nahe. Mitglied ist auch das schiitische Islamische Zentrum Hamburg, das unter Beobachtung des Landesamtes für Verfassungsschutz steht.
  • Gründung: 1994
  • Zahlen: Laut Konrad-Adenauer-Stiftung wird der ZMD in der Öffentlichkeit sehr stark wahrgenommen. Faktisch spricht er aber nur für ein bis zwei Prozent der Muslime in Deutschland
  • Vorsitzender: Aiman Mazyek

Islamrat (IR)

  • Der IR ist vorwiegend türkisch geprägt, Mitglieder sind aber auch beispielsweise der "Deutsch-somalische Verein" oder die "Union Marokkanischer Imame", größtes Mitglied ist die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG), die überall außer in Hamburg vom Verfassungsschutz beobachtet wird; man lastet ihr an, trotz des Bekenntnisses zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung besäßen ihre Lehren noch immer das Potential , Distanz zur Demokratie zu fördern
  • Gründung: 1986, 1997 erhielt der IR durch den Zusammenschluss mit dem "Islamischen Weltkongreß Deutschland" die Rechtsfähigkeit eines eingetragenen Vereins
  • Zahlen: Der Islamrat vertritt 37 Vereine und damit geschätzt 40.000 bis 60.000 Mitglieder.
  • Vorsitzender: Burhan Kesici

Verein der islamischen Kulturzentren (VIKZ)

  • Der VIKZ ist der älteste islamische Dachverband, er ist vorwiegend türkisch und damit sunnitisch geprägt und betrachtet sich als parteipolitisch neutral.
  • Gründung: 1973
  • Zahlen: bundesweit gehören dem Verband etwa 300 Moschee- und Bildungsvereine an
  • Präsident: Mehmet Duran

Literatur/Quellen

  • Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Islamisches Gemeindeleben in Deutschland, 2012
  • Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Muslimisches Leben in Deutschland, 2009
  • Wunn, Ina: Muslimische Gruppierungen in Deutschland, Stuttgart 2007
  • Bundesministerium des Inneren: Verfassungsschutzbericht 2013

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