Kultur

Stephan von Bothmer vertont Fußballspiele "Wenn jemand zum dritten Mal foult, dann spiele ich 'Oops!... I Did It Again'"

Der Stummfilm-Pianist Stephan von Bothmer vertont live Fußballspiele. Im Interview mit Joana Ortmann verspricht er, sich bei Deutschland gegen Schweden besonders reinzuhängen.

Von: Joana Ortmann

Stand: 22.06.2018

Joshua Kimmich wird gefoult | Bild: Markus Gilliar/picture alliance/augenklick/GES

Gegen diesen Mann kommt kein Sportreporter an: Stephan Graf von Bothmer vertont Fußballspiele. Er inszeniert Public-Viewings mit dramatischer Filmmusik an der Kirchenorgel oder am Flügel. Während das Spiel auf der großen Leinwand läuft spielt und komponiert er live die passende Musik dazu. Auch bei dem heutigen Spiel zwischen Deutschland und Schweden, bei dem es ja um viel geht.

Joana Ortmann: Herr von Bothmer, sind Fußball und Stummfilm nicht eigentlich zwei komplett verschiedene Welten?

Stefan von Bothmer: Also der Weg vom Stummfilm-Konzert zum Fußball Konzert, der ist total klein. Fußball hat Verfolgungsjagden, hat Streit, hat Liebesszenen - es gibt Angriffe. Fußballfans sagen ja auch: "Das ist großes Kino". Und was gehört zum großen Kino? Eine Filmmusik! Die Idee ist doch ganz naheliegend. Das ist beim Stummfilm genauso. Und wenn man beim Fußball jetzt den Ton abschaltet, was wir ja tun, dann ist er genauso stumm wie jeder Stummfilm auch. Er ist halt, und das erinnert ein wenig an Bach, total konzentriert. Beim Stummfilm sind es großartige Werke, mit einer Wahnsinns Ausstattung und verschiedene Weltregionen werden bespielt. Und hier findet alles auf einem Platz statt, mit denselben Leuten, die quasi alle gleichzeitig, ständig im Bild sind. Das ist wie bei Bach, wo er die ganze Welt der Symphonie, die sonst ein riesen Orchester aufmacht, allein mit einem Cembalo abbildet - dieses Konzentrierte hat das Fußballspiel auch.

Sind Sie denn musikalisch interessiert am Fußballspiel oder als Fan interessiert daran, das Ganze musikalisch zu intensivieren?

Ich bin beides. Ich bin jetzt kein Hardcore-Fußballfan, aber mich hat das schon immer fasziniert, vor allem die Synergien die es da gibt. Da hatte ich auch mal eine Zeit lang Gewissensbisse, nehme ich jetzt was Populäres, den Fußball und nutze ihn für mich aus? Und dann haben wir das erste Fußballkonzert gemacht und danach kamen die Leute zu mir und haben gesagt: "So intensiv haben wir noch nie ein Spiel verfolgt!" Da habe ich gedacht, ich habe genau das Richtige macht. Ich habe dem Fußball eigentlich ein bisschen das auch wiedergegeben was ihn eigentlich ausmacht: nämlich den sportlichen Aspekt. Es geht nicht so sehr um den Kampf der Deutschen gegen die, keine Ahnung, Russen oder so, sondern es geht einfach um das Spiel. Was passiert da sportlich? Und Filmmusik kann eben den Blick genau dahin lenken, wo was los ist. Der Sportkommentator bringt Hintergrundinformationen: So viele Länderspiele hat der und der schon gespielt etc. Alles interessant, lenkt aber eigentlich, in dem Moment, vom Spiel ab und Filmmusik macht genau das Gegenteil, die bringt sozusagen die Spannung wieder rein.

Wir haben jetzt leider kein Klavier hier, deshalb müssen wir das mit anderen Möglichkeiten heraufbeschwören: Wie gehen Sie da vor? Ähnlich wie sonst auch im Genre Stumm-Filmmusik? Haben sich feste Phrasen? Wie viel Improvisation? Wie viel haben Sie von Bach geklaut? Vielleicht können Sie das mal ein bisschen griffig beschreiben?

Man muss sie das vom Aufbau so vorstellen: Wir haben ein Public-Viewing auf der großen Leinwand, das große Spiel und dafür sitze ich dann am Klavier oder manchmal an einer Kirchenorgel und komponiere live die passende Filmmusik dazu. Je dichter es ans Tor geht, desto dramatischer wird es, es schraubt sich harmonisch hoch, immer intensiver und dann... geht der Ball vorbei - dann rollert das so aus. Bei Foul: Schmerzens-Akkord! Das ist extrem live, extrem interaktiv. Ich reagiere auf das Publikum und das Publikum reagiert auf das Spiel aber auch auf mich. Das ist so eine Dreiecks-Beziehung, das pusht sich richtig hoch und es führt auch dazu, dass die Leute viel mehr aus sich herausgehen, als sie das normalerweise tun.

Noch mehr?

Viel mehr! Sie springen auf und brüllen, weil sie eben genauer hingucken. Es kommen auch nach einem Spiel Leute zu mir und sagen: "Du hattest aber Glück, dass das gerade eine Übertragung mit so vielen Nahaufnahmen war" oder "es gab ja viel mehr Zeitlupen als sonst". Da waren nicht mehr Nahaufnahmen oder Zeitlupen, sie haben nur genauer aufgepasst und das macht eben die Musik. Das ist eine ganz alter musikalischer Trick, genau wie wenn man vom Fahrrad fällt, dann sieht man auch so ein paar Sekunden in Zeitlupe, das kann die Musik auch herstellen: verlangsamen, indem man das Gehirn mit sehr vielen Impulsen triggert. Das ist der Trick. Und musikalisch kann man sagen, dass es eine Mischung aus Pink Floyd, Deep Purple, Beethoven, Bartok und Chopin ist. Dann noch 20er Jahre oder auch Schlager dazwischen, "Mein kleiner grüner Kaktus" spiele ich manchmal zwischendurch - beim Stummfilm würde ich nie solche Zitate bringen, aber manchmal passen die einfach ganz gut. Wenn jemand zum dritten Mal foult, dann spiele ich "Oops I Did It Again" oder wie jetzt bei Ronaldo als er das dritte Tor geschossen hat. Das ist dann auf eine ganz andere Art und Weise ironisch.

Das heißt also auch bei Ihnen gibt es Floskeln, wie beim Sportreporter, nur eben musikalische Floskeln?

Es gibt Floskeln klar! Die Filmmusik hat ja auch Floskeln: Das Tremolo in den tiefen Streichern für die Dramatik, das ist ein Topos den kann man hier benutzen. Gerade wenn man so spontan komponiert, muss man das auch benutzen. Das muss abrufbar sein. Aber was nicht geht ist, dass man sich Motive zurecht legt für Abseits, für Ecken, für Abstoß oder Konter. Das klappt nicht. Das hat verschiedenen Gründe: Zum einen ist die Spielfolge so schnell, dass man gar nicht einen ganzen Takt spielen kann. Das werden dann immer nur musikalische Fetzen und dann kommt ja keine Musik dabei heraus. Es müssen ja erstmal zwei Takte laufen, um überhaupt ein Rhythmus zu etablieren. Aber der wesentliche Grund ist, dass eine Ecke gegen Spielende viel spannender sein kann, als eine Ecke ganz am Anfang. Also nicht jede Ecke ist gleich. Wenn ich jetzt immer die gleiche Musik machen würde, dann würde ich die Emotionen vom Publikum immer wieder runter bremsen auf eine Standard-Emotion. Das wird dem Spiel überhaupt nicht gerecht und es wird auch dem Publikum nicht gerecht, die wollen ja genau die Spannung mitkriegen. Ein Freistoß in der 85. Minute: Da ist die Hölle los! Da würde es verarmen, wenn man Motive für solche Spielsituationen hätte.

Heute begleiten sie natürlich das WM-Spiel Deutschland gegen Schweden, allerdings nicht mit Orgel, sondern mit Klavier. Was ist da anders? Ich könnte mir vorstellen, dass ein Klavier nicht die gleiche dramatische Wirkung erzielen kann?

Also ein Klavier und eine Orgel sind vollkommen verschiedene Instrumente und somit muss ganz anders herangehen. Die Vorteile einer Orgel sind natürlich die brachiale Lautstärke, die Posaunen der Hölle die man machen kann, die himmlischen Sphären und die Brechung. Ich meine Fußball, in der Kirche, mit Kirchenorgel und Bier: Das sind für die meisten Menschen vier Brechungen hintereinander. Das macht mir natürlich Spaß. Beim Klavier kann ich aber Sachen machen, die auf der Orgel gar nicht gehen. Ich kann viel besser Rhythmen etablieren. Man kann ja laut und leise spielen, schwer und leicht. Das geht auf der Orgel nicht. Und dadurch kann ich dem Spiel einen Rhythmus geben. Auf der Orgel geht besonders gut laut und das die ganze Zeit.

Haben Sie denn schon was vorbereitet? Mit Deutschland gegen Schweden ist ja ein kleines Trauma verbunden: 2013 gab es ein 4:4 in den letzten Minuten...

Auf einer ganz anderen Ebene. Ich hab das Spiel Deutschland gegen Italien vertont, wo wir glaube ich 4 zu 0 verloren haben. Da saß ich am Flügel und es war grauenhaft. Und da sprang einer auf und brüllte mich dann plötzlich an: "Spiel schneller, Mann!". Der war so drin. Die Verbindung von Musik und Spiel hat für ihn wohl so gut funktioniert, dass er das Gefühl hatte, wenn ich schneller spiele, dann rennen die auch schneller. Ein besseres Kompliment hätte er mir in dem Moment gar nicht machen können. Jedenfalls haben wir dann ja krachend verloren. Und bei dem nächsten Spiel Deutschland gegen Italien wollte ich das nicht auf mir sitzen lassen und hab mich in die Tasten gehängt ohne Ende, so schnell und so dramatisch. Da haben wir dann auch gewonnen. Ich wollte mir nicht nochmal sagen lassen, daran Schuld zu haben, dass wir verlieren. Und jetzt Deutschland gegen Schweden: Ich kann zumindest versprechen, dass ich mich extrem reinhängen werde, damit ich nicht an irgendwas schuld bin, sondern eher zu etwas beigetragen habe.

Heute vertont Stephan von Bothmer das WM-Vorrundenspiel zwischen Deutschland und Schweden bei der Festspielnacht zur Einstimmung auf die Eröffnung der Opernfestspiele in München. Diesen und weitere Termine hier.