Kultur

"System Error" von Florian Opitz "Der Glaube an Wachstum ist irrational"

Der Kapitalismus stößt ökologisch und ökonomisch an seine Grenzen. Der Glaube an stetes Wachstum ist nichts als ein Glaube. Das sieht, wer aus dem System heraustritt. Florian Opitz im Gespräch über seinen Film "System Error".

Von: Barbara Knopf

Stand: 07.05.2018

Filmsenze aus System Error "Karl Marx Denkmal in Chemnitz" | Bild: Port au Prince Pictures 2018

Am 3. Mai war Welt-Erschöpfungs-Tag, ein sehr emphatischer Begriff für die Tatsache, dass wir an diesem Tag die jährlichen Ressourcen einer Erde verbaucht haben. Eine Erde reicht nicht aus für unseren Bedarf – derzeit benötigen wir jedes Jahr 1,6 Erden. Wenn wir so weitermachen wie bisher bräuchten wir ab 2030 zwei Planeten. Und das scheint der Fall zu sein. Der Kapitalismus ist in die Kritik geraten, die Zumutungen der Globalisierung machen Angst, aber letztlich ändert sich nichts am ewigen Wachstums-Mantra. Der Filmemacher Florian Opitz, zweifacher Grimme-Preisträger, hat dieses System jetzt unter die Lupe genommen – in seinem Film "System Error", der gerade auf dem Dok.Fest München zu sehen war und diese Woche im Kino anläuft. Barbara Knopf hat mit ihm gesprochen.

Barbara Knopf: Schon 1972 hat der Club of Rome darauf hingewiesen, dass es Grenzen des Wachstums gibt. Diese Warnungen werden bis heute ignoriert und Sie machen in Ihrem Film "System Error" von Anfang an klar: Auf unendliches Wachstum zu setzen, ist eine reine Sache des Glaubens. Es ist eine Erzählung, die immer weitererzählt wird, eigentlich ein Märchen, oder?

Florian Opitz: Es gibt dieses Narrativ des Wachstums, das ganz tief eingeprägt ist in unsere gesellschaftlichen Diskurse. Und wir in Deutschland haben auch diese Geschichte des Wirtschaftswachstums nach dem Krieg, das ist sozusagen unsere Entstehungsgeschichte. Wir denken immer wieder: So kann es doch wieder werden. Wenn wir nur die richtigen Stellschrauben verändern, dann wird wieder alles prima und wir können wieder mit sieben oder acht Prozent im Jahr wachsen.

Filmemacher Florian Opitz

Ich glaube, Karl Marx hat – wir haben ja gerade das Marx-Jubiläum – schon vor 150 Jahren gesehen, dass dieses Wachstum irgendwann auch wieder abnimmt und der Kapitalismus an seine natürlichen Grenzen stößt, nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch. Ich habe mir die Frage gestellt, warum wir, obwohl wir eigentlich wissen, dass ein unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten nicht möglich ist, das immer wieder verdrängen. Sogar die gleichen Leute verdrängen das: An einem Tag bei der Klimakonferenz sagen die, wir müssen etwas ändern, wir müssen unser Wachstum einschränken, sonst geht es so nicht weiter. Und am nächsten Tag bei der Rede beim Bundesverband der Deutschen Industrie oder bei irgendwelchen anderen Industrieverbänden predigen sie wieder das Mantra des Wachstums. Ich wollte mir anschauen, warum wir diese Schizophrenie alle in uns haben.

Sie sprechen mit Wachstumskritikern und mit sehr vielen Gläubigen, Wachstums-Gläubigen. Sie fahren zu Luftfahrtmessen, an die Wall Street, zu Massen-Tier-Produktionsfarmen, zu den Global Playern der Geldanlagen von Brasilien bis China. Ich nehme mal zwei deutsche Aussagen heraus: Der Chef des Bundesverbands der Deutschen Industrie sagt: Solange es Menschen mit Bedürfnissen gibt, wird es Wachstum geben, das ist unveränderbar wie die Schwerkraft. Oder der Chefinvestor der Allianz: Krisen haben sich immer selbst gereinigt, Wachstum ist ökologisch verkraftbar. Sie sind dann sehr lange auf diesen Gesichtern geblieben mit der Kamera – und dem Zuschauer verschlägt es irgendwie die Sprache.

Auch Massentierhaltung gehört zur Wachstumslogik: Die Bundesstraße 163 durch Mato Grosso, Brasilien

Ja, mir hat es tatsächlich auch manchmal die Sprache verschlagen. Auf der anderen Seite ist es natürlich so: In den Positionen, in denen diese Leute sitzen – und ich glaube, das muss man verstehen, deswegen heißt der Film auch "System Error" – in den Positionen macht das, was sie sagen, manchmal auch tatsächlich Sinn. Wo es darum geht, Profite zu steigern für den nächsten Quartalsbericht, da ist Wachstum sinnvoll, und in diesem kleinen Mikrokosmos bewegen sich viele dieser Wirtschaftskapitäne. Aber wenn man einen Schritt zurücktritt und sozusagen das Ganze sieht, die Erde, das Globale, dann merkt man, dass das, was vielleicht im Kleinen Sinn macht, im Großen katastrophale Folgen hat. Und das wollte ich zeigen: Dass wir immer mal wieder aus dem ganzen System heraustreten und den Gesamtblick wagen müssen. Denn ich glaube, in unserer immer komplizierter werdenden Welt haben wir den aus dem Blick verloren.

Die Ökonomen, mit denen Sie gesprochen haben, also zum Beispiel Tim Jackson, Wachstumskritiker von der Uni Surrey, bringen ja ein paar Erklärungen – warum es möglicherweise nicht mehr funktionieren kann.

Im Grunde genommen geht es immer wieder auf die gleiche einfache Gleichung zurück, wie Jackson sagt: In einem endlichen System, auf einem endlichen Planeten kann man kein unendliches Wachstum haben. Das versteht jedes Kind, er sagt sogar: Meine kleinen Schulkinder verstehen das.

Er nennt es die "kollektive Schizophrenie".

Die kollektive Schizophrenie, genau. Eigentlich ist es wirklich ganz leicht zu verstehen, aber da wir die Folgen nicht direkt spüren, zumindest wir hier in der entwickelten Welt nicht, ändern wir nichts daran.

Es gibt auch ganz klare Fakten, also zum Beispiel, dass Kredite für jedermann möglicherweise die Wirtschaft ankurbeln, aber insgesamt für das Wirtschaftssystem nicht gesund sind.

Genau. Der Gewinn der einen sind die Schulden der anderen, das ist ganz klar, und so ist es ein Stück weit auch gewollt. Ich denke, auch daran müssen wir etwas ändern. Das System ist menschengemacht, und es lässt sich auch durch Menschenhand verändern. Das Erstaunliche ist ja, dass wir immer das Gefühl haben, aus der Wirtschaftswelt wird alles ganz rational begründet. Wir haben den Eindruck: Das ist eine ganz komplizierte Materie, und die verstehen schon, was sie da tun. Aber es ist absolut irrational. Das ist eine Ideologie. Es konnte mir niemand erklären, warum das auf Dauer so weitergehen muss, sondern die Erklärungsmuster waren: Wachstum ist so etwas wie ein Naturgesetz, Wachstum ist so etwas wie die Schwerkraft und ist unabänderbar.

Aber es funktioniert, das macht der Film deutlich, weil diese Wachstumsideologie an das Versprechen auf Wohlstand gekoppelt ist.

Man muss sagen, Wachstum hat uns eine sehr lange Zeit Wohlstand gebracht – das sagen auch die Wachstumskritiker, Marx oder Tim Jackson. Es gibt aber einen Punkt im Kapitalismus, wo das nicht mehr der Fall ist.

Wachstumskritiker Tim Jackson in "System Error"

Wir sehen das zum Beispiel in der Debatte über die Digitalisierung. Wir sind jetzt an einem Punkt, wo zwar möglicherweise Wirtschaftswachstum weiter entsteht, aber keine weiteren Arbeitsplätze. Wo Wachstum also eine ganz abstrakte Messlatte ist, aber nicht zu weiterem Wohlstand unter den Menschen führt. Die meisten Menschen haben das Gefühl, dass die Reichen immer reicher werden und die Armen immer ärmer und dass immer größere Teile der Bevölkerung abgehängt werden, obwohl wir wunderbare Wirtschaftsdaten haben. Und ich glaube, dieses Gefühl trügt auch nicht. Wir müssen uns Alternativen zu diesem System überlegen oder Reformen dieses Systems. Und Dinge wie das Gemeinwohl, den Wohlstand der Menschen wieder ins Zentrum der Debatte rücken statt Wachstum.

Man sieht auch, dass der Kapitalismus sehr stark mit einer Verachtung einhergeht, bei den Gewinnern jedenfalls. Zum Beispiel beim ehemaligen Trump-Berater Anthony Scaramucci. In einem kurzen Interview pöbelt er sich vorwärts von einer Selbstüberheblichkeit zur nächsten Beleidigung. Das ist ja auch ein Gesellschaftsbild, das man sich nicht wünscht.

Anthony Scaramucci, Hedgefonds-Manager und Trump-Unterstützer

Scaramucci war natürlich ein ganz besonderer Protagonist. Er hat einfach gesagt, was er denkt, frei von der Leber weg. Das hat man sehr selten. Die meisten anderen Protagonisten aus der Welt des Hochkapitals waren sehr reserviert und zurückhaltend. Die haben ihre Message eher auf das eingestimmt, was das Gegenüber, also ich, hören wollte. Scaramucci war wirklich ganz unverstellt, und das ist natürlich ein Geschenk für einen Dokumentarfilmer, weil man dann wirklich mal sieht, wie die Denke funktioniert.

Am Ende Ihres Films kommt die Prognose: Das Ende des Kapitalismus ist näher, als wir denken. Aber man könnte doch auch sagen: Das System läuft und läuft – mit den Fehlern, die es hat.

Ja und nein. Das ist natürlich ein Stück weit provokant, zu sagen: Das Ende des Kapitalismus ist näher, als wir denken. Niemand weiß, wann der Kapitalismus zusammenbricht. Viele, auch Leute, die in den Schaltstellen der Wirtschaft sitzen, haben eine ähnliche Prognose mir gegenüber getroffen. Sie wissen einfach nicht mehr, wie es weitergeht. Sie verstehen das System, so wie es momentan funktioniert, auch nicht mehr – und auf der anderen Seite läuft und läuft es. Aber ich habe den Eindruck, die Einschläge kommen immer näher. Wir haben viereinhalb Jahre an dem Film gearbeitet, und vor viereinhalb Jahren war die Welt noch eine ganz andere: Es gab keinen Trump, es gab keinen Brexit, es gab noch eine sozialdemokratische Präsidentin in Brasilien – die Lobbys der Soja-Bauern und der Agro-Barone haben die Präsidentin gestürzt. Überall, wo wir gedreht haben, haben sich danach sozusagen historische Dinge ereignet.

Da sieht man einfach, dass sich dieser Kapitalismus radikalisiert, wie ich es im Film sage, dass er in eine neue Eskalationsstufe eintritt. Wir bei uns sehen davon noch relativ wenig, in Deutschland sind die Verhältnisse noch relativ reguliert und geordnet, aber um uns herum verändert sich die Welt in einer rasenden Geschwindigkeit – und das nicht zum Guten. Ich glaube, wir sehen gerade die Auflösungserscheinungen des kapitalistischen Systems, so wie wir es kennen. Ob das, was dann irgendwann mal kommt, auch noch "Kapitalismus" heißt oder ein reformierter Kapitalismus ist oder wir etwas anderes bekommen, kann ich nicht sagen. Aber ich bin mir sicher, es kommt ein Wandel, und besser gestalten wir diesen Wandel und versuchen das auf friedlichem Wege durch Reformen, als dass wir in einem katastrophalen Crash irgendeiner Art zum Ende kommen.