Kultur

Virginie Despentes über "Vernon Subutex 2" Im Zweifel ist heute alles schlechter

Neurotiker, Zyniker, Hipster, Loser, Bourgeois und Bohemiens, alle zusammen geben sie in Virginie Despentes‘ Vernon-Subutex-Trilogie ein großes Gesellschaftspanorama. Virginie Despentes über Literatur, Politik und Verunsicherung.

Von: Judith Heitkamp

Stand: 14.02.2018

Virginie Despentes | Bild: picture-alliance/dpa

Heute, zu Zeiten von #MeToo und Emmanuel Macron, ist Virginie Despentes im etablierten französischen Kulturmilieu angekommen, sie gehört sogar der Jury des Prix Goncourt an. Vor 25 Jahren war dieses Milieu ihr erklärter Gegner – "Baise-moi", ihr Debütroman, war eine Gewaltorgie um die Rache zweier Freundinnen nach einer Vergewaltigung. Ihr Milieu war die Subkultur, die Rockmusik schockte, Prostitution fand Despentes keine schlechte Art, Geld zu verdienen, und an der Uni war sie nie. Die Jahrzehnte, die sie in "Vernon Subutex" beschreibt, haben sie selbst geprägt. Und so tough sich das liest, was sie schreibt, so bitter ist ihre Diagnose: Im Zweifelsfall ist es heute schlechter. Tatsächlich, der dritte Band wird in die Apokalypse führen. "Früher war alles besser" mit Virginie Despentes also? Judith Heitkamp hat der französischen Star-Autorin in paar Stichworte zugeworfen:

Virginie Despentes über die Literatur und die Krise

"Ich bin 1969 geboren und ich glaube, ich habe durchgängig nur von Krise gehört und dass die Krise immer schlimmer wird, ein System, das uns komplett vereinnahmt. Man weiß doch, dass der Liberalismus am Ende ist,  das erzeugt Angst, und die findet dann einen bequemen Ausdruck in Fremdenfeindlichkeit. In Paris ist das augenfällig, Paris hat sehr wenig Flüchtlinge und trotzdem heftige rassistische Debatten, oft bei wohlhabenden Leuten, die im Alltag gar nichts mit Flüchtlingen zu tun haben. Ich denke, das ist so eine Art wegzugucken. Als wenn einer ein Problem, das ihm zu viel Angst macht, nicht angeht, stattdessen aber eine Diät macht. Die Wirtschaftskrise verhindert alles: dass wir uns frei fühlen können, würdig, sicher. Männer können sich als Männer nicht wohlfühlen, Eltern nicht als Eltern, die sich um ihre Kinder kümmern – auch wenn ich jetzt keine Kinder habe… Ich weiß nicht, wie das in Deutschland ist, aber ich vermute, dass der Anstieg der extremen Rechten auch nicht nur mit der Abneigung gegen Flüchtlinge zu tun hat. Da ist Angst, weil alles beunruhigend ist im liberalen System."

Virginie Despentes über die politische Kraft von Büchern

"Als Leserin werde ich immer Komplexität im Roman suchen. Das interessiert mich wirklich, wie man die Dinge da alle entfalten kann, bis zu welchem Grad die Situation eben nicht einfach ist. Das will ich zeigen. Zum Beispiel, wie eine Nation wie Frankreich sich inzwischen vorstellen kann, kollektiv rassistisch zu werden und eine Marine Le Pen in die zweite Runde der Wahlen zu bringen – da passiert etwas, das war in den 80er-Jahren nicht vorstellbar. Also was tun? Den Versuch machen, zu verstehen. Ich glaube, dass man die Angst verringern muss, die legitime Angst vor dem Erfolg der extremen Rechten. Je mehr man versteht, umso weniger hat man Angst. Man beginnt, sich einen Dialog vorzustellen, den Versuch, zu überzeugen, zu verändern. Ich finde, im Roman kann man diesen Versuch machen, zu verstehen und so viel Komplexität wie möglich zu fassen."

Virginie Despentes über ihre Hauptfigur Vernon Subutex

"Am Anfang des Buchs dachte ich an einen Plattenladen. Wer waren die Leute in einem Plattenladen in den 80ern? Wenn man da an Rock denkt, dann ist die richtige Figur ein Mann. Die war schon sehr maskulin, die Rockmusik dieser Zeit – also: ein Mann. Und dann Vernon, weil er gleichzeitig sehr macho ist und sehr sanft.

Er urteilt nicht, er ist sehr abwartend, er erträgt die Dinge und die Menschen. Eine Art Kindmann. Das wäre vielleicht meine Vorstellung von Männlichkeit heute: ein bisschen naiv, in Bedrängnis, mit den alten Gewohnheiten, aber nicht mehr mit den richtigen Werkzeugen. In Frankreich hat das auch zu tun mit einer anderen Verunsicherung: "Was bedeutet es eigentlich, weiß zu sein?" – das ist bei uns ein großes Thema. Die Frauenbewegung und die Schwulen-Bewegung haben die Welt verändert, Begehren, Geschlecht, auch Rasse bedeuten etwas anderes ... Und das zusammen mit einer hohen Arbeitslosigkeit und heftigen Arbeitsbedingungen , das gibt ein totale Krise der Männlichkeit. Und Vernon mittendrin – ich glaube, dass er es ist, der den Roman lesbar macht, sonst wäre das eine total negative Typensammlung. Vernon ist irgendwie auch ein Idiot, und das macht ihn erträglich und auch sanfter. Erträglicher als die anderen."

Virginie Despentes und die Subkultur

"Stellen Sie sich vor: ein Künstler, in Frankreich, der sehr wenig Bücher verkauft und sehr wichtig ist. Das war absolut selbstverständlich in meiner Jugend. Heute dagegen gilt: Wie viel verkaufst du? Wie viel bis du wert? Ausgedrückt in Zahlen: wie viele Exemplare, wie viele Likes, wie viele Follower? Es fällt uns schwer, sich auf die Kunst von jemanden einzulassen, der keine guten Zahlen schreibt. Ich komme aus einer Kultur, da war es ein Qualitätssiegel, in der Minderheit zu sein, sich dort wiedererkannt zu fühlen war eine Art Unterpfand. Unser Blick auf Minderheiten, auf die Loser – die, die wir so nennen – das hat sich enorm verändert."

"Das Leben des Vernon Subutex 2" von Virginie Despentes ist in der Übersetzung von Claudia Steinitz bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.