Themen - verbrauchertipps


8

Interviews Wie Ratgeber-Autoren aufräumen

Ratgeber-Autoren müssen wissen, wie man aufräumt - oder? Wie gut können eigentlich Profis ausmisten und welche Tipps haben sie für Aufräumwillige? BR.de stellt drei Fragen an vier Ratgeber.

Von: Tanja Fieber, BR.de

Stand: 23.12.2014

Bücherstapel | Bild: BR / Tanja Fieber

Drei Fragen an vier Ratgeber-Autoren - zum Durchklicken

Von Münchhausen

Marco von Münchhausen ist Autor der Ratgeber "Entrümpeln mit dem inneren Schweinehund" und "Zeit gewinnen mit dem inneren Schweinehund":

BR.de: Wie sind Sie auf das Thema Ausmisten aufmerksam geworden?

Von Münchhausen: Durch mein eigenes Leben und gleichzeitig durch Bücher über das Ausmisten, zum Beispiel Karen Kingston. Dann habe ich mich mit dem inneren Schweinehund beschäftigt und dieses Konzept aufs Ausmisten übertragen. Der Schweinehund ist ja nichts anderes als ein Bild für unsere inneren Widerstände gegen Veränderungen. Der Neandertaler in uns will alles horten, um auf Notzeiten oder Gefahren vorbereitet zu sein.

BR.de: Können Sie selbst gut ausmisten?

Von Münchhausen: Ich bin selbst ein Chaot und brauche um mich herum eine kreative, geordnete Unordnung. Weil man den inneren Schweinehund an die Hand nehmen muss, habe ich mir ein System zum Ausmisten angeeignet. Jeder sollte dabei schauen, was für ihn funktioniert. Ich zum Beispiel weiß, wo etwas bei mir ist, schreibe mir aber vor, dass alle 14 Tage der Schreibtisch aufgeräumt werden muss und habe mir ein Archiv angelegt für Artikel, Zeitschriften und Bücher. Von Januar bis zum Frühlingsbeginn am 21. März räume ich wöchentlich eine Stunde auf, meist am Montag, dann ist die Aufgabe für die Woche erledigt. Wenn ich einmal montags keine Zeit zum Aufräumen habe, dann arbeite ich vor oder in der darauf folgenden Woche zwei Stunden. So bleibt das Aufräumen eine flexible Arbeit und ist kein Muss mehr. Chaoten wie mir kann ich nur empfehlen, sich eine gewisse Ordnung zu schaffen, denn auch sie fühlen sich fast immer wohler, wenn sie aufräumen. Ordnung bringt auch Gleichgewicht: Wie außen so innen, wie innen so außen.

BR.de: Welchen Rat geben Sie Menschen, die derzeit vor einem großen Aufräum-Projekt stehen?

Von Münchhausen: Einmal jährlich sollte man systematisch Entrümpeln. Dabei ist der Anfang das Allerwichtigste: Beginnen Sie da, wo Sie das schnellste Erfolgserlebnis haben, um sich zu motivieren (z.B. Sperrmüll oder Keller aufräumen). Misten Sie Ordner erst zum Schluss aus, weil man den Erfolg dabei nicht so schnell sieht. Wenden Sie beim Ausmisten die "Salami-Taktik" an: Schneiden Sie eine große Wurst (Projekt) in kleine Scheiben (Teilprojekte). Holen Sie sich einen Coach oder gute Freunde zur Hilfe. Wie beim Ausmisten gilt auch beim Zeitmanagement: Wie außen so innen, wie innen so außen. Um dem "Manager-Problem" zu entgehen, sollten Sie Zeiten zur Erholung bewusst und als erstes einplanen. Sie kommen nicht von alleine. Haben Sie diese Zeiten in Ihrem Kalender geblockt, dann kommt nichts mehr dazwischen.

Kingston

Karen Kingston ist Autorin des Ratgebers "Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags":

BR.de: Wie sind Sie auf das Thema Ausmisten aufmerksam geworden?
Kingston: Mir war nicht klar, dass Gerümpel ein Problem ist, bis ich anfing die Wohnhäuser von Menschen für Reinigunszeremonien (space clearing, Feng Shui) zu besuchen, mit denen man nach Feng Shui Art die Raumenergie in Gebäuden reinigt und neu belebt. Zu Beginn einer Reinigungszeremonie gehe ich als erstes umher im Inneren eines Gebäudes, lese die Energie mit meinen Händen. Alles, was jemals in einem Raum passiert ist, ist in die Wände und die Einrichtung eingeprägt. Was ich dabei in vielen Wohnhäusern feststelle, ist, dass die Energie, die sich um Gerümpel sammelt, sich stark von der Energie unterscheidet, die Gegenstände umgibt, die wir benutzen und lieben. Das erkläre ich in meinem Buch:

"Dinge, die gemocht, benutzt und geschätzt werden, haben starke, lebendige, fröhliche Energien, die es der Raumenergie erlauben, durch sie hindurch und um sie herum zu fließen. Wenn Sie Ihr Leben klar ausrichten und sich mit Dingen umgeben, die von dieser herrlich frei fließenden Energie erfüllt sind, führen Sie auch ein entsprechend glückliches, freudenreiches, frei fließendes Leben. Im Gegensatz dazu wird alles, was vernachlässigt, vergessen, unerwünscht, ungemocht oder unbenutzt ist, die Energie in Ihrem Heim verlangsamen und blockieren, und dann haben Sie das Gefühl, Ihr Leben würde still stehen."

BR.de: Können Sie selbst gut ausmisten?
Kingston: Ich eröffne meine Feng-Shui-Workshops oft mit einem Gespräch darüber, sodass mein Publikum gleich von Anfang an meinen Standpunkt kennt. Ich öffne meine Handtasche und halte eine 1-Terabyte große, tragbare Festplatte in die Höhe, die ich immer bei mir habe, wenn ich das Haus verlasse. Diese enthält alles, was ich in den vergangenen 20 Jahren je geschrieben habe, alle Informationen, die ich in dieser Zeit recherchiert habe, meine Berichte, alle meine Fotos und mehr. Bei einem Feuer wären mein Ehemann, diese tragbare Festplatte und meine Feng-Shui-Glöckchen das einzige, was ich retten wollen würde. Ich habe wirklich überhaupt keine Zuneigung zu irgendetwas anderem, das ich besitze. Alles andere ist ersetzbar.

BR.de: Welchen Rat geben Sie Menschen, die derzeit vor einem großen Aufräum-Projekt stehen?
Kingston: Den wichtigsten Rat, den ich geben kann, ist klein anzufangen. Ich erkläre das in meinem Buch:

"Fangen Sie klein an. Suchen Sie sich zuerst nur einen überschaubaren Bereich aus, in dem das Aussortieren einfach ist. Eine Schublade oder ein kleiner Schrank eignen sich dafür. Schenken Sie sich selbst die Befriedigung, diesen Bereich von Ihrer Liste abhaken zu können, wenn Sie fertig sind. Die meisten Leute fühlen sich ziemlich gut, nachdem sie einen Bereich geschafft haben, und sind entsprechend motiviert, sich den nächsten vorzunehmen - und danach vielleicht noch einen weiteren. Jeder kleine Bereich gibt Energie für Sie frei, mehr anzupacken. Gehen Sie in Ihrem Tempo vor und machen Sie nur so viel auf einmal, wie Sie wirklich mit Freude tun. Das kann ein paar Stunden, ein paar Tage, ein paar Wochen oder auch ein paar Monate dauern, je nachdem, wie viel Gerümpel Sie haben und wie wild entschlossen Sie sind, alles auszumisten. Und denken Sie daran: Die Geschwindigkeit, in der die positiven Veränderungen in Ihrem Leben auftauchen, steht im direkten Zusammenhang mit dem Elan und der Entschiedenheit, mit denen Sie Ihr Gerümpel loswerden. Wenn Sie ein paar der kleinere Bereiche geschafft haben, fangen Sie mit den mittelgroßen an und schließlich den richtig großen, aber teilen Sie sich alle in einzelne Abschnitte, die auch wirklich zu bewältigen sind. Nehmen Sie sich Schränke zum Beispiel Fach für Fach vor und Zimmer Bereich für Bereich.

Falls bei Ihnen hingegen schon alles in der Zimmermitte aufgehäuft ist, dann müssten Sie zunächst einmal dafür sorgen, dass Sie genügend Stauraum haben, in dem Sie die Sachen erst einmal unterbringen. Danach teilen Sie den Berg in handliche, überschaubare Einheiten, die Sie eine nach der anderen durchgehen."

Nussbaum

Cordula Nussbaum ist Autorin des Ratgebers "Organisieren Sie noch oder leben Sie schon?":

BR.de: Wie sind Sie auf das Thema Selbstmanagement aufmerksam geworden?
Nussbaum: Als 17-Jährige bin ich auf ein Buch über Selbstmanagement und persönliche Einstellungen gestoßen, wie wir mit unseren Gedanken und unsere Sicht der Dinge die Dinge tatsächlich beeinflussen können. Das hat mir die Augen geöffnet, dass wir selbst unglaublich viel bewirken können, einfach indem wir unser Selbst-Management immer wieder achtsam überdenken und an die aktuellen Phasen unseres Lebens anpassen. Also ganz pragmatisch: mir überlegen was ich will, was mir gut tut, was mich stresst. Und dann in kleinen Schritten die Dinge, die mir gut tun anpacken und die Dinge, Menschen oder Aktivitäten, die mir nicht gut tun abschütteln. Das ist nicht immer leicht (lacht) aber sonst wäre es ja auch langweilig.

BR.de: Können Sie sich selbst gut organisieren?
Nussbaum: Mhm, was heißt "sich selbst gut organisieren"? Ich habe das Gefühl, ich habe meine Aufgaben, mein Leben im Griff, ich nehme mir Zeit für Menschen und Aufgaben, die mir wichtig sind. Ich habe einen Beruf, der mir unglaublich viel Spaß macht und eine liebevolle Familie, die mir viel Energie gibt. Dabei empfinde ich mich selbst aber nicht als "organisiert" im klassischen Sinne, denn ich brauche beispielsweise viel Freiräume, eine Menge unverplanter Zeiten und auch ein gewisses Chaos um mich herum, um zur Höchstform aufzulaufen. Wenn Sie mit "gut organisiert" meinen, seine Zeit und Aufgaben so einzuteilen, dass es einem gut geht - ja dann bin ich gut organisiert.

Wenn mich aber andere Menschen dabei beobachten, wie ich mal wieder vor meiner Haustüre knie, den Inhalt meiner Handtasche über die Fußmatte verteile, um den Hausschlüssel zu finden - die halten mich garantiert für völlig unorganisiert (lacht). Für mich gilt in jedem Fall, dass mich zu viel Organisation einschränken würde. Ausschlaggebend ist in jedem Fall, welcher Organisationstyp man ist. Und da ich eine ausgewiesene "Kreative Chaotin" bin, ist weniger Organisation in jedem Fall mehr.

BR.de: Welchen Rat geben Sie Menschen, die derzeit vor einem großen Aufräum- / Selbstmanagement-Projekt stehen?
Nussbaum:

  • 1. Zerlegen Sie das große Projekt in viele kleine Teilschritte - das macht es überschaubarer und damit erreichbarer.
  • 2. Setzen Sie sich einen festen Termin für die Teilschritte des Projektes und blocken Sie dazu Zeitinseln in Ihrem Kalender.
  • 3. Suchen Sie sich einen "T.i.d.A.-Partner". Das ist ein Mensch, der Ihnen wohl gesonnen ist und Ihr Projekt wohlwollend unterstützt. Seine - oder ihre - Aufgabe ist es nun, Sie zu Ihren festgesetzten Termine (Zeitinseln) nett zu erinnern und nachzufragen, wie es so läuft. Er hilft nicht beim Tun, sondern er gibt Ihnen einen Tritt-in-den-Allerwertesten (T.i.d.A.). Das klappt auch gut, wenn sich mehrere Menschen, die ähnliche Projekte haben, zusammentun. Ich habe beispielsweise letztes Jahr zwischen Weihnachten und Neujahr mein Büro auf Vordermann bringen wollen: Akten aussortieren, Zeitschriften durchschauen und ausmisten und eben mal alles klar Schiff machen. Dazu habe ich mich bei der "Klar-Schiff"-Aktion einer Kollegin eingeklinkt: Wir haben uns - eine Gruppe von zehn Räum-Willigen - um 10.00 Uhr zu einer Telefon-Konferenz getroffen, da hat jeder erzählt, was er heute machen will. Anschließend hat jeder geräumt und wir haben uns um 16.00 Uhr erneut zur Telefon-Konferenz getroffen und über die Erfolge berichtet. Das war sehr motivierend.
  • 4. Loben Sie sich bei erreichten Teilzielen, feiern Sie, klopfen Sie sich auf die Schulter. Das motiviert am Ball zu bleiben.

Witthüser

Richard Witthüser ist Autor des Ratgebers "Die Wohnungsdiät":

BR.de: Wie sind Sie auf das Thema Ausmisten aufmerksam geworden?

Witthüser: Mich hat schon immer interessiert, wie wir mit den vielen Dingen um uns herum am Besten klarkommen. Weltweit und historisch leben wir ja in der Ausnahmesituation, dass wir mehr Sachen haben, als wir brauchen. Ein Steinzeitmensch oder ein Arbeiter im 19. Jahrhundert, musste über das Problem nicht nachdenken. Und bei der "Wohnungsdiät" geht es auch um mehr, als um das Ausmisten. Die Frage ist ja, ob die Dinge wirklich noch dafür da sind, uns zu dienen oder ob wir nicht mittlerweile Diener der Dinge geworden sind. Es geht um etwas ganz grundsätzliches. Macht Zeug wirklich so glücklich, wie es die Verkäufer des Zeugs behaupten müssen. Oder sind wir mittlerweile einfach eine Funktion im Wirtschaftskreislauf: Der VERBRAUCHER. Allein das Wort ist ja schon entlarvend. Mit Geld, dass man nicht hat, Dinge kaufen, die man nicht braucht, um Leute zu beeindrucken, die man nicht mag. Das Leben nach diesem alten Spruch kann es auf Dauer nicht sein. Man begibt sich in unnötige Abhängigkeiten, um das Geld aufzutreiben, damit man den ganzen Krempel kaufen kann.

BR.de: Können Sie selbst gut ausmisten?

Witthüser: Aktuell muss ich es sehr gut können, denn ich bin gerade mit einem umgebauten Postlieferwagen für ein halbes Jahr auf Europatour, da merkt man genau, wenn Sachen Krempel sind, weil sie keinen festen Platz haben, kaputt, überflüssig oder nervig sind.

BR.de: Welchen Rat geben Sie Menschen, die derzeit vor einem großen Aufräum-Projekt stehen?

Witthüser: Sich einen klaren Anfangstermin setzen, sich klarmachen, dass Krempel Geld und Lebenszeit kostet. Sich ausmalen, was Sie auf jeden Fall bei einem Wohnungsbrand an Dingen retten würden (und was ihnen klammheimliche Freude machen würde, wenn es verbrennen würde). Und einen Schlusstermin festlegen, zu dem alle Freunde eingeladen werden. Sich nicht verrückt machen, jeder Mensch ist anders: Was für den "Bohème"-Typ [Anmerkung der Redaktion: Typen-Einteilung im Buch: Purist, Bohème, Schlamper und Sammler] aufgeräumt und krempelfrei ist, ist für den "Puristen" vielleicht das komplette Chaos. Jedes Ding in die Hand nehmen und spontan entscheiden. Systematisch vorgehen.


8