Religion


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Hatespeech und Gewalt Gegen die laute Minderheit

Gegen Trolle und Hasser galt im Netz lange Zeit die unausgesprochene Ansage: Ignorieren. Das aber hat nicht funktioniert. Warum das Problem Hatespeech sich nicht von selbst erledigt und was dagegen zu tun ist.

Stand: 23.01.2017

Grafik: Die Minderheit im Netz verbreitet Hass - und das sehr laut, die Mehrheit schaut stillschweigend zu | Bild: BR/Markus Kaiser

Carsten Reinemann lehrt Politische Kommunikation an der LMU München. Für ihn gibt es verschiedene Gründe, warum der Hass im Internet grassiert: In der Anonymität des weltweiten Netzes kommentiere und hasse es sich leichter als von Angesicht zu Angesicht, so Reinemann. Außerdem entwickeln sich seinen Worten zufolge Parallelwelten.

"Gruppen, und Menschen mit eher extremeren Einstellungen und Botschaften haben im Netz eine Möglichkeit, an den Nachrichtenmedien vorbei, ihre Botschaften zu verbreiten. Das prägt auch insgesamt das Klima, das im Netz herrscht."

Carsten Reinemann, Kommunikationswissenschaftler

Wüste Beleidigungen, niveaulose Beschimpfungen, Drohungen: In Foren und sozialen Netzwerken ist der Umgangston rau geworden, auch in der realen Welt sind hasserfüllte Parolen und Gewalt längst angekommen. Und spätenstens seit Donald Trump als neuer US-Präsident ins Amt eingeführt ist, scheinen Hass und Verachtung salonfähig geworden zu sein. Eine gefährliche Entwicklung, wie die nordrhein-westfälische Landesanstalt für Medien (LfM) bereits 2015 feststellte.

"Hasserfüllte Kampagnen im Netz sind Katalysator realer Gewalt. Gerade die aktuellen politischen Debatten und Geschehnisse rund um die Flüchtlingssituation zeigen, dass „Hate Speech“ und reale Gewalt oft nah beieinander liegen. (...) Hass und Hetze dürfen nicht zur Normalität werden und somit die Chance erhalten, als ein akzeptiertes und gesellschaftsfähiges Mittel der Meinungsäußerung zu gelten. Diskriminierende, hetzerische, rassistische und hasserfüllte Kommentare dürfen nicht als Teil des legitimen Meinungsspektrums bagatellisiert werden."

Appell der Landesanstalt für Medien (LfM) Nordrhein-Westfalen im November 2015

Hass wurde lange Zeit hingenommen

Studie: Hass im Netz

Die Mehrheit der Internetuser verhält sich Hasskommentaren gegenüber passiv, so das Ergebnis einer Bitkom-Umfrage von 2015. Demnach sehen zwar drei Viertel der Befragten Beleidigungen und Hass im Netz als ernsthaftes Problem. Allerdings gibt auch die große Mehrheit an, nicht aktiv gegen solche Hetze vorzugehen.

Das Phänomen ist nicht neu. Neu aber ist, dass man den Hass nicht mehr länger duldet. Denn die Ansage: Hass zu ignorieren, ging nicht auf. Hater bekamen dadurch das Gefühl in der Mehrheit zu sein. Eine Minderheit an Hasskommentatoren erscheint im Netz als die laute Mehrheit, weil die echte Mehrheit im Netz sich passiv verhält.

Projekte gegen Hass

Inzwischen gibt es immer mehr Projekte für Toleranz und eine gesittete Diskussionskultur - allerdings mit einer gemischten Bilanz: Der Lehramtsstudent Ali Can wird bei seiner kostenfreien Sprechstunde für besorgte Bürger inzwischen von vier Mitstreitern unterstützt. Ihr Ziel: Eine friedliche Gesellschaft. Die Ehrenamtlichen sind davon überzeugt, dass jede Meinung ein offenes Ohr verdient. Deshalb hören sie jedem zu und reden mit jedem.

Häme und Gelächter erntete dagegen die von Youtuber und der Bundeszentrale für politische Bildung gestartete Kampagne #Nichtegal. Denn kurz nach der Veröffentlichung decken die Satiriker vom Bohemian Browser Ballett auf, dass einige der Youtube in der Vergangenheit selbst mit Hasskommentaren im Netz aufgefallen sind. Kontroverse Reaktionen erntete auch das Bistum Essen im Jahr 2015 für seine #Willkommen-Kampagne auf Facebook. Einerseits über 2.000 Likes und Nachahmer in anderen Bistümern, andererseits Hatespeech und Rassismus.

"Wir haben die Schnauze voll von 'besorgten Bürgern', die hier bei Facebook rechtes und fremdenfeindliches Gedankengut verbreiten. Lass uns gemeinsam ein Zeichen setzen und deutlich machen: Bei uns sind Flüchtlinge willkommen! Mach mit und poste ein Foto von dir mit einem 'W'!"

Bistum Essen auf Facebook

Das Projekt hasshilft, bei dem Hasser quasi gegen sich selbst spenden, hat inzwischen über 23.000 Euro gesammelt. Denn für jeden menschenverachtenden Kommentar wird ein Euro an das Neonaziaussteigerprojekt Exit Deutschland oder an Flüchtlingsprojekte.

Hintergrund: Warum wir hassen

Warum hassen wir eigentlich? Naturwissenschaftler gehen davon aus, dass Gefühle einen bestimmten evolutionsbiologischen Nutzen haben. Angst zum Beispiel habe demnach in der menschlichen Frühzeit einen Fluchtreflex ausgelöst, der uns vor bestimmten Gefahren bewahrte. Und Hass mobilisierte unsere Kampfbereitschaft gegen Feinde. Historiker und Ethnologen betonen dagegen, dass Gefühle vor allem kulturell bedingt sind. Das heißt: Zu unterschiedlichen Zeiten kann Hass sich ganz unterschiedlich geäußert haben. Der Emotionsforscher Uffa Jensen meint, dass heute auch eine gewisse Lust am hassen eine Rolle spielt: "Man möchte gerne einmal richtig Dampf ablassen." Das könne auch befriedigend sein. Die Philosophin Judith Butler beschreibt Hate-Speech als eine Abwehrreaktion, die aus einer diffusen Angst resultiere, Privilegien zu verlieren. Um die eigene Verletzlichkeit zu überspielen, verletze man andere, um sich selbst aufzuwerten. Der Hass ist dann keine Reaktion auf eine konkrete Situation mehr, sondern eine Art abstrakter, flottierender Hass als Reaktion auf eine oft nur eingebildete Bedrohung.


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