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Interview "Richten Sie den Blick aufs Ziel!"

Warum sammeln Menschen Dinge und wie motiviert man sich, etwas zu tun, auf das man eigentlich keine Lust hat? Diese und andere Fragen rund um das Thema "Ordnung halten" beantwortet Professor Godehard Brüntrup von der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München und Inhaber des "Erich-Lejeune Lehrstuhls für Philosophie und Motivation".

Von: Tanja Fieber, BR.de

Stand: 23.12.2014

Professor Godehard Brüntrup - Philosoph | Bild: Hochschule für Philosophie

BR.de: Warum horten Menschen Dinge?

Brüntrup: Die Frage, warum Menschen Dinge horten, hat sicher teilweise eine naturwissenschaftliche Antwort: dass es sich evolutionär gesehen, als sinnvoll erwiesen hat, Dinge aufzuheben, für schwierige Zeiten anzuhäufen und dass dieses Verhalten von der Natur belohnt wurde. Philosophisch muss man die Frage anders angehen, vielleicht auch etwas existentieller und tiefer bohren. Ich glaube, dass ein Mensch, der viel hortet, sich damit in der Vergangenheit und der vermeintlichen Sicherheit der Vergangenheit verbarrikadiert und vielleicht eine gewisse Angst vor der offenen und ungewissen Zukunft ausdrückt, gegen die er sich versichern will - gegen die man sich aber gar nicht ganz versichern kann.

Ein Mensch, der ein sehr positives Verhältnis zur Zukunft hat und viel von ihr erwartet, kann vielleicht mit leichtem Gepäck reisen. So wie im Evangelium Jesus die Jünger anweist, nur mit einem Mantel und ohne Geld zu reisen, so kann ein Mensch, der sich sehr viel Positives von der Zukunft erwartet, eigentlich unbeschwert von vielen gehorteten Dingen leben.

BR.de: Suchen Menschen Glück, wenn sie Dinge horten?

Brüntrup: Menschen suchen immer Glück. Auch wenn sie Dinge horten, suchen sie Glück. Denn Glück in einem umfassenden Sinn - also nicht einfach nur das angenehme Gefühl des Glücklichseins -, sondern Glück in dem Sinne, dass man ein erfülltes Leben hat, mit dem man innerlich wirklich zufrieden ist, das ist ja der Motor all dessen, was wir tun. Danach streben wir, bei allem, was wir tun - auch wenn wir horten. Philosophisch hätte ich hier wieder die Anfrage, ob das Horten nicht ein Klammern ist, ein Klammern an die Dinge, die man festhalten und begreifen kann - und sich darin wiederum eine gewisse Angst ausdrückt, sich ganz auf das Wagnis der offenen Zukunft einzulassen. Vielleicht wird man dadurch gerade unglücklich, weil man sich gewisse Chancen und Möglichkeiten, die die Zukunft bietet, verbaut, weil man zu verkrampft an dem Alten sich festhält.

BR.de: Warum fällt es vielen leichter, Dinge zu sammeln, als sie auszumisten oder gar nicht erst zu kaufen?

Brüntrup: Das liegt teilweise in der biologischen Natur des Menschen. Wir sind Jäger und Sammler. Wir sammeln die Dinge, um damit über den Winter zu kommen. Das Besitzstreben ist eine starke Kraft im Menschen. Unsere kapitalistische Wirtschaftsordnung beruht auf diesem natürlichen Besitzstreben, dass jeder immer mehr haben will. Von daher fällt es uns schwer, Dinge loszulassen.

Philosophisch wäre hier die kritische Frage zu stellen: Bin ich eigentlich, nur das, was ich habe oder gibt es nicht diesen Unterschied zwischen Haben und Sein? Denn all das, was ich anhäufe, das habe ich nur, bin ich ja nicht. Es bleibt mir äußerlich. Wer zu viel Zeit und Energie darauf verwendet, nur Dinge anzuhäufen, verliert vielleicht Zeit, in der er lernt, etwas zu sein, was ihm nicht nur äußerlich als Besitz zugeordnet ist, sondern was ihn als Persönlichkeit ausmacht.

BR.de: Wie geht man es an, Grundlegendes im Leben zu ändern?

Leitspruch in der Hochschule für Philosophie: "Prüft alles. Das Gute behaltet." (1 Thess 5,21)

Brüntrup: Grundlegendes im Leben lässt sich schwer ändern. Wir wissen ja heute aus der psychologischen Forschung, dass viele grundlegende Charaktereigenschaften eines Menschen bereits in den ersten Jahren - ich würde nicht sagen, festgelegt - aber stark bestimmt werden. Der Versuch, sich grundlegend zu ändern, verlangt immer Ausdauer. Es gibt allerdings Menschen, die sich grundlegend ändern. Philosophisch gesehen wäre der entscheidende Punkt, nachzuspüren, ob es einen inneren Bruch gibt im Charakter. Dass man feststellt, man tut Dinge, die man eigentlich nicht tun will.

Wenn zum Beispiel ein armer Student über die Straße läuft und vor ihm geht jemand, der in ein großes, teures Auto steigt, und dem fällt die Brieftasche herunter. Der Student sagt sich "Das tut dem nicht weh" und steckt die Brieftasche ein, in der eigentlich nur ein geringer Betrag drin ist. Der Student kommt nach Hause, hat sich diesen Betrag angeeignet, schaut dann in den Spiegel und sagt "Für das wenige Geld habe ich mich jetzt von einem ehrlichen Menschen in einen gewöhnlichen Dieb verwandelt. War es das wirklich wert?". Da gibt es eine Spannung zwischen dem, was er vordergründig wollte, nämlich das Geld, und dem, was er eigentlich wollte, nämlich ein ehrlicher Mensch zu sein.

Der innere Kompass ist immer die Frage: Wie will ich denn eigentlich wirklich sein, was sind meine tiefsten Wünsche? Wenn die alltägliche Praxis, dem oft widerspricht, ist es Zeit, sich zu ändern.

BR.de: Welche Rolle spielt Entscheidungsfreudigkeit bei Verhaltensänderungen?

Brüntrup: Entscheidungsfreudigkeit spielt eine große Rolle, weil die Unfähigkeit, Willensentschlüsse in die Praxis umzusetzen, eine Art von Unfreiheit ist, die Menschen auf verschiedenste Weise behindert. Die Fähigkeit, das, was ich eigentlich will, auch zu tun, ist ganz fundamental. Das ist Menschen leider unterschiedlich stark in die Wiege gelegt. Manche meinen auch, sie müssten alles erst vorwärts und rückwärts hundertmal überlegen und meinen, das sei die philosophische Lebensweise. Natürlich ist die philosophische Lebensweise die, alles zu prüfen, aber wie schon Goethe gesagt hat "Wer handelt, ist gewissenlos": Ab einem gewissen Punkt, muss man einfach etwas tun, auch wenn man nicht alle Folgen überblickt.

BR.de: Welche Rolle spielt Motivation bei Verhaltensänderungen?

Brüntrup: Motivation spielt bei Verhaltensänderungen eine sehr große Rolle. Denn Motivation ist diese Tatkraft, dass ich in der Lage bin, Handlungen auszulösen, meine Wünsche in die Tat umzusetzen. Dass ich nicht nur über die Dinge grübele, sondern, dass ich etwas tue. Da ist zum einen das Triebhafte - das fängt damit an, dass man die Motivation hat, zum Kühlschrank zu laufen, weil man durstig ist oder die Schokolade aufzureißen, weil man Hunger hat. Aber es gibt auch tiefere Motivationen, bei denen mir drei Aspekte wesentlich zu sein scheinen, um Menschen wirklich zu motivieren, etwas anzupacken.

Ein Beispiel: Wenn Sie spielende Kinder sehen, wann macht diesen das Spiel wirklich Spaß? Sie müssen erstens eine gewisse Autonomie erleben: Wenn das Kind mit Bauklötzchen spielt und Sie ihm ständig vorschreiben, was es machen soll, verliert es schnell den Spaß. Wer nicht eine gewisse Autonomie bei seiner Tätigkeit erlebt, verliert schnell die Lust - das sollten sich auch die Arbeitgeber merken.

Das zweite ist die Erfahrung von Kompetenz. Etwas zu können macht Freude: Wenn das Kind die Bauklötzchen so aufeinander türmt, dass ein schöner Turm entsteht, ist es begeistert und das Spiel macht ihm Spaß. Wenn es nicht funktioniert und ich immer überfordert bin, verliere ich die Motivation. Das Dritte ist: Ein Spiel von Kindern ist eingebettet in einen Sinnzusammenhang - da sind andere Kinder dabei, man bekommt Anerkennung und man lacht zusammen. So ganz alleine dazusitzen würde niemanden auf Dauer motivieren. Diese drei Dinge führen zusammengefasst dazu, dass man etwas mit voller Motivation tut: Autonomie, Kompetenz und die Einbettung in einen größeren Zusammenhang von Sinn und Beziehung.

BR.de: Wie motiviert man sich, Dinge zu tun, auf die man keine Lust hat?

Brüntrup: Das ist für alle natürlich immer eine Herausforderung, weil in uns ein Kind und in gewisser Weise auch ein Tier steckt, das nur für direkte Belohnungen etwas tut. Wenn Sie zum Beispiel einen Hund zu irgendetwas abrichten wollen, dann können Sie die Belohnung nicht drei oder vier Wochen später geben. Der Hund braucht sofort nach der erledigten Aufgabe die Belohnung, anders werden Sie ihn nicht motivieren, etwas zu tun. Eine typisch menschliche Errungenschaft ist es hingegen, die Belohnung verzögert in Empfang nehmen zu können.

Genau diese Stärke des Menschen würde ich ausspielen, wenn ich eine Aufgabe vor mir habe, die mir schwer fällt. Ich würde mich fragen, welches Ziel will ich denn damit erreichen, wenn ich zum Beispiel das Zimmer aufräumen muss? Dann stelle ich mir vor, wie angenehm es dann nachher sein wird, dass ich dann vielleicht auch leichter wieder Gäste einladen kann und mich nicht genieren muss, dass ich mich selbst wohlfühle. Also, immer den Blick auf das später erreichte Ziel richten, dann fällt das jetzt Unangenehme leichter!

BR.de: Kann man sagen, ohne Disziplin geht es nicht im Leben?

Brüntrup: Das würde ich definitiv so sagen! Wir sollten uns nicht vormachen, dass wir in der heutigen Welt bestehen könnten, ohne dass wir mit harter Disziplin arbeiten und versuchen Positives in der Welt zu bewirken. Den wenigsten Menschen fällt etwas in den Schoß - selbst die großen künstlerischen und wissenschaftlichen Genies sind immer 70 bis 80 Prozent harte Arbeit und 20 bis 30 Prozent Begabung. Oder im Sport: Niemand wird ein großer Sportler, wenn er nicht jahrelang knochenhart übt. Das gehört zur menschlichen Existenz. Wer sich da drum herum drücken will, lügt sich etwas in die Tasche.


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