Religion


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Zum Sonntag Mit oder ohne Lockdown: Böllerverzicht lohnt sich

Einzelne Politiker denken über ein allgemeines Feuwerwerksverbot nach. In den Kommentarspalten kocht daraufhin die Wut. Doch manchmal ist es gar nicht so schlecht auf das Gewohnte zu verzichten.

Von: Nina Achminow

Stand: 13.11.2020

Nina Achminow | Bild: privat

Alle Jahre wieder… Nein, ich spreche jetzt nicht von Weihnachten. Alle Jahre wieder zu Silvester füllen sich die Notaufnahmen, weil sich Menschen mit Feuerwerk verletzt haben. Und jetzt, wo das Gesundheitssystem zunehmend angespannt ist und große Feiern sowieso nicht zu verantworten wären, haben die Niederlande das Silvesterfeuerwerk komplett verboten. Auch in Deutschland nimmt das Thema Fahrt auf. Einzelne Verbotszonen gab es in Berlin wie in München schon im vorigen Jahr, zudem gilt ein Böllerverbot in der Umweltzone innerhalb des Mittleren Rings. Der Antrag auf weitere Feuerwerksverbote etwa in der Nähe des Tierparks Hellabrunn wurde allerdings abgelehnt.

Ein generelles Feuerwerksverbot?

Aber nun plädieren einzelne Politiker und Polizeigewerkschafter für ein coronabedingtes generelles Feuerwerksverbot in diesem Jahr. Und in den Kommentarspalten kocht die Wut. Wie, Feuerwerk verbieten? Was will man uns denn jetzt noch alles kaputt machen? Wir verzichten doch sowieso schon auf so vieles. Und jetzt das?

Ja, was soll man da nun sagen? Ich habe das Silvesterfeuerwerk von Kindheit an geliebt. Damals waren ein paar aufsteigende Silvesterraketen aber auch noch etwas ganz Besonderes, und ein Feuerrad, das Papa draußen an den Baum nagelte, das haben wir minutenlang bewundert.

Während mir die Freude am Feuerwerk geblieben ist, hat zu Silvester sowohl die Knallerei als auch die Diskussion darüber zugenommen. Ja, es ist Tradition, aber zugleich auch nicht so unbedingt nötig. Es ist Vergeudung. Aber doch auch Pracht? Und wir barocken Katholiken wissen uns doch an Prächtigem zu erfreuen! Außerdem war es immer eine Erfahrung geteilter Freude: wer kann und will, bringt etwas mit, und wir genießen das gemeinsam mit Fremden wie mit Freunden.

Das Bewusstsein für Umweltbelastungen ist gewachsen

Natürlich ist Brot wichtiger als Böller, aber wer hindert mich denn daran, zu spenden - und trotzdem auch ein bisschen Feuerwerk zu machen? Und wer außer Gott und dem Finanzamt weiß, ob die säuerlichen Spaßbremsen das eingesparte Geld auch wirklich spenden.

So weit, so fröhlich, nur, dass wir uns eben landauf, landab schon lange von “ein paar Raketen” entfernt haben. Während das Bewusstsein für Umweltbelastungen gewachsen ist, wurden die Feinstaubwolken und die Giftmüllberge an Silvester immer größer, die Unfälle häufiger und schwerer. Ob im abgebrannten Affenhaus im Krefelder Zoo oder bei meinen Nachbarn im Haus gegenüber. Da hat beim vorigen Jahreswechsel eine Rakete auf einem Dachbalkon ein kleines Feuer ausgelöst, das plötzlich schlagartig größer wurde, und bevor die Feuerwehr mit einem Leiterwagen da war, stand die gesamte Wohnung in Flammen. Und danach das ganze Haus unter Löschwasser. Die bauen da drüben heute noch. Reicht das jetzt? Sollte privates Feuerwerk nicht vielleicht endlich komplett verboten werden?

Viel Selbstverständliches ist nicht mehr selbstverständlich

Vielleicht betrachten wir die Sache einmal andersherum. Jetzt, in dieser seltsamen Zeit, in der so viel Selbstverständliches selbstverständlich nicht mehr selbstverständlich ist. Jetzt, wo niemand weiß, ob seine Lieben zu Silvester noch gesund sind - beziehungsweise: ob sie es bleiben, wenn man sich an den Feiertagen wie immer trifft: Jetzt ist vielleicht auch beim Silvesterfeuerwerk die erzwungene Pause gut, um neu zu entdecken, was uns warum wichtig ist. Die Erfahrung lauter gemeinsamer Freude: die haben wir auch gemacht, als wir im ersten Lockdown auf den Balkonen applaudierten, musizierten oder Bilder teilten.

Alles hat seine Zeit

Ein strahlendes Leuchtspektakel - das lässt sich heutzutage mit Laserlicht und Projektion herstellen. Die Schönheit eines Höhenfeuerwerks - die kommt doch viel besser zur Geltung, wenn Profis es zentral gestalten. Oder wenn es wenigstens nur an zentralen Stellen abgebrannt wird. Ja, ich habe es geliebt. Aber ein Jegliches hat seine Zeit. Wer weiß, was am Ende dieses seltsamen Jahres überhaupt möglich sein wird. Aber anstatt zu rebellieren wie trotzige Kinder, weil wir nicht auf das Gewohnte verzichten möchten, freuen wir uns doch, wenn wir auf den Lärm, den Feinstaub und auf den Müll verzichten. Ob nun mit Lockdown oder ohne.


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