Kultur

Streitschrift Svenja Flaßpöhlers "Die potente Frau"

Die potente Frau ist allen emanzipatorischen Kraftakten zum Trotz ein eher Ängste denn Bewunderung auslösendes Rollenmodell - genau dafür plädiert die Philosophin Svenja Flaßpöhler in ihrer gleichnamigen Streitschrift. Ein Gespräch.

Von: Joana Ortmann

Stand: 02.05.2018

Potenz im übertragenen wie im wortwörtlichen Sinn verstanden, ist eine Eigenschaft, die zumindest in unserer Gesellschaft und Kultur Männern vorbehalten ist - allen emanzipatorischen Kraftakten zum Trotz. Für eine solche starke offensive Variante von Weiblichkeit plädiert die Philosophin und Autorin Svenja Flaßpöhler in ihrer Streitschrift "Die potente Frau: Für eine neue Weiblichkeit". Joana Ortmann hat mit ihr über das Buch gesprochen.

Joana Ortmann: Frau Flaßpöhler, welche hervorstechenden Eigenschaften hat denn die potente Frau?

Svenja Flaßpöhler: Die potente Frau verfügt über ein eigenes, ein eigensinniges Begehren. Sie ist nicht einfach nur Spiegel des Mannes, sie bestätigt ihn eben nicht in seiner Herrlichkeit und Grandiosität, was sie ja über Jahrhunderte tun sollte - dafür gibt es kulturgeschichtlich viele Diskurse, die man da anführen könnte -, sondern die Frau kommt von der Passivität in die Aktivität. Das heißt, sie kommt aus der sexuellen Potenz in eine existentielle und auch in eine professionelle Potenz.

Sie dehnen damit den Begriff der Potenz sehr aus. Dazu müsste man dann wahrscheinlich erst mal sagen: Ok, nachdem wir jetzt Tausende Jahre Potenz männlich gedeutet haben – übrigens auch philosophisch und kulturgeschichtlich -, müssten wir erst mal diesen Begriff umdenken und dann auch ins Leben überführen.

Selbstverständlich. Man muss zunächst einmal tatsächlich sehen, dass die weibliche Sexualität immer ganz stark als eine passive gedacht wurde. Das weibliche Begehren war eigentlich gar nicht wirklich existent. Freud zum Beispiel hat sehr klar gesagt, dass man von einer weiblichen Libido nicht sinnvollerweise reden könne. Die Frau hat einfach kein eigenes Begehren. Jacques Lacan, der französische Psychoanalytiker, bringt das später so auf den Punkt, dass er sagt "La femme n'existe pas" - die Frau, sie existiert einfach nicht und sie bannt alles, was sie eigentlich auszeichnet, in die Maskerade zurück, um für den Mann ein Fetischobjekt zu sein. Das heißt, wir haben einen unglaublichen Nachholbedarf, was die Sexualität der Frau angeht.
Das zeigt sich bis hinein in die Bezeichnungspraxen von heute: Wir sprechen ganz selbstverständlich davon, dass die Frau eine Scheide hat, in eine Scheide steckt man etwas rein. Wir beschreiben den Sexualakt immer aus der männlichen Perspektive - das ist nämlich die Penetration. Aber das, was die Frau eigentlich während des Sexualaktes macht, bleibt wahnsinnig unterbelichtet und wird eben als reine Passivität beschrieben. Und das kann man natürlich ganz anders machen: Man kann anders davon reden, man kann erst mal gucken: Vulva, was ist das eigentlich für ein Wort? Und dann fällt schnell auf, dass in Vulva und Revolution der selbe Wortstamm steckt . Das ist das Umwälzende, das Umschlingende, das Umfassende; und genau das tut die Frau eben auch beim Sexualakt. Und um da hinzukommen, in die Potenz, in die weibliche Potenz, das scheint mir gerade heute mit Blick auf die ganze MeToo-Debatte umso wichtiger zu sein.

Sie haben das schon angesprochen und wir kommen auch noch auf die MeToo-Debatte, aber ich würde gerne noch bei der verschlingenden Frau bleiben, das ist auch interessant von der Kulturgeschichte her: Die den Mann verschlingende Frau ist ja auch eine Ängste auslösende Form der Frau und der Weiblichkeit.

Sicher, und das hat natürlich ganz klar auch etwas damit zu tun, dass man die Frau als Verführerin gar nicht denken wollte. Man denke nur an Medusa, die große Verführerin und Gorgonen-Tochter in der griechischen Mythologie, die enthauptet wurde. Und natürlich ist es auch heute noch so, dass eine Frau, die sexuell aktiv ist, die potent ist, die Männer verführt, dass das dann eben ganz schnell die Schlampe und die Hure ist. Ein Äquivalent für den Mann gibt es eigentlich gar nicht; ein Mann, der verführt, das ist eben ein potenter Mann. Wir müssen, denke ich, heute wirklich als Frauen aktiv mitarbeiten an einer Umdeutung der weiblichen Potenz, nämlich in etwas Positives hinein. Das ist harte Arbeit, das ist schwierig und es erfordert ein hohes Maß an Autonomie.

Jetzt haben Sie die MeToo-Debatte selber schon ins Spiel gebracht. Sie haben einen ganz interessanten Ansatz, finde ich. Sie sagen nämlich die MeToo-Debatte scheint uns zwar zu nutzen in diesem Punkt, in Wirklichkeit aber festigt sie eigentlich ein altes Bild. Inwiefern?

Na,ja, weil eben die Frau in dieser ganzen Debatte auch eigentümlich passiv bleibt. Natürlich wird dann immer im Nachhinein MeToo getwittert, aber in den Situationen selber bleibt die Frau doch recht reaktionsarm, sie erduldet. Sie kann eigentlich nicht richtig etwas tun. Und das, denke ich, muss man ganz klar kritisieren. Denn was nützt es, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, hinterher MeToo zu twittern. Und damit zusammen hängt übrigens auch ein sträflich generalisierender Gestus dieser Debatte. Es wird nämlich nicht genau unterschieden zwischen den unterschiedlichen Situationen, in denen Frauen sich befinden. Ich wäre die Letzte, die irgendwie sagen würde, dass eine Frau, die wirklich handfester Gewalt ausgesetzt ist, die genötigt wird, die vergewaltigt wird – dass die jetzt mal so ein bisschen potent sein soll oder sich jetzt mal anstrengen soll. Natürlich nicht! Es gibt Situationen, da haben Frauen wirklich keine Chance.

Aber bei der Mehrzahl der Situationen, die jetzt auch wieder in diesen Tagen angeführt werden, da geht es um verbale Belästigungen, da geht es um Übergriffigkeit, da geht es um nächtliche SMS-Nachrichten und so weiter -, und da haben Frauen selbstverständlich die Möglichkeit zu agieren und etwas zu tun. Und indem dieser Unterschied nicht gesehen wird, wird die Frau abermals auf einen Opferstatus reduziert, auf eine Passivität, auf eine Hilflosigkeit, die ich äußerst fragwürdig finde.

Diese Opferrolle, die Sie da ansprechen, ist aber auch eine Rolle, die viele Frauen gerne annehmen. Warum?

Na, weil uns das natürlich auch entlastet, eben auch in diese Autonomie zu kommen. Es wird dann ja auch immer gesagt: Na, ja, eine Frau, die von einem Chef irgendwie angebaggert wird und nachts aufs Hotelzimmer eingeladen wird, die kann ja eigentlich gar nichts machen, weil dann würde die ja riskieren, dass sie ihren Job oder ihr Praktikum oder Volontariat verliert. Und da muss ich einfach sagen: Natürlich ist es schlimm, wenn Frauen in eine solche Situation kommen. Aber Autonomie heißt nun mal, dass man Widerstände überwindet, dass man Risiken eingeht. Man führt den Begriff der Autonomie wirklich ad absurdum, wenn man davon ausgehen würde, dass eine Situation so perfekt und glatt ist, dass es überhaupt nichts kostet, autonom zu handeln. Das ist die große Herausforderung der Autonomie. Und das gilt leider Gottes auch für Frauen.

Da sind wir vielleicht doch noch mal an dem Punkt der Potenz, weil Potenz als Verführung und Macht, Verführung und Manipulation auch etwas ist, was kulturell als sexy bei Männern codiert ist; bei Frauen aber weniger oder zumindest haben Frauen Angst davor, sozusagen mächtig und verführerisch gleichzeitig zu sein. Könnte man das so sagen?

Ja, sicher. Da haben Sie nochmal einen wichtigen Punkt angesprochen, dass die Verführung selber natürlich auch schon hoch ambivalent ist. Denn wer verführt, der führt; der führt jemand an einen Punkt, an dem er so vorher noch nicht war. Und ich glaube, es ist erst einmal wichtig, diese tiefe Ambivalenz der Verführung zu sehen. Ich würde tatsächlich so weit gehen und sagen: Nichts am sexuellen Akt, nichts in der Sexualität ist harmlos. Alles ist ambivalent und abgründig; wir müssen eine Mündigkeit ausbilden, um in diesem heiklen Feld sozusagen bestehen zu können – und auch natürlich Lust gewinnen zu können.
Das setzt eine Mündigkeit und Selbstbestimmung und Autonomie voraus, das setzt einen klaren Willen voraus. Ich habe wirklich das Gefühl, dass genau das den Frauen oft fehlt. Das wird übrigens auch von sexualtherapeutischer Seite bestätigt; dass Frauen wirklich oft nicht wissen, was sie sexuell eigentlich wollen. Und das, denke ich, hat eben auch etwas damit zu tun, dass Frauen über Jahrhunderte überhaupt nicht in die Lage gekommen sind, verstärkt über die eigene Sexualität, über den eigenen sexuellen Willen nachzudenken, ihn zu entwickeln.
Und nochmals zur Verführung. Ich glaube, es ist auch deshalb so wichtig, dass Frauen diese 'Ver-Führungsrolle' einnehmen, die aktive Rolle einnehmen, weil nur auf diese Art und Weise die Geschlechter auch in die jeweils andere Position kommen und sich auch nur so besser verstehen können. Wenn immer nur die Männer aktiv sind und die Frauen passiv und darauf warten, dass sie verführt werden, da gibt es sozusagen eine Wahrnehmungslücke, da gibt es eine Übersetzungslücke - und um die zu schließen, sagen wir mal, annähernd zu schließen - weil Männer bleiben immer noch Männer und Frauen bleiben immer noch Frauen - dafür ist es notwendig, dass wir diese Zweiheit von Aktivität und Passivität, dass wir die aufheben und dass wir den Geschlechtern zugestehen, auch die jeweils andere Rolle einzunehmen.

Svenja Flaßpöhlers "Die potente Frau" erscheint heute bei Ullstein.