Religion


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Koranschule in München-Sendling Lernen in der Moschee

Religionsunterricht für Muslime? Den gibt es an den meisten bayerischen Schulen nicht. Deshalb findet in Moscheen privater Unterricht statt. Doch Koranschulen haben oft einen schlechten Ruf. Ein Besuch in der Moschee in München-Sendling

Von: Astrid Uhr

Stand: 05.04.2018

Junge liest im Koran | Bild: BR/ Astrid Uhr

Ziel: Koran auf Arabisch lesen

Der Koran

Der Koran ist die Heilige Schrift des Islam. Nach dem Glauben der Muslime hat Gott, also Allah, seinem Propheten Muhammad seine Botschaften offenbart. Der Prophet gab die Weisungen zunächst mündlich weiter. Nach seinem Tod im Jahre 632 wurden diese aufgeschrieben. Bis heute enthält jede Ausgabe Wort für Wort denselben Inhalt. Der Koran wird nicht verändert. Die 114 Suren geben den Muslimen konkrete Anweisungen für ihren Glaubensalltag.

Weil der Koran die Basis für die Glaubenspraxis bildet, sollen muslimische Kinder ihn bereits von klein auf lesen lernen. Und zwar auf Arabisch, in der Originalsprache, in der auch der Prophet die Offenbarungen erhalten hat. Im Koranunterricht der Moschee-Gemeinden lernen die Kinder nach und nach das arabische Alphabet. Es geht vor allem darum, dass die Mädchen und Buben ab dem Grundschulalter ein Gefühl für die Sprachmelodie entwickeln. Dann bekommt das regelmäßige Lesen der Suren auch einen meditativen Charakter.

"Also, das Koranlesen ist schwierig, aber auch etwas sehr Schönes. Man bekommt ein sehr schönes Gefühl, wenn man die Texte liest, man denkt einfach an gute Sachen. Das ist einfach kein normales Buch für mich."

Emir Baglali, Koran-Schüler in der Moschee Sendling

Koranlesen, Arabischlernen, Gebetsrituale

Koranlesen: begabte Schüler lernen den ganzen Koran auswendig

Für den privaten Koran-Unterricht an Moscheen gibt es keinen festen einheitlichen Lehrplan. Vielmehr entscheidet jeder Lehrer selbst, in Absprache mit dem übergeordneten Verband, was unterrichtet wird. Im Vordergrund steht das Koranlesen, das Arabischlernen, aber auch Gebetsrituale, die rituellen Reinigungen, Verständnis für die Feste und Riten des Islam. In manchen Moscheen werden Mädchen speziell in Frauenthemen ausgebildet: Wie verhält sich eine Frau im Islam? Was sind die Aufgaben der Frau in der islamischen Gesellschaft? Wie soll sie sich kleiden? Der Unterricht ist für die Kinder und Jugendlichen auch ein wichtiger kultureller Treffpunkt, bei dem sich die Familien austauschen und auch andere Fragen diskutieren.

Keine einheitliche Ausbildung der Lehrer

Mädchen und Buben werden getrennt unterrichtet

Die einzelnen Moschee-Gemeinden entscheiden selbst, nach Absprache mit ihrem Dachverband wie zum Beispiel DITIB bei der Moschee München-Sendling, wer ihre Kinder unterrichtet. In der Regel leitet der Imam den Unterricht, der als geistiger Nachfolger des Propheten Muhammad gilt und auch die Gottesdienste in der Moschee leitet. Imam Murtaza Arslan von der Moschee Sendling ist in Deutschland aufgewachsen, und wurde dann als junger Erwachsener in die Türkei zum Theologie-Studium geschickt, das fünf Jahre gedauert hat. Sein Vorteil: Er spricht sehr gut Deutsch und Türkisch. „Es macht mir einfach Spaß, mit den Kindern zu arbeiten, und zu sehen, wie sie in unsere Rituale hineinwachsen“, erklärt der 27-Jährige. Die Mädchen werden von Frauen unterrichtet.

Kritk am Koran-Unterricht

Rituelle Reinigung will gelernt sein: vor dem Gebet müssen die Buben ihre Füße waschen

Es fehle an Transparenz, kritisieren immer wieder Außenstehende. In vielen Gemeinden ist schon das Sprachproblem eine Barriere. Da es keinen einheitlichen Lehrplan gibt, hätte der Lehrer zu viel Spielraum. Es könnte die Gefahr bestehen, dass die Schüler politisch indoktriniert werden und sich radikalisieren. Somit könnten die Koranschulen zur Bedrohung für die freiheitlich-westliche demokratische Grundordnung werden, befürchten Kritiker. Vor allem dann, wenn den Imamen der Inlandsbezug fehlt, wenn sie kein Deutsch kennen, nicht wissen, wie die Kinder leben. Am privaten Koranunterricht in der eigenen Moschee möchten allerdings viele muslimische Verbände festhalten. Denn der Islam sei eine sehr praxisorientierte Religion mit vielen Ritualen und die könne man nur in der Gemeinde vor Ort lernen, wie zum Beispiel die rituelle Reinigung vor dem Gebet. In Schulen gäbe es gar keine Waschvorrichtungen dafür.

Modell-Projekt "Islamunterricht an staatlichen Schulen"

Für Professor Mathias Rohe liegt die Zukunft im staatlichen Islam-Unterricht an öffentlichen Schulen - als Ergänzung zum privaten Unterricht an Moscheen.

"Ich finde es sehr wichtig, dass muslimische Kinder ihren Glauben kennenlernen, verschiedene religiöse Glaubensthemen angstfrei diskutieren können, eigene Standpunkte entwickeln – und das ist in einem staatlichen Islam-Unterricht möglich."

Professor Mathias Rohe, Islamwissenschaftler und Jurist

Experten und Bildungspolitiker sind sich einig: Staatlicher Islamunterricht erleichtert die Integration und verhindert Radikalisierung. Aktuell besuchen in einem Modell-Projekt etwa 14.000 Mädchen und Buben islamischen Unterricht in Bayern – der Bedarf ist aber weitaus größer. Insgesamt lernen 100.000 muslimische Schüler an Bayerns Schulen. Voraussetzung für flächendeckenden Islamunterricht: Professionell ausgebildete Islam-Lehrer, die Deutsch sprechen. Doch hier mangelt es noch an Grundsatzentscheidungen: Seitens des Landtags, und seitens der muslimischen Verbände, da es keine Vereinigung gibt, die mit einer Stimme spricht. Das Modell-Projekt in Bayern läuft 2019 aus - jetzt ist der neue Kultusminister gefragt.


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