Kultur

Nachruf auf Tom Wolfe Ein Maler der amerikanischen Gesellschaft

„Good ol‘ boy“, diesen Slang-Ausdruck prägte Tom Wolfe. Sich selbst beschrieb der Autor als altmodischen Casanova. Mit 88 Jahren ist der Schöpfer des New Journalism nun gestorben. Es bleibt seine Literatur - so üppig wie ein Galadiner.

Von: Knut Cordsen

Stand: 16.05.2018

Der Autor Tom Wolfe 2012 | Bild: picture-alliance/dpa   Mark Seliger

Wer je ein Buch von ihm gelesen hat, weiß, wie wichtig dem Gentleman Tom Wolfe Äußerlichkeiten waren. Also: Dieser kleine, zartgliedrige Herr im feinen weißen Zwirn, schwarzweißen Schuhen und mit weißem Homburg auf dem Haupt sah immer aus wie eine edle, zerbrechliche, chinesische Vase. Fragil aber war nichts an ihm. Vor allem gebrach es ihm nicht an Selbstbewusstsein. Das ließ ihn bei Verlagen Vorschüsse für seine Bücher fordern, die mal sechs, mal sieben Millionen Dollar betrugen. Ziemlich viel für einen, der in seinem Roman "Ein ganzer Kerl" ("A Man in Full") eine Figur sagen lässt:
"Literature’s a sort of dessert."

Ingeniöse Sittengemälde der Wall Street Yuppies

Nein, eine Art Nachspeise war seine Literatur nie, eher ein überaus üppiges Galadiner, ein Festmahl, so dickleibig und überbordend kamen seine Wälzer daher. Mal waren das ingeniöse Sittengemälde der New Yorker Yuppies an der Wall Street wie in "Das Fegefeuer der Eitelkeiten", seinem sicherlich unterhaltsamsten Roman, mal Reportagen, die "bingo bango", "Ta-daa!" und "schazzzzammm" in Comic-Sprechblasen-Diktion ordentlich Rabatz machten und den „New Journalism“ in den 60er und 70er Jahren etablierten.

Zusammen mit seinem Freund Hunter S. Thompson und anderen entwickelte Wolfe eine neue, schon typographisch auffällige Erzählform von Geschichten, deren Verfasser meist nicht umhinkonnte, seinen vielen Wörtern "ganze Massen an Speeren in Gestalt von Ausrufezeichen hinterherzuwerfen", wie Tom Wolfe das selbst so schön ausdrückt in seinem Buch „Das Königreich der Sprache“, das sein letztes sein sollte. Darin schreibt der stockkonservative Südstaatler Wolfe über einen seiner Feinde, den von ihm so verhassten "Salonlinken" und "Lehnstuhllinguisten" Noam Chomsky:  "... sein Ruhm umhüllte ihn wie eine güldene Rüstung".

Ein Panzer of "Fame" verschafft ihm einen Auftritt bei den Simpsons

So war es auch mit Tom Wolfe, sein Panzer aus Fame bescherte ihm immerhin Gastauftritte bei den "Simpsons" - ein eindeutiges Zeichen dafür, dass er zum festen Inventar jener amerikanischen Gesellschaft gehörte, deren Maler er war. Ein Mann des breiten Pinsels und groben Strichs, der auch über Kunst und Architektur schrieb und seiner Muttersprache jetzt, da er im Alter von 88 Jahren in Manhattan gestorben ist, einige schöne Wortschöpfungen hinterlässt. Begriffe, die bleiben werden: solche wie „statusphere“, „radical chic“ und „good ol‘ boy“. Letzteren Slang-Ausdruck hatte Tom Wolfe 1964 als erster in einem Artikel verwendet - eine Tatsache, auf die der nun Verstorbene sein Leben lang besonders stolz gewesen ist.