Kultur


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“Swing Time” von Zadie Smith Immer im Schatten

Die Chefin, die Freundin aus Kindertagen, die eigene Mutter: Drei Frauen bestimmen in Zadie Smiths Roman „Swing Time“ das Leben der Protagonistin. Sie selbst kann neben ihnen nicht strahlen – und auch das Buch schafft das nicht.

Von: Kirsten Martins

Stand: 15.09.2017

Anfang der 80er-Jahre im Nordwesten Londons: Die namenlose Erzählerin ist sieben Jahre alt, als sie ihre zukünftige Freundin Tracey beim Ballettunterricht trifft. Wie sie hat Tracey hellbraune Haut – eine „dunklere Shirley Temple“, Stupsnase, Korkenzieherlocken bis zum Po, Rüsschenkleid. Tracey ist eine talentierte Tänzerin, die weiß, wie man Süßigkeiten am Kiosk klaut. Zu alten Fred-Astaire-Videos üben die begeisterten Freundinnen stundenlang Stepptanz. Doch nur Tracey schafft den Sprung auf die Musical-Bühne.

Das Alter Ego der Zadie Smith

Die Protagonistin ohne Namen hat dasselbe Alter wie Zadie Smith. Auch die Autorin wollte als Kind Stepptänzerin werden, sie wuchs in der gleichen Gegend von London auf. Zum ersten Mal schreibt Zadie Smith in „Swing Time“ in der ersten Person. Eindringlich und lebendig erzählt sie über die Freundschaft der beiden Mädchen, ihre Leidenschaft für den Tanz, ihre Geheimnisse, aber auch über ihre Konkurrenz, Eifersucht und ihr Misstrauen. Atmosphärisch und genau sind ihre Beschreibungen der unterschiedlichen Elternhäuser, eines auf den ersten Blick kaum wahr zu nehmenden Rassismus, der unguten Stimmung an der Schule, in der Polizistensöhne neben die Kinder von Kriminellen gesetzt werden.

"Damals war der Sommer der Pinkelpuppe. Man gab ihr Wasser zu trinken, und sie pinkelte überall hin.(...) Wir beide spielten die Eltern dieses bedauernswerten, inkontinenten Kindes, und aus den Texten, die Tracey mir vorgab, hörte ich manchmal merkwürdig verstörende Anklänge an ihr eigenes Familienleben heraus, oder vielleicht auch nur die zahllosen Serien, die sie sich ansah. Das wusste ich nicht genau. 'Jetzt bist du dran. Du musst sagen: Du Schlampe – die ist doch gar nicht von mir! Bin ich vielleicht schuld, dass sie sich immer anpinkelt? Los, du bist dran'."

Zaddie Smith, Swing Time

Eine Domestikin des 21. Jahrhunderts

Weniger mitreißend schildert Zadie Smith dagegen die Beziehung zwischen der politisch desinteressierten Protagonistin und deren Mutter, einer schlanken Jamaikanerin, die den Afro raspelkurz trägt und Politik und Soziologie studiert. Als sie es zur Stadträtin von London gebracht hat, ist ihre Tochter schon die persönliche Assistentin des internationalen Popstars Aimee – einer weißblonden Australierin mit hellblauen Augen, androgynem Gesicht, halb Peter Pan, halb Alice im Wunderland. In den zehn Jahren ihrer Arbeit für Aimee, wird die Erzählerin - wie sie einmal kurz selbstironisch bemerkt - zu einer Domestikin des 21.Jahrhunderts, so wie es einst die afroamerikanischen Butler und Hausmädchen in ihren geliebten Musicals waren.

"Ich musste jeden Morgen um acht bei Aimee sein (sie selbst stand immer um fünf auf, um noch zwei Stunden unten im Keller zu trainieren und dann noch eine Stunde zu meditieren). In Aimees Stadthaus wurde wie verrückt geplant, geprobt, gefiebert: Das neue Konzert fand in einer mittelgroßen Halle statt, sie sollte live singen, mit einer Liveband, das hatte sie seit Jahren nicht mehr gemacht. Um nicht in die Schusslinie all der Zusammenbrüche und Streitereien zu geraten, verbrachte ich so viel Zeit wie möglich im Büro und vermied die Proben, so gut es ging."

Zadie Smith, Swing Time

Mehr Breite als Tiefe

625 Seiten mäandert der Roman durch die Zeiten. Zadie Smith springt in den kurzen Kapiteln hin und her: zwischen Kindheit, Pubertät und Erwachsenenalter – und zwischen den Figuren. Mal erzählt sie von ihrer Mutter, mal von Aimee, mal von Tracey. Damit versucht sie ihrem überlangen Roman Spannung, Vitalität und Tempo zu geben. Auch die Beschreibungen ihres Lebens bei Aimee zwischen Privatjet, Fitness und Lovern gehen in die Breite, jedoch nicht in die Tiefe. Als sie für Aimee im afrikanischen Busch eine Schule für Mädchen gründet, streift Zadie Smith trotz vieler Worte über einiges Ergründenswertes nur so hinweg: Korruption, Entwicklungshilfe, Sextourismus, Islamisierung.

"Man denkt immer, dass Farbige sich ihrer Identität sicher seien, weil sie einst um ihre Bürgerrechte kämpfen mussten, aber diese Leute können doch dasselbe fühlen wie alle anderen im 21. Jahrhundert: Entfremdung, Isolation, Langeweile. Vor allem auch Langeweile."

Zadie Smith im Interview mit dem dänischen Louisiana Museum of Modern Art

Tatsächlich scheint auch die Hauptfigur in „Swing time“ an Langeweile, Isolation und Apathie zu leiden. Doch die Gründe werden von Zadie Smith nicht untersucht oder thematisiert. Das Hauptproblem dieses Romans mag die Figur der Erzählerin sein. Sie entwickelt sich nicht, macht keine Veränderung durch, sondern bleibt die distanziert agierende und schreibende Frau, die nicht weiß, wohin in ihrem Leben. Zwei Liebesaffären sind flau und nichtssagend, die Freundschaft mit Tracey flacht ab, die Mutter zieht sich zurück, mit Aimee kommt es zu einem Konflikt um einen Lover – doch nie kommt es zu tiefer gehenden Auseinandersetzungen oder Konfrontationen. Die Protagonistin bleibt ungerührt, und der Roman verliert nach den ersten überzeugenden Kapiteln seine Sogkraft.

Zadie Smith: "Swing Time“ . Roman. Aus dem Englischen von Tanja Handels, 640 Seiten, 24 Euro


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