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Hintergrund Schlafforschung

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Schlafwandeln Leben im Schlaf

Unheimlich und rätselhaft - so wirkt auf viele Menschen ein Phänomen, das die Wissenschaft bis heute nicht richtig erklären kann. Gemeint ist der Somnambulismus, zu Deutsch: Schlafwandeln. Klingt faszinierend, ist für die Betroffenen aber meist unangenehm, manchmal sogar gefährlich.

Stand: 18.03.2014

Schlafwandler  | Bild: picture-alliance/dpa

Schlafwandler bringen viele Dinge zustande, die man normalerweise mit Schlafen überhaupt nicht in Verbindung bringen würde: Telefonieren und Autofahren zum Beispiel. Das Phänomen, dass Menschen schlafend herumlaufen, ist für die meisten "Normalschläfer" auf den ersten Blick eindrucksvoll, für die Betroffenen hingegen erschreckend - und meist peinlich. Sie fühlen sich selbst verletzbar, angreifbar. Denn schließlich tun sie das, was sie tun, nicht bewusst, sondern im Schlaf. Deswegen ist es vielen Schlafwandlern unangenehm, über ihre nächtlichen Aktivitäten zu sprechen.

Schlafwandeln: ein Traum?

Schlafwandler, die von Alpträumen aus dem Bett getrieben werden, leiden an der sogenannten REM-Schlaf-Verhaltensstörung, erklärt Prof. Soheyl Noachtar von der Neurologischen Klinik der LMU in München. Diese Form des Schlafwandelns ist erst seit gut 20 Jahren bekannt, betroffen sind vor allem Menschen ab dem 50. Lebensjahr. Über die Hintergründe wissen Neurologen nicht allzu viel. Fakt ist aber, dass solche Schlafwandler eine hohe Muskelaktivität aufweisen, was ungewöhnlich ist. Denn normalerweise ist die Muskulatur während der Traumschlafphase gelähmt - mit Ausnahme der Atemmmuskulatur. Warum dies bei REM- Schlafwandlern nicht der Fall ist, ist unklar. Mithilfe von Schlafmitteln, die über einen längeren Zeitraum hinweg wirken (also nicht nur das Einschlafen erleichtern), kann die REM-Schlaf-Verhaltensstörung in vielen Fällen erfolgreich behandelt werden.

Hintergrund: Schlafwandler und der Mond

Lampe oder Mond: Welcher Art die Lichtquelle zur Orientierung ist, ist dem Schlafwandler einerlei.

Das bekannteste Beispiel ist der Schlafwandler auf dem Dach, der scheinbar traumhaft sicher über den First läuft. Daher sprechen viele Leute nach wie vor von "mondsüchtig", wenn sie über Schlafwandeln reden. Schlafforscher haben jedoch herausgefunden, dass Schlafwandler sich allgemein an einer Lichtquelle orientieren. Früher war das oft der Mond, heute kann das eine Straßenlaterne vor dem Fenster sein oder eine brennende Wohnzimmerlampe.

Schlafend telefonieren, kochen, Auto fahren

Bei einer anderen Form des Schlafwandelns spielen Träume hingegen keine Rolle. Wer schlafwandelt, ohne von einem Traum aus dem Bett getrieben zu werden, dessen Hirnströme, Augenbewegungen und Muskelspannungen signalisieren Tiefschlaf. Messungen der elektrischen Gehirnaktivität belegen das.

Erstaunlich ist deshalb, dass die Betroffenen Schlafwandler komplexe Handlungen ausführen wie Kochen oder Autofahren, allerdings nicht über Stunden hinweg, sondern nur für relativ kurze Zeit. Am nächsten Tag erinnern sich die Betroffenen im Allgemeinen nicht mehr an die Geschehnisse der vergangenen Nacht. Auch hier tappen die Mediziner buchstäblich im Dunkeln, was die Ursachen betrifft. Medikamente gegen diese Form des Schlafwandelns sind jedenfalls nicht bekannt.

Extrem: Mord

In einem extremen Fall hat der Brite Jules Lowe im Schlaf seinen Vater umgebracht. Gewalttätiges Schlafwandeln ist jedoch extrem selten, beruhigen Schlafforscher. Nach Gutachten von Schlafforschern, die nachwiesen, dass Lowe wirklich schlafwandelte, wurde er freigesprochen.

Wenn der Toilettengang im Schrank endet

Kinder hören meist irgendwann einmal mit dem Schlafwandeln auf.

Vor allem bei Kindern ist die traumlose Form des Schlafwandelns gar nicht so selten, sagt Professor Geert Mayer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. Kinder hätten einen inneren Reiz aufzustehen, zum Beispiel eine volle Blase, sind aber nicht ausreichend wach, dass sie die Tür zur Toilette finden und öffnen, sondern sie öffnen irgendeine Tür - zum Beispiel eines Schrankes - und verrichten dann dort ihr Geschäft.

Meist ist dieses Verhalten bei Kindern nicht behandlungsbedürftig, da es mit der Zeit von alleine aufhört. Eltern sollten ihre Kinder in einem solchen Fall daher nicht aufwecken, sondern behutsam zum Bett zurückführen. Anders verhält es sich in einem solchen Fall hingegen bei Erwachsenen, dann sagt man zum Beispiel: "Ja, warst du betrunken?" oder sonst etwas und schiebt es vielleicht gar nicht aufs Schlafwandeln, davon ist Mayer überzeugt.

Hilfe durch Autosuggestion

Im Bett liegen bleiben: Das ist für Schlafwandler nicht so einfach. Autosuggestion soll helfen.

Nicht nur deswegen versuchen die Schlafforscher, den Schlafwandlern zu helfen. Sie versuchen, über das Bewusstsein Einfluss auf das Verhalten während des Schlafens zu nehmen. Bei dieser Autosuggestion geben sie den Schlafwandlern die Aufgabe, sagt Professor Mayer, sich immer wieder einen Satz vorzusagen, zum Beispiel: "Wenn ich spüre, dass meine Füße den Boden berühren, gehe ich ins Bett zurück und schlafe weiter." Die Schlafwandler reagieren auf den äußeren Reiz und folgen der inneren Anweisung. "Das funktioniert hervorragend, wenn die Betroffenen das auch üben", betont Mayer. Bereits bei 60 Patienten hatte er mit dieser Methode Erfolg.

"Nach einem Fest ... sind wir ins Bett gefallen. Das nächste, woran ich mich erinnern kann, ist, dass ich plötzlich auf dem Dach gesessen bin und um Hilfe geschrien habe. Davon bin ich aufgewacht. Also muss ich wohl im Traum auch schon um Hilfe geschrien haben ... das war mir furchtbar peinlich."

Bertram Kirchmeier, Schlafwandler


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