Kultur

Restaurierung eines Kultfilms Wie Wim Wenders "Himmel über Berlin" überarbeitet hat

Wim Wenders hat seinen Kultfilm "Der Himmel über Berlin" von Grund auf restauriert - obwohl Otto Sander und viele andere Darsteller sowie seine Kameramänner nicht mehr leben. Wie das für den Regisseur war, erzählt er im Interview.

Stand: 23.04.2018

Schutzengel Bruno Ganz (l) als Damiel und Otto Sander als Cassiel in einer Szene des Films "Der Himmel über Berlin" aus dem Jahr 1987 | Bild: picture-alliance/dpa Filmverlag der Autoren

Engel sehen in Schwarzweiß, Farben kennen nur die Menschen – das wissen wir seit dreißig Jahren, seit der Regisseur Wim Wenders uns das in „Der Himmel über Berlin“ so einleuchtend nahe gebracht hat. 1987 war das. Jetzt läuft "Der Himmel über Berlin", die Geschichte vom Engel Damiel, der seine Unsterblichkeit aufgibt, um eine Trapezkünstlerin zu lieben, wieder im Kino: aufwändig technisch restauriert. Judith Heitkamp hat mit dem Regisseur darüber gesprochen, wie es für ihn war - und was es für ihn und sein Team bedeutete, diesen Film mit der Technik von heute ganz neu zusammenzustellen.

Judith Heitkamp: Ich nehme mal an, ich bin nicht die Einzige, die kommt und sagt, dass ihr der Film damals viel bedeutet hat, ich könnte mir vorstellen, dass Ihnen das immer wieder passiert. Wie reagieren denn die Menschen, die heute erst diese restaurierte Fassung sehen – und in einer ganz anderen Zeit sehen: einen Film über eine Zeit, als Berlin geteilt war und diese unglaubliche Sehnsucht nach Veränderung überall spürbar war?

Wim Wenders: Ja ich habe jetzt zweimal den Film mit Leuten gesehen, die ihn  zum großen Teil zum ersten Mal gesehen haben, nämlich bei den Premieren in Berlin und Hamburg. Und da habe ich auch immer gefragt: „Wer hat ihn noch nie gesehen?“, und es waren erstaunlich viele, mehr als die Hälfte des Publikums. Die neuen Jungen oder auch alten Zuschauer waren ziemlich begeistert, hatten viele Fragen – und waren ganz von den Socken, dass Berlin einmal so ausgesehen hat. Es ist schon ein ziemlicher Qualitätssprung zwischen dem, was wir heute zeigen können und dem, was wir in den 80er-Jahren machen konnten, als es nicht einfach war, einen Film, der in Schwarzweiß gedreht war, aber viele kleine Fabsprenkel hatte, so schön zu zeigen, wie man sich das gewünscht hätte. Damals brauchte es aus technischen Gründen im analogen Zeitalter sechs Generationen, um vom Orginalnegativ auf eine gemischte Kopie zu kommen. Das ist so, als ob sie sechsmal ein Foto in den Kopierer schieben und dann von einem Bild ein Bild ein Bild ein Bild machen. Das hatte einen herben Verlust von Schärfe und Detailreichtum, und das Schwarzweiß war auch nicht schön schwarzweiß, sondern hatte immer einen Farbstich, das ging nicht anders damals.  Das ist heute ein völlig anderer Film: Man sieht jedes Straßenschild, man sieht jede Inschrift auf der Mauer – das ist schon erstaunlich, wie viel mehr man jetzt sieht unter dem Himmel von Berlin.

Das war ja inhaltlich bedingt: Die Engel sehen nur Schwarzweiß, das wissen wir seit damals, die Menschen können Farben wahrnehmen.

Das ist theologisch nicht bewiesen.

Aber ich dachte, das ist seit 30 Jahre eingeführt.

Das schon, aber ich muss sagen, dass ich das selbst erfunden hab, theologisch führt da kein Weg hin.

Muss ich mir das so vorstellen, dass die schwarzweißen Filmschnipsel und die farbigen Filmschnipsel mehr oder weniger  zusammengeklebt werden mussten, um diesen Effekt zu erzeugen?

Wim Wenders beim Restored Filmfestival in Paris

Es war kompliziert damals: Man musste sowohl das Schwarzweiße in sich schneiden und das Farbige. und dann musste das jeweils ein weiteres Mal kopiert werden auf ein Interpositiv, dann kam das gemeinsam auf ein weiteres Internegativ. Da wurden aber auch dann noch die optischen Arbeiten und die Titel reingeschnitten, damit konnte man auch keine Kopie machen, jedenfalls musste das noch zweimal weiter kopiert werden, und die allererste Kopie, die lief damals in Cannes, war tatsächlich sechs Generationen vom Originalnegativ entfernt. Das ist ganz schön viel. Was man heute sieht, ist das Originalnegativ selbst. Wir haben das gescannt in der technisch höchsten Auflösung, die heute denkbar ist. Man sieht das Originalnegativ – und das ist schon Unterschied wie Tag und Nacht.

Die Bilder wurden gedreht von einem berühmten Duo, nämlich dem Kameramann Henri Alekan und dem Beleuchter Louis Cochet, von denen man noch weiß, wie sie tagelang Licht gesetzt haben und daran gearbeitet haben, das genauso auszuleuchten, wie es sein sollte. Beide leben nicht mehr, konnten die Restaurierungen jetzt nicht mitmachen und beurteilen. War das merkwürdig, war das auch heikel?

Nein, heikel war das gar nicht, im Gegenteil: Das war ein großer Grund zur Freude, weil die beiden im Himmel der Kameramänner sich jetzt die Hände reiben und wirklich froh sind. Denn das, was wir damals technisch nur möglich man konnten, hat den guten Henri schon sehr geschmerzt, er war sehr betrübt, dass es nicht besser ging und dass sein schönes Schwarzweiß nur immer mit Farbstich und mit so großem Schärfeverlust daherkam. Henri wäre hellauf begeistert, wenn er das heute sehen könnte. Wir haben das damals ja auch schön gesehen, nämlich abends nach dem Drehen, wenn wir Muster angeguckt haben. Das war das richtige Schwarzweiß, das sah knackig aus. Henri hatte ja eine unnachahmliche Art, schwarzweiß zu drehen, er ist darin der Weltmeister gewesen: Das hatte eine solche Farbigkeit in den Tönen, da waren Tausende von Zwischentönen zwischen Schwarz und Weiß, das war irrsinnig lebendig – und das hat sich eben leider alles verschliffen. Also der Henri im Himmel der Kameramänner ist jetzt sehr zufrieden mit der jetzigen Fassung. Wir haben auch nichts daran verändert, da ist keinerlei Änderung im Bild. Wir mussten halt – deshalb hat das auch so lang gedauert – fast ein halbes Jahr lang dieses Riesen-Puzzle von  über tausend Einstellungen nochmal vom Neuem herstellen, nämlich mit all den Orginalnegativen, jede Blende, jeden Trick,  alles nochmal machen und zusammenschneiden, danach den Ton noch bearbeiten, das waren ja damals alles Magnetbänder, das haben wir alles auf den heutigen Kinostandard gebracht – aber alles so, dass es schon derselbe Film ist, nur in heutigen technischen Möglichkeiten.

Wie ist es für Sie, das eigene Werk zu restaurieren?

Das ist auf jeden Fall schöner, als wenn es später jemand macht.

Ich gebe ja zu: Ich freue mich, den Film zu sehen, werde aber auch ein bisschen traurig: Da gibt es so viele Namen: Solveig Dommartin, Otto Sander, Henri Alekan, Louis Cochet, Peter Falk, Curt Bois leben nicht mehr – geht Ihnen das nicht umso mehr so?

Ja, das hat uns dann gerade beim hundertmal Hingucken immer wieder aufs Neue leidgetan, dass all diese wunderbaren Leute das nicht mehr sehen können, nun nicht mehr dabei sein können. Bei der Premiere war ich dann froh, dass wenigstens Bruno da war und auch Nick Cave, aber es ist wirklich so, dass von allen Darstellern fast niemand mehr da ist. Das ist dann schon sehr traurig, wenn man bedenkt, wie lebendig die damals waren.

Bruno Ganz, der den Engel Damiel gespielt hat, der war da – und dem sieht man den Engel ja auch immer ein bisschen an.

Ich hoffe, dass man ihm den Engel mehr ansieht als den Hitler.

Es wird drei Wenders-Filme in diesem Jahr im Kino geben. Der, der als nächster startet, ist ein Film über Papst Franziskus. Sie haben einmal gesagt, schon als der neue Papst seinen Papstnamen bekanntgegeben hat, nämlich Franziskus, seien sie elektrisiert gewesen. Warum?

Das war ein Riesen-Versprechen. Man wusste ja noch gar nichts von dem. Da stand ja ein Unbekannter,  aber er hatte den Namen Franziskus. Das war das erste Mal, dass sich das einer getraut hat in 800 Jahren seit dem Heiligen Franziskus, diesen Namen anzunehmen, denn der ist schwer vorbelastet: Er steht für ziemlich radikale Solidarität mit Armen, für ein ganz krasses neues Verhältnis zur Natur und für Frieden unter den Religionen. Es ist ein richtig volles Programm, was der sich mit diesem Namen gegeben hat. Das ist ein furchtloser, mutiger Mann, der hat sich viel vorgenommen und wir durften bei Einigem dabei sein und lange mit ihm sprechen – und ich mag ihn jetzt noch genauso wie am ersten Tag. Eigentlich noch viel mehr.

„Franziskus, ein Mann seines Wortes“ startet im Juni und die restaurierte Fassung vom Himmel über Berlin ist jetzt schon im Kino zu sehen.