Kultur

Exil-Drama "Transit" Der Vergangenheit so nah

"Transit" handelt von der Unmöglichkeit der Liebe in einem Marseille zwischen Damals und Heute, zwischen Heimat und Flucht. Christian Petzold inszeniert Anna Seghers Exil-Roman als ein deutsches Casablanca.

Von: Moritz Holfelder

Stand: 04.04.2018

Transit Szenenbild - Franz Rogowski, Paula Beer | Bild: Schramm Film / Piffl Medien

Zwischen den Zeiten

Ein kleines Bistro in Paris. Draußen fahren Einsatzwagen der Polizei vorbei. Am Tresen sitzt Georg, ein Deutscher. Der Film "Transit" begleitet ihn bei seiner Flucht durch Frankreich. Immer wieder trifft er unterwegs auf andere Flüchtende, es sind kurze Begegnungen, bei denen schnell Nachrichten und Informationen über sichere Routen ausgetauscht werden. Alle Figuren sind im Transit, durchaus im doppelten Sinn, denn die Geschichte von Christian Petzolds neuem Film spielt zwar während des Zweiten Weltkrieges, während der Besatzung Frankreichs, aber wir sehen das Paris und das Marseille von heute. Kleidung und Autos sind modern, nur gibt es in diesem Film keine Handys, stattdessen ein paar vergangene Accessoires wie Taschenuhren, Briefe in Sütterlin oder alt aussehende Lederkoffer. "Transit" ist eine künstlerisch mutige Balance zwischen den Zeiten.

Franz Rogowski, vor kurzem bei der Berlinale Europäischer Shootingstar 2018, spielt Georg, einen Mann, dem das Schicksal die Identität eines verfolgten Schriftstellers zugespielt hat. Der Autor hat Selbstmord begangen, nun kann sich Georg mit dessen Papieren nach Mexiko einschiffen. "Er ist einer, der aus Deutschland, den 30ern flieht und im Marseille von heute landet, ich glaube in dieser Zeitspanne von 80 Jahren ist auch dieses Verlorensein zu finden", sagt Franz Rogowski über seine Rolle.

Ohne Worte

Es wird nicht viel geredet in diesem Film, die Geschichte lebt von zufälligen, oft wortlosen Begegnungen der Figuren. Georg trifft immer wieder auf Marie, die in Marseille nach ihrem Mann sucht. Die beiden laufen im Strom der Menschen mehrmals aneinander vorbei – Szenen, die durch die melancholische Erzählerstimme von Matthias Brandt eingerahmt werden.

Für diesen Stoff, der visuell mit den Mitteln des großen Kinos der vierziger und fünfziger Jahre erzählt wird, braucht es Schauspieler, die einen Film ohne Worte allein durch ihre Präsenz tragen können, die man nicht nur sieht, sondern spüren kann. Während Franz Rogowski als Georg fast andauernd im Bild ist, irrlichtert Paula Beer als Marie wie eine Figur, die sich längst selbst verloren hat, durch die Hafenstadt Marseille.

Here's Looking At You, Kid

Auf der Flucht vor den Faschisten kann jeder Zug, jeder Atlantikdampfer der letzte sein, der den Weg in Sicherheit verspricht. Das Gefühl, sofort durch eine Tür treten zu müssen, die sich bald wieder schließt, zieht sich durch den ganzen Film. In diesem existentiellen Klima von Bedrohung und Ungewissheit könnten Georg und Marie ein Paar werden, vielleicht sogar für immer, aber Regisseur Christian Petzold wollte eine Art deutsches "Casablanca" schaffen, inspiriert von der legendären Unmöglichkeit der Liebe zwischen Ingrid Bergmann und Humphrey Bogart. Anna Seghers, die Autorin der Buchvorlage, liebte diesen Film. Ihr Roman "Transit" entstand zwar unabhängig davon, zeitlich davor, aber die existentialistische, vibrierende Seelenlage des Exils findet sich hier wie dort – als Ausdruck einer Zeit, in der es keine Sicherheiten mehr gab.

Zukunft ist Vergangenheit

Christian Petzold hat interessiert, wie weit der Exilroman von Anna Seghers in unsere Gegenwart hineinreicht. Er inszeniert das meisterhaft. Es ist sein bisher emotionalster Film und wird trotzdem nie sentimental. Während der Berlinale auf der Pressekonferenz zu "Transit" sagte er, das aktuelle deutsche Asylgesetz beruhe auf Erfahrungen von Menschen wie Anna Seghers und wer dieses Gesetz angreife, greife auch die individuellen Erfahrungen aus der Zeit des Dritten Reiches an.

Im Kino sitzt man als Zuschauer selbst in einer Art Transitraum – und staunt, wie wundersam nahe uns die Vergangenheit in diesem Film kommt.

"Transit" von Christian Petzold ist ab dem 05. April im Kino.