Religion


10

Beten auf dem Gipfel Faszination Berggottesdienst

Ob mit der Gondel auf den Wallberg am Tegernsee oder mit Klettersteigausrüstung zur Alpspitze über Garmisch: Berggottesdienste liegen im Trend - aber was macht ihre Faszination aus?

Von: Andreas Pehl

Stand: 02.08.2016

Nicht nur in der Bibel übt die Bergwelt eine besondere Faszination auf die Menschen aus. Sie werden als spirituelle, heilige Orte empfunden, als Schnittpunkte zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Götter und Dämonen. Bereits in der Steinzeit lassen sich entsprechende Kultstätten nachweisen, die griechischen Götter wohnten in knapp 3000 Metern Höhe auf dem Gipfel des Olymp, Inka, Kelten, Sumerer und Inder kennen heilige Berge. Die Ägypter erschufen sich mit den Pyramiden ihre Berge gewissermaßen selbst. Das Judentum grenzt sich gegen den Baalskult ab, der auf Bergen zelebriert wird, sieht Berge aber auch als Orte der Verbindung zwischen Himmel und Erde, an denen Gott mit den Menschen in Kontakt kommen kann – etwa bei der Übergabe der zehn Gebote an Mose. Berge sind also ideale Orte des Gebets und der Andacht.

"Hebe deine Augen auf zu den Bergen, von welchen dir Hilfe kommt."

Psalm 121

Improvisation in der Höhe

Das empfinden offensichtlich viele Kirchgemeinden heute ebenso. Jedes Jahr verlassen sie schon ab Mai ihre Gotteshäuser und wandern hinauf auf die verschiedenen Gipfel im Voralpenland. Die Auswahl der Gipfel fällt recht unterschiedlich aus: vom Wallberg über dem Tegernsee, der bequem mit der Gondel erreicht werden kann bis hin zum über 2600-Meter hohen Gipfel der Alpspitze bei Garmisch, für dessen ausgesetzte Anstiege ein Klettersteigset eigentlich Pflicht ist. Oben wird ein kleiner Tisch zum Altar umfunktioniert. Steine beschweren das Altartuch. Latschenzweige werden zum einfachen Altarschmuck. Wenn jemand das Messgeschirr aus Versehen unten in der Sakristei vergessen hat, werden kurzerhand eine Edelstahlthermoskanne und eine Brotzeitdose zu Kelch und Hostienschale umfunktioniert. Gerade diese kleinen Dinge machen den Gottesdienst hier oben für viele so persönlich und authentisch.

Lifestyle oder Seelsorge in hohen Höhen?

Tipp

Auf einer eigenen Website stellen katholische Diözesen mit der Evangelischen Kirche in Bayern umfassend die Berggottesdienste in den Alpendiözesen zusammen – mit Ort, Datum und manchmal sogar mit Angabe des Schwierigkeitsgrades beim Aufstieg.

Berggottesdienste liegen im Trend. Doch sind die luftigen Messfeiern mehr als ein Event, ein touristisches Extra für die Urlaubsregion? Auf jeden Fall, meint Helmut Betz, Referent für Kirche und Sport der Erzdiözese München und Freising. Berggottesdienste sind für Betz ein idealer Ort der Seelsorge – in Gesprächen beim Aufstieg, beim Gottesdienst selbst und natürlich danach, beim gemeinsamen Hüttenbesuch, der zur Bergmesse gehört wie das Amen in der Kirche.


10