Kultur

"We don`t need another hero" Die zehnte Berlin Biennale will keine neuen Helden

Entschieden, aber fröhlich tritt die zehnte Berlin Biennale für unterschiedliche Sichtweisen ein - unter dem Motto: "We don’t need another hero". Das Festival, mit Gabi Ngcobo erstmals von einer Afrikanerin kuratiert, fragt: Was passiert, wenn Helden vom Sockel gestürzt werden?

Von: Simone Reber

Stand: 08.06.2018

Alles ist unsicher in der Installation von Dieno Seshee Bopape in der großen Ausstellungshalle der Kunstwerke. Von der Decke hängt eine wacklige Kugel aus Pappkarton, Säulen liegen umgestürzt auf dem Boden, Ziegel sind zerschlagen. Wie gefesselt sind Kartoffeln in ein Sieb gesperrt. Die südafrikanische Künstlerin hat die Geschichte einer Frau, die verrückt wird, in ein schwankendes,  ungeschütztes Raumgefühl übersetzt. Aus dieser Unsicherheit entwickelt sich in der ungewöhnlich lebensfrohen Berlin Biennale der politische Aufbruch.

Gabi Ngcobo fragt: Was haben wir der Zukunft zu sagen?

"We don’t need another hero…. " - wir brauchen keine neuen Helden, singt Tina Turner und die zehnte Berlin Biennale fragt: Was passiert, wenn niemand mehr auf dem Sockel steht, wer nimmt dann den freien Platz ein? Ein Studentenprotest in Kapstadt inspirierte die Kuratorin Gabi Ngcobo zu ihrem Motto. "Rhodes must fall" – verlangten die Studenten 2015 und forderten, dass die Statue des britischen Politikers Cecil Rhodes vom Sockel gestürzt wird, weil er maßgeblich für die Kolonisierung des südlichen Afrika verantwortlich war. "In einem ihrer Proteste schrieben ein paar Studenten eine Botschaft, die sich an die Zukunft wandte. Sie hieß: liebe Geschichte, an dieser Revolution sind Frauen, Schwule, Lesben und Transsexuelle beteiligt. Denk daran."

Installation "Toli,Toli" von Minia Biabiany

Was haben wir der Zukunft zu sagen, fragte sich Gabi Ngcobo. An drei Standorten lädt die Ausstellung jetzt dazu ein, Klischees zu überprüfen, die Beziehung zwischen Europa und dem Rest der Welt neu zu denken. Und dabei auch im eigenen Land genau hinzuschauen. In seinem Film "Again" spielt Mario Pfeifer einen Vorfall im sächsischen Arnsberg noch einmal durch, bei dem Anwohner einen Asylsuchenden mit Kabelbindern fesselten, weil sie ihn für gewalttätig hielten. "Der ist sehr auffällig gewesen auch mit seinem Auftreten, das war schon relativ aggressiv, man weiß ja nie, springt der jetzt auf, tritt einen oder beißt einen", sagen Arnsberger im Film.

"Wir befinden uns im Krieg"

Mario Pfeifer hakt beharrlich nach, das Faszinierende an dem Reenactement: Es gibt keine Eindeutigkeiten. Sehr entschieden, aber auch fröhlich tritt die zehnte Berlin Biennale für unterschiedliche Sichtweisen ein, vereint viele Hautfarben und alle Geschlechter von queer bis trans. Um neue Positionen zu erobern, tarnt sie sich unter einem rosa-grauen Camouflage-Muster. Nur den Opfermythos verweigert das Kuratorenteam um Gabi Ngcobo. "Seien wir ehrlich: Wir befinden uns im Krieg. Wir treten in einen historischen Prozess ein, und wagen es, unseren Platz  darin zu beanspruchen. Wir haben alle Schlagworte vermieden, denn kein 'Ismus' kann die Wirklichkeit ersetzen. Wir haben eine Vision in Grau und Pink erschaffen, den Farben der Geschichte und den Farben der Zukunft."

Besonders schön ist die Ausstellung in der Akademie der Künste. Filigrane Pastellzeichnungen der chilenischen Künstlerin Johanna Unzueta markieren den Rundgang. Zu entdecken sind auch die abstrakten Arbeiten der Afro-Amerikanerin Mildred Thompson, die in Hamburg bei Emil Schumacher studierte, vierzig Jahre künstlerisch tätig war und dennoch in Vergessenheit geriet. Es gibt sie also – die außereuropäische Moderne, die weibliche Moderne, es gibt eine politisch wache Kunst, die sinnlich und witzig sein kann. Das ist die Botschaft der zehnten Berlin Biennale an die Zukunft.

http://berlinbiennale.de/de