Kultur


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ESC-Vorentscheid Songwriter Xavier Darcy und die große Bühne

In Münchner Clubs ist er schon ein Großer, nun tritt Xavier Darcy im deutschen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest an. Gegen die TV-Erfahrung der Konkurrenz setzt der bayerische Musiker mit internationalen Wurzeln seine eigene Performance.

Von: Joana Ortmann

Stand: 22.02.2018

Singer/Songwriter Xavier Darcy, einer von sechs Kandidaten die beim deutschen Vorentscheid "Unser Lied für Lissabon" | Bild: Nikolas Fabian Kammerer/WDR/NDR/dpa / dpa-Bildfunk

Xavier Darcy ist einer von sechs Kandidaten für den deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest 2018 in Lissabon. Der Musiker aus Bayern hat britische und französische Wurzeln, aufgewachsen ist er unter anderem in England, Frankreich, Kanada, München und Oberpframmern im Landkreis Ebersberg. Kein Wunder also, dass er sich als Weltbürger versteht. Mindestens aber als Europäer. Joana Ortmann hat mit Darcy über Musik, Identität und die Frage gesprochen, ob der globalisierte Pop musikalische Vielfalt schwieriger macht.

Joana Ortmann: Xavier Darcy, unter welchen Bedingungen entsteht eigentlich so ein ESC-Song?

Xavier Darcy: Es gibt ganz besondere Vorschriften für den Eurovision Song Contest. Der Song soll drei Minuten lang sein, soll keine politischen Botschaften beinhalten und es muss ein ganz neuer Song sein. Das ist manchmal nicht so einfach, wenn man solche Vorschriften bekommt und was schreiben muss für einen bestimmten Anlass. Ich habe mir sehr viel Mühe gegeben, einen Xavier Darcy-Song zu schreiben und mich nicht zu viel beeinflussen zu lassen. Ich glaube, das war auch ein Problem und ist immer noch ein Problem bei vielen Ländern und bei Deutschland in den letzten paar Jahren, dass man dieses ESC-Kalkül in der Musik spüren kann. Das macht diesen Moment, diese drei Minuten, diesen besonderen Fernsehmoment kaputt, wenn man den Eindruck hat, dieser Künstler hat diese Performance, diesen Song nur entwickelt, um zu punkten, um Stimmen zu gewinnen.

Diese Arbeitsweise, die so gepolt ist auf ein bestimmtes Produkt hin, ist für Sie als Singer/Songwriter, der durch die bayerischen Clubs getingelt ist, eigentlich ziemlich ungewohnt.

Einerseits finde ich den Druck nicht schlecht, ein gewisser Druck ist immer gut beim Arbeiten und auch in der Musik. Ich bin noch dabei, mich zu entdecken, aber jeder, der mich kennt, weiß, dass ich eine sehr energetische Person bin, eine sehr nervöse Person, die viel Energie hat; sehr hibbelig, auch auf der Bühne. Entsprechend energetisch und dynamisch sind meine Songs auch. Ich bin nicht so der lineare Songwriter, der auf einem sehr ruhigen Niveau bleibt. Ich strebe schon ganz große Arrangements an und diese Höhepunkte im Song, wo es ganz dynamisch und groß wird, was ja eigentlich in der Popmusik heutzutage nicht so beliebt ist. Ich glaube, die Popmusik heutzutage wird immer kleiner, immer minimalistischer und auch in der Dynamik immer linearer. Man merkt, dass es weniger dynamische Unterschiede in Popsongs gibt heutzutage.

Sie sind 23 Jahre alt, britisch-französischer Herkunft, aber seit 2005 in Oberpframmern. Das heißt, Sie haben schon eine ganz schöne Runde hinter sich: England, Frankreich, Kanada, Belgien, Bayern. Was ziehen Sie daraus?

Das ist manchmal nicht so einfach, weil gerade der Trend dazu geht, glaube ich, wieder mehr nationale Identität zu haben und wieder mehr nationale Identitäten zu feiern. Ich bin eine Person, die sich immer mehr als ein Europäer identifiziert hat, und ich habe eigentlich keine Heimat.

Ich identifiziere mich viel mit München, das ist eine Stadt, wo ich meine Jugend verbracht habe, meine Teenagerjahre. Das sind ganz, ganz wichtige Jahre. Ich habe einen gewissen englischen kulturellen Einfluss, vor allem in der Musik, aber auch einen französischen, weil ich in Paris gewohnt habe und weil mein Papa Franzose ist. Ich bin viel umgezogen, ich bin zehn Mal umgezogen, vor allem sehr viel in meiner Kindheit. Ich kann nicht wirklich sagen, wo daheim ist oder wo ich hingehöre, aber für mich ist es nicht schlimm, vor allem als Musiker. Ich bin viel unterwegs, ich bin viel auf Tour und ich bin ein "citizen of the world", wie man sagen würde. Theresa May hat kürzlich gesagt: "If you’re a citizen of the world, you are a citizen of nowhere." Das hat besonders wehgetan, denn ich bin jemand, der sich immer als Bürger von überall, als Europäer identifiziert hat.

Das Interessante ist ja, dass Diversität sich dann in der Musik eigentlich immer weniger zeigt, oder?

Natürlich will jeder Künstler sagen, dass er sich von allen Stilen beeinflussen lässt und das ist gerade so ein Klischee bei ganz vielen Künstlern, das man versucht, so viele, so breite Einflüsse wie möglich zu zeigen. Aber ich glaube jetzt nicht, dass durch die Globalisierung und auch durch die Globalisierung der Musikszene die Popmusik immer ähnlicher wird. Eher im Gegenteil: Vor allem durch solche Sachen wie Streaming wird die Musik immer breiter und es gibt immer mehr Platz für Nischen, für sehr besondere Musikstile. Durch das Internet, durch Streamingportale, kann man jetzt ganz spezielle Interessen bedienen, auf einer weltweiten Ebene.

Wenn Sie heute beim ESC-Vorentscheid auftreten: Haben Sie dann ein bisschen Ehrfurcht vor der großen Bühne?

Ich freue mich darauf! Es ist eine ganz neue Erfahrung. Wir haben da eine Schlagerband, "Foxclub", wir haben drei ehemalige "The Voice"-Teilnehmer, das sind Leute, die solche Bühnen gewohnt sind, die wissen, wie sie ein solches Publikum, solche Kameras bedienen. Ich komme da ganz frisch rein, aber ich glaube, dass das gerade mein Vorteil sein kann. Denn wenn man sowas sehr viel macht, wenn man an diese Fernsehwelt gewohnt ist, wenn man das alles gelernt hat, vor allem durch so ein Format wie "The Voice", dann ist man in seinen Wegen sehr festgesetzt. Ich werde da einfach meine Performance durchziehen, wie auf so einer kleinen Clubbühne in München, wie in der Milla oder im Substanz. Das ist meine Schule, da hab ich gelernt und das sind meine Wurzeln. Und ich werde auch meinen Wurzeln treu bleiben.


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