Kultur

"Augsburger Gespräche zu Literatur und Engagement" Thomas von Steinaecker lädt zum Gespräch über Kunst und Engagement

Wie können sich Autoren politisch engagieren? Um das zu klären, hat Thomas von Steinaecker die "Augsburger Gespräche zu Literatur und Engagement" initiiert. Im Interview erzählt er, wie der "engagierte Autor" heute aussehen könnte – und warum er von Donald Trump als Geschichtenerzähler fasziniert ist.

Von: Stephanie Metzger

Stand: 22.07.2018

Schriftsteller Thomas von Steinaecker im Innenhof des Bayerischen Rundfunks. | Bild: BR/Natasha Heuse

Er ist wieder da, der Ruf nach dem engagierten Autor, der Appell zum ethischen Denken in einer schlechten Welt, die Forderung nach einem Schreiben, Lesen und Kämpfen, um den Verlassenen eine Stimme zu geben. Ein Ruf, zuletzt besonders eindrücklich formuliert von Feridun Zaimoglu beim Bachmannpreis in Klagenfurt. Und immer deutlicher vernommen von Thomas von Steinaecker. Für dieses Wochenende hat der Autor von Romanen wie "Die Verteidigung des Paradieses" oder "Schutzgebiet" die "Augsburger Gespräche zu Literatur und Engagement" initiiert. Zehn Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Sparten diskutieren bei zwei öffentlichen Podien vom über eine so alte wie brisante Frage: Inwieweit können und sollten sich Autoren politisch engagieren? Die Gespräche sind Teil des Kulturprogramms der Stadt Augsburg zum Hohen Friedensfest, das dieses Jahr unter dem Motto "Utopie" stattfindet. Stephanie Metzger hat mit Thomas von Steinaecker geredet.

Stephanie Metzger: Was war der Impuls, gemeinsam mit der Universität Augsburg, dem Sensemble Theater und dem Friedensbüro die Augsburger Gespräche zum Thema "Literatur und Engagement" ins Leben zu rufen?

Thomas von Steinaecker: Es tut sich politisch gerade wahnsinnig viel. Und zwar nicht wie in den 1980er Jahren, in der Zeit des Kalten Krieges, als man ja auch immer das Gefühl hatte, der Dritte Weltkrieg steht bevor. Die Veränderungen heute sind grundlegender Art, weil die Gefüge, mit denen ich aufgewachsen bin, in Frage gestellt werden, also demokratische Gefüge. Es ist plötzlich wieder möglich, dass Rechte gewählt oder dass Parolen salonfähig werden, für dich ich als Kind und Jugendlicher eigentlich sensibilisiert wurde, dass sie überhaupt nicht gehen. Gesamtgesellschaftlich ist viel in Bewegung, von der Me-too-Debatte bis zum Klimawandel, das sind Veränderungen, mit denen wir alle konfrontiert sind und natürlich auch ich als Künstler. Und es stellt sich die Frage, was man damit macht.

Rechte und linke Demonstranten prallen in Augsburg aufeinander.

Was mich betrifft, habe ich festgestellt, dass ich all das nicht ausblenden kann. Ich kann nicht sagen, ich wohne hier in meinem Elfenbeinturm, schaue in die schöne Natur und die gesellschaftspolitischen Veränderungen betreffen mich nicht. Ich habe festgestellt, dass sich diese Themen unbewusst in mein Schreiben und in die Figuren meines Schreibens einschleichen. Und demgegenüber muss ich mich natürlich verhalten. Zudem hatte ich den Wunsch – nachdem in Augsburg die Literaturszene sehr überschaubar ist – mehr Literatur in Augsburg zu haben. Ich wollte hier konkret einen Rahmen schaffen, in dem man über politische, gesellschaftliche Fragen sprechen kann und den Blick, den wir als Künstler darauf haben.

Die Autoren und Autorinnen, die Sie eingeladen haben, zunächst unter Ausschluss der Öffentlichkeit, dann bei zwei öffentlichen Diskussionsrunden über das Thema zu sprechen, kommen aus allen Bereichen: Literatur, Film, Theater, Musik. Was erhoffen Sie sich von diesem spartenübergreifenden Austausch?

Ich habe das Gefühl, dass wir als Schriftstellerinnen und Schriftsteller doch sehr in unserem eigenen Saft schmoren. Es braucht Impulse von außen. Und letztlich stellen wir uns dieselben Fragen, sind alle Erzähler. Ein Drehbuchautor wirkt anders als ein Buchautor, aber er erzählt auch eine Geschichte, genau wie ein Theatermacher, wir haben eine Rapperin und eine Regisseurin dabei. Auch jemand vom Comic wird irgendwann später dazu kommen.

Die Künste funktionieren ja schon lange nicht mehr als hermetischer Raum. Ich glaube, die Kunstwerke, von denen Autorinnen und Autoren meiner Generation am meisten beeinflusst sind, sind momentan TV-Serien und nicht andere Bücher. Insofern ist es für mich ganz logisch, dass man jemanden fragt, der Fernsehen macht: Wie gehst du das an? Was wir ausgeklammert haben, ist der Bereich der bildenden Kunst, weil hier weniger Geschichten erzählt werden.

Sie selbst werden die Gespräche moderieren. Dennoch vorab an Sie die Frage: Wer ist das heute, der "engagierter Autor", die "engagierte Autorin"?

Das ist die große Frage, auf die ich selber noch keine Antwort habe. Die klassische Antwort wäre natürlich, sich faktisch für irgendeine Sache oder sogar Partei zu engagieren. Das wäre der traditionelle Weg eines Heinrich Böll oder Günter Grass. Der aber heute, so wie die Parteienlandschaft mittlerweile aussieht und in dem Maße, wie die Bedeutung des Schriftstellers abgenommen hat, nicht mehr attraktiv ist für die meisten Schriftstellerinnen und Schriftsteller.

Der Schriftsteller Heinrich Böll in Irland.

Der zweite offensichtliche Weg wäre, klassische engagierte Literatur zu schreiben. Dass man so – wie es Böll zum Beispiel gemacht hat – ganz konkrete Themen aufgreift. Dann könnte man jetzt einen Roman über Klimawandel oder über Flüchtlinge schreiben. Aber wie sieht die engagierte Literatur aus, die wir uns heute wünschen oder mit welchen Absichten schreibt man sie heute – das sind alles offene Fragen.

Darüber hinaus gibt es auch die Einschätzung, schon Literatur an sich könnte über politische Radikalisierungen hinweg helfen.

Die Frage dabei ist: Kann Literatur per se schon etwas in einem Menschen auslösen, das engagiert oder politisch ist, wenn man den Begriff der Politik etwas weiter fasst? Indem mit ihr Mitgefühl oder Einfühlungsvermögen gefördert werden. Wobei sich daran die Frage anschließt: Schafft das jede Literatur? Ich würde sagen, nein. Weil natürlich auch aus dem Lager, dem man keine guten Absichten unterstellt oder das sich gerade auf Abschottung konzentriert und ein Zuviel an Mitgefühl konstatiert, kommt ja auch Literatur. Insofern kann man nicht sagen: Jede Literatur ist gut.

Die Frage ist also, wie sieht die "gute" Literatur aus, was für Geschichten sind das, was muss in ihnen sprachlich passieren? Das lässt sich nicht völlig loslösen von einer Frage der Ästhetik und der Poetologie, glaube ich. Und da wird es wieder hochspannend, denn wir als Künstler und Künstlerinnen können dann konkret über poetologische Verfahren sprechen, mit denen wir natürlich jeden Tag konfrontiert sind.

Inwiefern würden Sie diesbezüglich Ihr eigenes Schreiben als engagiert beschreiben?

Mich hat die Frage nach der engagierten Literatur tatsächlich zur Science Fiction gebracht, weil mir das Kleben an den Fakten letztlich zu wenig war, mir hat dabei der Abstraktionsgrad gefehlt. So dass ich eher versuche, etwas Parabelhaftes zu machen, damit ich aus diesem Klein-Klein-Denken, in dem man im Alltag behaftet ist, heraus komme. Aber an sich weiß ich nicht immer, was ich da tue. Es gibt Figuren, die mich faszinieren, und das können auch sehr, jetzt einmal naiv gesagt, böse Figuren sein. Über diese Schiene entwickle ich meine Romanstoffe, nicht, indem ich mir überlege, oh, das ist wirklich schlimm was im Mittelmeer passiert, da müsste man unbedingt etwas schreiben. Das wäre eine sehr naive Variante engagierter Literatur, so ist es nicht, bei mir zumindest. Mich faszinieren tatsächlich eher Figuren, die Verführer sind. Weil ich selber merke, dass ich oft den Parolen, von denen wir eingangs sprachen, erst einmal auf den Leim gehe. Oder dieser ganzen Argumentationskette.

Denn es ist eine irrsinnige Argumentationskette, bei der man rational eigentlich ganz schnell in eine Sackgasse kommt und immer das Gefühl hat, man ist am Ende der Dumme, weil es immer noch einmal gegen einen gewendet wird. Wie das funktioniert, ästhetisch, argumentativ. Was für Menschen das sind, die einem dann diese Argumente mit einem letztlich überlegenen Gesichtsausdruck oder vielleicht auch in der Opferrolle präsentieren, das interessiert mich. Ich glaube, es wird immer unterschätzt, wie stark unsere Wirklichkeit nach ästhetischen Kriterien funktioniert. Donald Trump ist für mich z.B. als narrative Figur, als Geschichtenerzähler faszinierend. Bei ihm kommt man als klassischer politischer Analytiker überhaupt nicht mehr weiter. Denn die ganze Strategie, die er fährt, funktioniert eben nicht nach den traditionellen politischen Maßstäben, sondern eher nach narrativen Maßstäben.

Wenn Trump schon ein Geschichtenerzähler ist, was heißt es dann, als Autor ein Geschichtenerzähler zu sein? Wie kann man die "richtigen", moralisch gewendet die "guten" Geschichten erzählen?

Ich glaube, indem man erst einmal diesen Prozess überhaupt transparent macht. Man muss dann nicht Geschichten über Geschichten erzählen. Aber vielleicht kann man das Fiktive der Welt ein bisschen klarer herausstellen. In meinen Texten spielt das eine große Rolle. Da sind immer Geschichtenerzähler und es gibt darin die Frage, wie man eine Geschichte erzählt. Ich sage nicht, dass das ein Patentrezept ist. Aber für mich ist das eine Erkenntnis der letzten Jahre gewesen, die Geschichtenhaftigkeit der Welt. Und dass es nichts bringt, diese beiden Bereiche Wirklichkeit und Fiktion so klar zu trennen, weil das überhaupt nicht möglich ist.

Können sich Engagement und Literatur auch im Wege stehen?

Ich glaube, die große Schwierigkeit besteht darin, nicht zu platt oder nicht zu deutlich zu werden. Das ist die größte Crux oder die größte Falle, die engagierte Literatur hat.  Wenn man eine Sache hat, die man an den Mann und an die Frau bringen möchte, eine Message, eben eine gewisse Sache für die man sich engagiert, dann kann es ganz schnell ins Referieren oder Predigen kippen.

Gibt es aktuell eine gesteigerte gesellschaftliche Sehnsucht nach dem engagierten Schreibenden?

Ja. Ich glaube die wenigsten Autoren oder Autorinnen haben von sich aus ein großes Bedürfnis, als Sprachrohr einer Generation aufzutreten. Die einzigen, die mir jetzt spontan einfallen, die das machen und auch sehr gut machen, weil sie eben ihre eigene Person sehr in den Hintergrund stellen, sind zum Beispiel Juli Zeh oder Eva Menasse. Die engagieren sich immer ganz dezidiert für eine konkrete Sache und treten dann auch in Talkshows auf usw. Das muss man auch erst einmal können, ohne sich zu blamieren. Wenn man da seine Sache nicht in zwei, drei Sätzen auf den Punkt bringen kann, dann hat man verloren und macht eine extrem schlechte Figur.

Ein Beispiel für engagierte Autorinnen: Juli Zeh.

Ich glaube, es gibt generell in der Gesellschaft eine große Sehnsucht nach Orientierung, nach Figuren, die einem ganz klar sagen, wo es lang geht. Quasi nach Filtern, die aus dieser unglaublichen Masse an Informationen und Positionen, die eben auch ihre Eindeutigkeit verloren haben, heraus helfen. Stichwort: Internet. Das ist einfach ein riesiges Meer an Informationen und Positionen. Es ist einerseits gut, dass es diese grenzenlose Freiheit im Internet gibt, aber andererseits auch schlecht, weil man braucht dann Leitlinien. Es gibt diese Sehnsucht, diese tief verankerte Sehnsucht von Menschen, dass sie eine Orientierungshilfe bekommen. Und es ist nicht einmal eine steile These zu sagen, dass Figuren wie Trump oder der Aufstieg der Rechten in Europa diese Sehnsucht stillen.

Müssen sich die Orte für engagierte Literatur dann auch verändert? Muss dieses literarische Engagement z.B. im Internet stattfinden?

Ich aus meiner Sicht kann nur sagen, ich muss das machen, womit ich mich auskenne, womit ich ein gutes Gefühl habe und was ich kann. Und ich bin mir sicher, dass es im Internet viele Möglichkeiten gäbe, dass man tatsächlich überzeugender und konkreter und zielgerichteter seine Meinungen und Wünsche vertritt. Nur ich kann es nicht. Ich kann nur den Weg des klassischen Buches gehen und das ist letztlich auch etwas, worin meine Sehnsucht liegt: Texte zu schreiben, die als Buch erscheinen. Ich bin da einfach noch ein Kind aus dem 20. Jahrhundert.

Sie haben es bereits erwähnt: Der engagierte Autor, die engagierte Autorin sind immer auch öffentliche Figuren, Akteure im Medien- und Literaturbetrieb. Würden Sie sagen, die Medien helfen dabei, sich als Schriftsteller zu engagieren?

Das Schwierige ist, dass Literatur mit Offenheiten, mit Unklarheiten und mit Ambivalenzen operiert. Und es ist in den Medien ganz schwierig – sei es jetzt Radio oder Fernsehen – zu vermitteln, was eigentlich beim Akt des Lesens oder des Schreibens passiert. Dann ist man letztlich auch wieder bei der Prämierung oder bei der Fokussierung auf vermeintlich relevante Stoffe. Und was ist relevant? Drittes Reich, DDR und aktuell die Flüchtlingskrise. Aber dass dahinter auch eine ästhetische Position steckt und das "wie" unglaublich wichtig ist, das ist sehr schwer in Einklang zu bringen mit den Gesetzmäßigkeiten von Fernsehen, Radio, Internet, was auch immer.

Ich glaube dieser Wunsch von der anderen Seite, also von den Medien, nach Relevanz in der Kunst, ist natürlich berechtigt und auch bis zu einem gewissen Punkt gut, aber er unterschlägt oft eine Frage nach Poetologie oder nach Ästhetik. Vielleicht fördert er auch eine Art von Kunst, die sich eher auf Schlagwörter reduziert. Ich glaube der Grundzwiespalt, der sich für mich auch nicht auflösen lässt, besteht darin, dass Kunst eine fragile, offene, ambivalente Form ist, die eher Fragen auslöst, als Fragen beantwortet, und dass Medien eher Antworten wollen als neue Fragen gestellt bekommen. Aber dieser Prozess des Fragens und sich immer wieder Hinterfragens ist ein unendlich wertvoller.