Kultur


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Fotograf der Deutschen Zum Tod von Stefan Moses

Stefan Moses reiste mit seinem mobilen Atelier, einem grauen Filzvorhang, durch Deutschland und porträtierte Menschen – und eine ganze Gesellschaft. Seine Kunst war es, sein Gegenüber nicht bloßzustellen, sondern zu humanisieren.

Von: Julie Metzdorf

Stand: 06.02.2018

Berlin 1963: Stefan Moses beobachtet einen Drehorgelspieler auf der Straße. Er bittet den Mann vor die Kulisse eines grauen Tuchs und separiert ihn damit von seiner Umgebung. Das Foto zeigt nichts als den Mann und die Drehorgel – die Idee des mobilen Ateliers ist geboren.

In den folgenden Jahrzehnten reist Moses von Marktplatz zu Marktplatz und bittet Menschen unterschiedlichster Berufe vor sein großes graues Filztuch. Kohlenträger mit Brikettkasten, Parlamentsdiener im Frack, Rollmopspackerinnen mit Schürze und Kopftuch. "Die haben sich halt gewundert, dass man so etwas macht", so Moses über die Reaktion seiner Modelle, "haben das auch als Theater genommen – sich so aber immer geschützt gefühlt. Das war ein Riesen-Filztuch, ich brauchte immer einen Helfer, der das mit aufgespannt hat. Das hat denen so eine Art Sicherheit gegeben: Links und rechts tobte ja der Verkehr oder Kinder spielten mit dem Ball, der dann manchmal auch reingefallen ist."

Porträt einer Gesellschaft

Über die Jahre entstand mit diesem Panoptikum der Berufe und Menschen ein Porträt der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Ab 1989 kann Moses das Werk auf die gesamtdeutsche Gesellschaft ausdehnen: Er spannt sein Filztuch nun im Osten der Republik auf, fotografiert Reichsbahn-Obersekretärinnen, die weiblichen Lehrlinge eines Braunkohlewerks und Musiker der Nationalen Volksarmee – und fängt damit im letzten möglichen Moment gerade noch ein Stück der untergehenden DDR ein. "Meine Aufgabe ist eben, die Menschen festzuhalten, bevor sie verloren gehen", sagte Moses über seine Arbeit, "damit die neuen Menschen, die jetzt kommen, ungefähr ahnen, was gewesen ist und woher sie selbst kommen. Es ist, glaube ich, leichter für die Menschen jetzt, wenn sie wissen, wie gelebt worden ist und was für Zeiten waren."

In der Gesamtschau fügen sich die Porträts all dieser namenlosen Individuen zum Querschnitt der Gesellschaft. In weiteren Langzeitprojekten wie "Die großen Alten im Wald" oder "Deutschlands Emigranten" fotografiert er Dutzende der Protagonisten des deutschen Kulturlebens: Politiker, Schriftsteller, Wissenschaftler, Künstler, Regisseure und Schauspieler: Oskar Maria Graf mit kurzen Lederhosen und neugierigem Blick, Walter Gropius vor einer weiß getünchten Mauer, die Arme vor der Brust verschränkt, Theodor W. Adorno, sich selbst im Spiegel betrachtend.

Auseinandersetzung mit Deutschland trotz jüdischer Wurzeln

Man kann mit Recht behaupten, dass es Stefan Moses ist es gelungen, ein ganzes Volk zu fotografieren. Und zwar ein Volk, das ihm nach dem Leben trachtete: Moses hat jüdische Wurzeln, musste die Schule früh verlassen. Während des Krieges kann er sich verstecken, und später dann, als es endlich möglich ist, Deutschland zu verlassen – die Schiffspassage nach Amerika ist schon gekauft –, da entscheidet er sich hierzubleiben und sich mit diesem Volk auseinanderzusetzen.

Stefan Moses, Selbstporträt | Bild: Selbstportrait © stefan moses  / Literaturhaus München in der Ausstellung "Blumenkinder"

Stefan Moses, Selbstporträt

Christoph Stölzl, Historiker und langjähriger Freund von Moses, zieht Parallelen zum biblischen Moses: "Es klingt wie ein Kalauer, aber es ist doch wahr: Moses ist ja in der Bibel der, der ein Volk erfindet, das Volk Israel. Vorher sind das irgendwelche Stämme, unberaten, ziemlich wirr und ziemlich unzivilisiert. Mit Moses kommt die Idee: So sollt ihr sein. Und ich finde immer, dass Stefan mit ganz wenigen anderen Fotokünstlern der Bundesrepublik zu denen gehört, die die Deutschen erfunden haben."

Ein zärtlicher Fotograf

Schon in den 60er-Jahren entwickelte sich Stefan Moses vom Fotojournalisten zum Konzeptkünstler, arbeitet nicht mehr nur im Auftrag von Spiegel und Stern, sondern verfolgt auch seine eigenen Ideen. 1967 erscheint etwa das Fotobuch "Manuel". Moses hatte seinen Sohn über ein Jahr lang immer wieder fotografiert – im Spiegelkabinett auf dem Oktoberfest, beim Schmusen mit Kater Juschka, als Nackedei am See oder beim Versuch, einen Luftballon zu fangen. Willy Fleckhaus, der wichtigste deutsche Grafikdesigner der Zeit, arrangierte diese Bilder zu einem zeitlosen Dokument aus dem Leben eines Kindes. "Manuel" wurde zum Kultbuch der jungen Elterngeneration und erreichte mit einer von Auflage von 27.000 Exemplaren Fotobuch-Rekorde.

Was bleibt von Stefan Moses? Der Freund und Begleiter Christoph Stölzl formuliert es so: "Moses hat die große Kunst, dass er Menschen humanisiert. Er war ein zärtlicher Fotograf, er trat niemandem zu nahe, er haute niemanden in die Pfanne – Fotografie kann ja auch eine tödliche Waffe sein. Und wenn ich Bilanz ziehe, was von ihm bleibt, dann wird man sagen: Das ist doch interessant, diese Deutschen waren doch interessante Leute, die waren gar nicht diese ugly germans. Ich würde sagen, es bleibt diese zärtliche Zuwendung zum eigenen Volk, mit dem er eben seine ganz eigene Kindheits- und Jugenderfahrung hatte."


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