Religion


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Zum Sonntag Corona und die Theologie: Warum lässt Gott Leid zu?

Wie ist die Corona-Krise theologisch zu deuten? Schnell landet man beim schwierigsten theologischen Problem überhaupt, der Theodizee: Wie kann ein allmächtiger und allgütiger Gott solches Leid zulassen?

Von: Johannes Schießl

Stand: 23.10.2020

Johannes Schießl | Bild: Privat

Man hat den Kirchen vorgeworfen, sie seien in der Corona-Krise zu leise gewesen und hätten sich nur um die Ermöglichung von Gottesdiensten gekümmert. Diese Vorwürfe, die übrigens von außen wie von innen kamen, haben ihre Berechtigung, man kann sie nicht mit dem Hinweis auf das Gute im Kleinen abtun. Gerade wenn es um die Alten und Armen, aber auch um Kinder und Jugendliche geht, hätten die Kirchen ihre Stimme lauter erheben müssen, um einem schleichenden Sozialdarwinismus, der auf das „Recht des Stärkeren“ setzt, Einhalt zu gebieten. Allerdings ist das auch nicht einfach, ja geradezu paradox, da Solidarität und Nächstenliebe in Corona-Zeiten eben Distanz und nicht Nähe fordern.

Wie kann Gott Leid zulassen?

Doch die Gründe für das weitgehende Schweigen liegen noch tiefer, es stellt sich nämlich die Frage, wie die Corona-Krise theologisch zu deuten sein könnte. Und da landet man schnell beim schwierigsten theologischen Problem überhaupt, der Theodizee: Wie kann ein allmächtiger und allgütiger Gott solches Leid zulassen? Diese Frage trieb schon den alttestamentlichen Hiob um. Bei allen von Menschen gemachten Übeln wie Kriegen oder auch der Klimakrise kann man die missbrauchte Freiheit des Menschen ins Feld führen. Bei Corona geht das nicht so einfach.

Zunächst freilich muss mit einem Mythos aufräumt werden, nämlich dem Mythos von der Strafe Gottes – oder verwässert, dem Fingerzeig Gottes. Wenn Gott die Liebe ist, dann straft und schadet er nicht. Oberflächlich angeschaut, bieten manche biblischen Geschichten durchaus Anhalt für einen strafenden Gott, doch in der Tiefe geht es da nie um Sündenstrafen, sondern um das Heilwerden des Menschen. Am deutlichsten vielleicht in der Geschichte von der Heilung des Blindgeborenen am Teich Schiloah, die im 9. Kapitel des Johannes-Evangeliums überliefert ist. Jesus lehnt jeden Zusammenhang von moralischer Verfehlung und physischem Übel ab, vielmehr soll durch das Wunder Gottes Wirken offenbar werden.

Die erste die ganze Welt betreffende Naturkatastrophe

Doch wenn es über das Individuelle hinausgeht, stellt sich die Theodizee-Frage in gewisser Hinsicht gar noch schärfer. Waren es früher Erdbeben, Wirbelstürme oder begrenzte Epidemien, so ist die Corona-Krise insofern ein Novum, als sie die erste die ganze Welt betreffende Naturkatastrophe darstellt. Denn im Kern ist das Virus Natur, auch wenn seine starke Verbreitung unserer Zivilisation und ihren Auswüchsen geschuldet ist. Da geraten eine allzu simple und romantisierende Schöpfungstheologie und ihre säkularen Varianten doch arg ins Wanken. Es ist einfach nicht alles gut, was aus der Natur kommt.

Man könnte sich theologisch damit behelfen, indem man Gott zum absolut Jenseitigen erklärt, der dem Menschen Freiheit und Vernunft geschenkt hat und analog dazu die Natur sich selbst überlässt. Und an dem Denkansatz stimmt ja auch eine ganze Menge, denn auch die Natur ist nicht determiniert.

Im Leid zeigt sich Gott

Und doch reicht das für einen Christenmenschen nicht aus. Denn Gott ist nicht nur der Schöpfer der Welt, sondern auch ihr Erlöser, er absentiert sich nicht. Von der Erlösung her zu denken, ist für mich der Ausweg aus dem theologischen Dilemma, auch wenn solches Denken nicht gerade angesagt ist. Aber vielleicht funktioniert es ja auch in einer allgemeiner formulierten Variante, nämlich dass der Mensch gerade in seiner Zerbrechlichkeit angenommen ist – und in seiner Endlichkeit. Besonders im Leid zeigt sich Gott, die biblischen Bei-spiele reichen vom Gottesknecht des Jesaja bis zu Jesu Tod am Kreuz. An uns ist es auch, unsere Sprachlosigkeit auszuhalten.


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