Kultur

"Die Vereindeutigung der Welt" Thomas Bauer über den Verlust an Vielfalt

Unsere Gesellschaften werden immer vielfältiger – so zumindest die optimistische Annahme der Moderne. Doch das ist eine Selbsttäuschung, sagt der Islamwissenschaftler Thomas Bauer. Und zieht einen Vergleich mit Kairo im 15. Jahrhundert.

Von: Beate Meierfrankenfeld

Stand: 13.06.2018

Jeanshosen auf Plastikbeinen in der Fußgängerzone von Nikosia (Zypern) | Bild: picture-alliance/dpa / Waltraud Grubitzsch

Wir haben, so lautet die These von Thomas Bauer in seinem neuen Buch "Die Vereindeutigung der Welt", zwar eine unüberschaubare Vielfalt von Konsumgütern zur Verfügung, zugleich nimmt aber unsere Fähigkeit ab, mit Widersprüchen umzugehen, Vagheiten auszuhalten, ambivalente Gefühle zuzulassen.

Europa und die kulturelle Vielfalt

Das hat für den Münsteraner Islamwissenschaftler auch historische Gründe, wie er im Interview sagt: "Europa war nie, anders als man das immer so gerne sieht, ein besonderer Hort kultureller Vielfalt. Wenn ich mir Kairo im 15. Jahrhundert anschaue, da war das das Normalste der Welt, dass man dauernd mit Leuten anderer Religion, anderer Herkunft, anderer Kleidung, anderer Tracht, anderer Sprache zu tun hatte, das war das Allernatürlichste. Und das galt für den Großteil der Welt. Bei uns war es bis ins 20. Jahrhundert hinein die große Ausnahme, und dann haben wir uns sehr viel zugute getan, dass wir jetzt 'Gastarbeiter', so hieß es damals ja, haben, und Städte wie Frankfurt waren dann voller Vielfalt, kultureller Vielfalt. Aber erstens ist diese Vielfalt gar nicht mit der Vielfalt zu vergleichen, wie wir sie in der Geschichte anderswo in der Welt hatten, und zum anderen hat es ja sofort angefangen, die Leute zu stören." Wie es manche eben stört, wenn jemand anders spricht, anders aussieht, anders gekleidet ist oder anders glaubt als man selbst. Darauf reagiert man mit Abwehr solcher Mehrdeutigkeiten, mit zunehmender "Ambiguitätsintoleranz", wie Bauer es nennt. Diese These wendet er auf verschiedene Felder wie Religion, Kunst und Politik an.

Die Feier des Authentischen

Eine verbreitete Strategie, den Mehrdeutigkeiten zu entkommen, ist für Thomas Bauer die Feier des Authentischen, das vermeintlich eindeutig ist. Kunst wird dann gerade für das geschätzt, was nicht künstlich daherkommt: echte Menschen auf Theaterbühnen, autobiografische Fiktion zwischen Buchdeckeln oder Filme nach einer wahren Begebenheit. Und in der Politik haben "authentische" Akteure Erfolg, die sagen, was sie denken und agieren, wie sie fühlen. Die hohe Kunst der vieldeutigen Rede, die Diplomatie, gilt dann natürlich nicht mehr viel.

Thomas Bauer

Für Thomas Bauer ist die Forderung nach "authentischer" Politik aber ganz prinzipiell problematisch: "Wenn man einen Politiker dafür rühmt, dass er authentisch ist, dann ist das ein zweifelhaftes Lob. Menschen haben unterschiedliche gesellschaftliche Rollen, und es kann eben durchaus sein, und ich erwarte das eben auch von einem Politiker, dass er sich nach außen auch mal für Positionen einsetzt, die er zu Hause so eher nicht vertreten würde." Hinzuzufügen wäre noch, dass schon der Begriff der Authentizität selbst – im Sinne von "ganz man selbst sein" – sehr formal und damit durchaus vieldeutig ist. Er ist nur deshalb so vielversprechend anwendbar, weil er auf höchst unterschiedliche Weise zu verstehen ist. Umso erstaunlicher, dass er so gern benutzt wird, wenn mit den Unwägbarkeiten der Ambiguität aufgeräumt werden soll.

Themen, die Eindeutigkeit schaffen sollen

Demokratie, die grundsätzlich nur vorläufige Entscheidungen treffen kann, ist laut Bauer eine besondere Zumutung an unsere Bereitschaft, das Nicht-Festgelegte auszuhalten. Fundamentalismus und Populismus sind Abwehrmechanismen gegen diese Zumutung: Sie wollen klare Verhältnisse schaffen. Deshalb verbeißen sie sich an Themen, die dafür geeignet erscheinen – und die öffentliche Debatte lässt sich nicht selten davon die Agenda vorgeben, so Bauer: "Eigentlich dürften wir über nichts anderes mehr reden als über den Klimawandel und über die soziale Schere und dergleichen Dinge mehr. Wir haben jetzt über 100 Talkshows gehabt zum Thema Islam und Flüchtlinge, es gab aber meines Wissens nach keine einzige, die zum Beispiel das Thema hatte: Gibt es Alternativen zum Kapitalismus? Das wären Fragen, wo dann wirklich nicht-eindeutige Meinungen zusammenkommen würden und miteinander diskutieren würden, denn wir alle wissen das nicht so genau."

Gleichgültigkeit oder Pluralismus?

"Die Vereindeutigung der Welt" ist ein sehr lesenswerter Essay zur Gemütslage der Gegenwart, unterfüttert mit viel Geschichtsbewusstsein. Natürlich muss man nicht alle Positionen des Buches teilen: Dass ausgerechnet die Religion schon deshalb eine Übung in Ambiguität ist, weil sie mit Unerklärlichem kalkuliert, ist eine starke These. Auch das Kunstkapitel überzeugt nicht immer.

"Die Vereindeutigung der Welt" von Thomas Bauer

Und dann gibt es noch einen Einwand zum Gesamtbild, das Thomas Bauer zeichnet: Fundamentalismus ist für ihn nur die eine Spielart der Ambiguitätsvermeidung, die andere, wichtigere vielleicht sogar, ist das, was er als "Gleichgültigkeit" spätmoderner Gesellschaften bezeichnet: Wenn mir etwa Religion egal ist, muss ich mich mit deren Mehrdeutigkeiten auch nicht mehr befassen. Doch man kann diese "Gleichgültigkeit" auch schlicht "Pluralismus" nennen: Wo er funktioniert, hätten wir eben gelernt, fremde Überzeugungen nicht teilen, aber auch nicht beurteilen zu müssen. Das wäre kein Defizit, sondern eine zivilisatorische Errungenschaft – und die Moderne stünde am Ende doch sehr viel besser da als bei Thomas Bauer.

"Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt" von Thomas Bauer ist im Reclam Verlag erschienen.