Themen - familie


15

Betreuung für Senioren Wohngruppe statt Pflegeheim

Pflege am Fließband, fremdbestimmte Tagesabläufe, häufiger Personalwechsel: In vielen Pflegeheimen ist das die Realität. Doch es gibt Alternativen: Betreute Wohngruppen für Senioren.

Stand: 16.02.2012

Tafelzeichnung neben sitzenden Damen in Gemeinschaft | Bild: colourbox.com; Montage und Illustration: BR/Tanja Begovic

In der Münchner Senioren-Wohngemeinschaft "Hestia" leben neun pflegebedürftige Menschen, die von zwei Betreuerinnen rund um die Uhr betreut werden. Das jüngste WG-Mitglied ist 75, das älteste 90. Jeder hat sein eigenes Zimmer, im Vordergrund aber steht das alltägliche Miteinander, dass sich in der geräumigen Wohnküche abspielt.

"In der Wohngruppe findet die Pflege natürlich auch statt, da jeder pflegebedürftig ist, aber Alltagsnormalität ist das, was großgeschrieben wird. Die Pflege sollte das Leben in der Wohngruppe nicht zerstören. Wir leben ganz individuell, das Leben hier kann man mit einem Pflegeheim nicht vergleichen, sondern eher mit einer Großfamilie, wo imer jemand da ist, der sich um die Kranken kümmert."

Jolanthe Hyzi, Chefin eines ambulanten Dienstes

Vertragsabschluss und laufende Kosten

In einer stationären Einrichtung gibt es einen Heimvertrag, der alles regelt, bei der Senioren-WG verhält es sich anders: Die Bewohner haben getrennte Verträge für Miete, Pflege und Betreuung, die einzeln gekündigt werden können.

Ein Platz in der WG "Hestia" kostet, abhängig von der Pflegestufe, zwischen 2.200 und 3.400 Euro im Monat. Dieser Preis setzt sich zusammen aus den Einzelposten für Miete, Pflege und Betreuung. Auf die reinen Wohnkosten entfallen rund 680 Euro im Monat, inklusive der Mietnebenkosten und der Nutzung aller Gemeinschaftsräume: Wohnküche, Bad und WC. Wer den Eigenanteil für die Wohngemeinschaft nicht aufbringen kann, hat prinzipiell Anspruch auf Sozialhilfe.

Gesetzliche Rahmenbedingungen für eine Pflege-WG

Das bayerische Pflege- und Wohnqualitätsgesetz regelt die Rahmenbedingungen für ambulante Pflege-WGs und grenzt sie von stationären Einrichtungen ab. Die Wohngemeinschaft darf nicht mehr als zwölf Mitglieder haben, die Selbstbestimmung der Bewohner und ihrer Angehörigen muss gewährleistet sein. Jeder Bewohner darf seinen Pflegedienst frei wählen und auch über die Art und den Umfang der Betreuung frei entscheiden. Der ambulante Dienst hat nur einen Gaststatus in der WG und darf dort kein Büro unterhalten.

"Ambulant betreute Wohngemeinschaften (…) sind Wohnformen, die dem Zweck dienen, pflegebedürftigen Menschen das Leben in einem gemeinsamen Haushalt und die Inanspruchnahme externer Pflege- oder Betreuungsleistungen gegen Entgelt zu ermöglichen."

Auszug aus dem bayerischen Pflege- und Wohnqualitätsgesetz

Verschiedene Formen von Wohngemeinschaften

WGs für Demenzkranke

Wohngemeinschaften sind für Demenzkranke besonders gut geeignet, sie gibt es daher schon relativ lange. Initiatoren von Demenz-WGs sind oft Selbsthilfegruppen oder Angehörigenvereine.

Gemischte Wohngruppen

Darunter versteht man WGs für Senioren, die einen unterschiedlichen Pflege- und Hilfebedarf haben. Die Gründer dieser WGs sind Pflegedienste, Kommunen, gelegentlich auch die Betroffenen selbst oder ihre Angehörigen.

WGs mit Intensivpflege

Eine relativ neue Gruppe sind Wohngemeinschaften für intensivpflegebedürftige Patienten. Solche WGs entstehen momentan an vielen Orten in Bayern und können zum Beispiel in Seitenflügeln von Pflegeheimen untergebracht sein, sodass die zur Intensivpflege notwendige Infrastruktur gewährleistet ist.

Intensivpflege in WGs

Auch für schwerste Pflegefälle wie Wachkomapatienten gibt es inzwischen spezielle WGs. Gemütliches Wohnzimmer-Flair sucht man dort meist vergeblich, die Atmosphäre erinnert vielmehr an sterile Kliniken. Dennoch haben diese WGs einen enormen Vorteil:

"Wir haben fünf Bewohner, es sind zwei Schwestern tagsüber da und zwei Schwestern nachts, plus eine Schülerin, plus eine Pflegehilfskraft. Dadurch haben wir die Zeit, das Privatleben der Bewohner zu gestalten. Bei uns ist jeder Tag anders gestaltet und individuell auf den Bewohner zugeschnitten."

Ulla Speyer, Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivmedizin, tätig in einer Wohngemeinschaft für intensivpflegebedürftige Patienten in Greifenberg am Ammersee.

Möglich wird der großzügige Personalschlüssel durch die besondere Finanzierung der Intensivpflege. Krankenkasse und Pflegeversicherung teilen sich in einem komplizierten Verfahren die Kosten. Allerdings muss der Patient zuzahlen, abhängig von der Krankenkasse sind das bis zu 1.000 Euro, hinzu kommen rund 600 Euro für Miete und Verpflegung.

Keine Kostenersparnis

"In der Regel sind Wohngemeinschaften nicht billiger als Heime. Heime und Wohngemeinschaften kosten etwa gleich viel. Es gibt Wohngemeinschaften, die günstig sind, da sollte man sich die Qualität der Pflege und Betreuung aber genau anschauen. Das gilt nicht für die Intensivpflege-Patienten, da ist die ambulante Betreuung für den einzelnen häufig günstiger als die stationäre."

Julia Nitschmann, Fachstelle für ambulant betreute Wohngemeinschaften in Bayern

Nicht alle WGs entsprechen den Erwartungen

In vielen WGs sind die Bewohner grundsätzlich gut versorgt. Überwacht wird dies von der FQA, der "Fachstelle für Pflege- und Behinderteneinrichtungen - Qualitätsentwicklung und Aufsicht", eine Behörde auf kommunaler Ebene. Dennoch finden sich gelegentlich schwarze Schafe. Die Qualität einer Wohngemeinschaft lässt sich am besten vor Ort überprüfen: Wie ist die Atmosphäre, wie gehen die Mitarbeiter mit den Mietern um, wie gut funktioniert die Selbstbestimmung?

Hilfe vor Ort

Die Fachstellen für pflegende Angehörige können Sie ausführlich beraten. Ansprechpartner vor Ort finden Sie unter:

Wegweisend für die Zukunft

Die Bedeutung der Senioren-WGs wird wachsen: Immer mehr Menschen wollen auch im Alter möglichst selbstbestimmt und frei leben. Und: Viele Senioren von morgen haben selbst einmal in ihrer Jugend WG-Erfahrungen gesammelt. Diese Wohnform könnte für sie auch im Alter wieder interessant werden.

Altersgerechtes Wohnen

Mit der Kampagne "Zu Hause daheim" will das Bayerische Sozialministerium für das Zukunftsthema Wohnen im Alter sensibilisieren und auf den zukünftigen Bedarf an ambulanten Betreuungs- und Wohnformen aufmerksam machen. Gleichzeitig soll die Wahrnehmung für vorhandene Möglichkeiten alternativer Wohnkonzepte geschärft werden.

Mit regionalen Aktionstagen in allen sieben Regierungsbezirken informiert das Bayerische Sozialministerium von September bis November 2012 sowohl über neue Wohnformen im Alter als auch über Konzepte, die das Leben im eigenen Zuhause trotz Pflege- und Unterstützungsbedarf ermöglichen.

Wohnen zu Hause

Nicht jeder alte Mensch möchte seine gewohnte Umgebung verlassen. Oft reichen einige Umbauten, um zu ermöglichen, im eigenen Heim zu bleiben.


15