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Nocebos Die Schattenseite der Selbstheilungskraft

Placebo-Effekt - schon oft gehört. Aber kennen Sie den Nocebo-Effekt? Im Gegensatz zur positiven Wirkung des Placebo-Effekts empfindet hier der Patient nach Verabreichung wirkstofffreier Präparate eine Verschlechterung seiner Symptome.

Stand: 24.06.2016

Frau rauft sich vor Schmerzen die Haare | Bild: colourbox.com

Schmerzen lösen sich in Luft auf, Menschen finden wieder ihren Schlaf, Herzen schlagen richtig. Das hört sich an, als wären Placebos Wundermittel. Aber es gibt auch die andere Seite - die Nocebos. Das sind die negativen Folgen eines Scheinmedikaments oder einer Vorstellung.

Beispiel Beipackzettel

Beipackzettel: eine Wissenschaft für sich

Eigentlich sollen die Beipackzettel über Nutzen und Risiken des Medikaments aufklären. Dazu gehören auch mögliche Nebenwirkungen - seien sie auch noch so selten. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit extrem gering ist, dass Patienten davon betroffen werden, sind diese Informationen enthalten - scheinbar als Absicherung für den Hersteller.

Erwartet man eine Nebenwirkung, bekommt man sie auch

Immerhin 90 Prozent aller Patienten scheinen den Beipackzettel zu studieren. Das ergab eine Studie der AOK aus dem Jahr 2005, bei der 1.900 Versicherte befragt wurden. Dabei löst die Information aber häufig Verunsicherung und Angst aus. Patienten befürchten, eine dieser seltenen schweren Nebenwirkungen zu bekommen. Die Folge: Manche nehmen das Medikament vorsichtshalber erst gar nicht ein - immerhin 28 Prozent.

Im Vorfeld von Operationen lassen sich ähnliche Effekte beobachten: Wird der Patient ausführlich über die Risiken und Nebenwirkungen informiert, die der Eingriff mit sich bringen kann, leidet der Betroffene im Anschluss an die OP tatsächlich häufiger an diesen Komplikationen - ob eingebildet oder real.

Der Nocebo-Effekt

Erwartet man gewisse Nebenwirkungen, können sie als Noceboeffekt auch tatsächlich eintreten. Es gibt zahlreiche Studien, die genau dieser Frage nachgegangen sind. Probanden wurden eingeteilt in Medikamenten- und Placebogruppen zur Kontrolle. Mit eindeutigem Ergebnis: Sogar in den Placebogruppen berichtet (durchschnittlich) jeder Vierte über Nebenwirkungen - ohne den Wirkstoff je bekommen zu haben.

Beispiel: Die Antibaby-Spritze für den Mann

Bei dieser Spritze stoppen die Hormone Testosteron und Gestagen vorübergehend die Spermienproduktion. Nebenwirkungen u.a.: Nachtschweiß, Stimmungsschwankungen, Libidoverlust. Das Interessante: Über diese Nebenwirkungen klagten auch Männer in der Placebo-Gruppe. Das legt die Vermutung nahe: Allein das Wissen um Nebenwirkungen führt dazu, dass sie auch auftreten.

Die gründlichsten Untersuchungen über das Nocebo-Wirken wurden bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen gemacht. Menschen, die sich für gefährdet halten, erleiden viermal häufiger einen Herzinfarkt als Optimisten. Düstere Erwartungen sind ein mindestens ebenso großer Risikofaktor wie Alkohol und Nikotin. In diesem Zusammenhang schätzt man auch, dass fünfzig Prozent aller Erkältungswellen auf das Konto des Nocebo-Effektes gehen. Der Nocebo-Effekt kann aber auch bei verabreichten Placebos eintreten.

Die Wirkung: eine Frage vieler Faktoren

Der Arzt hat Einfluss auf das Wohlbefinden.

Ob sich Placebos positiv oder negativ auswirken, hängt von vielen Faktoren ab: Suggestion, Erwartung, Angst - und von sinnlichen Reizen. Rote Pillen wirken aufputschend, pinke stimulierend, blaue und grüne eher beruhigend. Zwei Tabletten helfen besser als eine und Tropfen noch besser. Jedoch am allerbesten gegen Schmerzen - so lauten Placebo-Gerüchte - hilft die Injektion von purpurnem Vitamin B12 in den Po.

Ein weiteres Beispiel: Wenn der Arzt fragt: "Es geht Ihnen aber schon besser?", dann geht es dem Patienten häufig auch besser. Sogenannte Gefälligkeitsauskünfte und andere Dinge steigern den Mythos, der sich um Placebos rankt.

Gibt es ihn nun, den Placebo-Effekt, oder nicht?

Wer, wann, wie stark und ob überhaupt, auf Placebos reagiert - das alles ist unvorhersehbar. Egal ob der Patient sehr oder wenig gebildet ist, ob er ein Naturwissenschaftler oder ein Esoteriker ist, Placebos können bei jedem wirken - oder auch nicht.


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