Kultur


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Nockherberg Ist das Politiker-Derblecken noch relevant?

Der Starkbieranstich auf dem Nockherberg soll der Politik den Spiegel vorhalten. Kreativ und bissig - Polit-Satire eben, die mittlerweile aber auch im Mainstream angekommen ist. Kann das traditionelle Politiker-Derblecken da noch mithalten?

Von: Ralph Glander

Stand: 28.02.2018

Söder und Seehofer im Singspiel auf dem Nockherberg bei der "glorreichen 7" | Bild: BR/Markus Konvalin

"In Berlin würde so eine Aufführung eine Revolution auslösen – sozusagen als Staatsstreich. So eine Liberalität gibt es wirklich nur bei uns in Bayern." Das erzählte der zukünftige bayerische Ministerpräsident und Heimat-Hardliner Markus Söder letztes Jahr den BR-Kameras vor Beginn des traditionellen Starkbieranstichs auf dem Nockherberg. Wie so oft, wenn Markus Söder etwas sagt, war nicht ganz klar, was er damit eigentlich meint. Sieht er etwa politische Satire als eine genuin bayerische Kunstform an?

Hochkonjunktur der politischen Satire - weltweit!

Politische Satire ist in der westlichen Kultur längst im Mainstream angekommen. Mehr noch: Der pointierte, meinungsstarke Protest hat in unserem herrschenden politischen Klima sogar eine besondere Dringlichkeit erlangt. Spätestens seit eine kritische Masse an Menschen alternative Fakten als alternativlos einstuft, Verschwörungstheorien verbreitet oder gezielter Desinformation aufsitzt. Satire ist populär, weil sie eben nicht nur unterhält, sondern auch politische Inhalte vermittelt und erklärt. Über soziale Netzwerke verbreiten sich satirische Inhalte in rasender Geschwindigkeit, sie beeinflussen politische und gesellschaftliche Diskussionen.

In den USA wird politischer Comedy gar zunehmend eine Relevanz zugesprochen, die weit über die bloße Unterhaltung hinausgeht. Bedingt durch die oftmals extrem populistische Berichterstattung von sogenannten Informationssendern wie „FOX-News“ und durch sämtliche Fakten ignorierende Vertreter des Weißen Hauses, ist Satire dort zu einer echten Bastion der Gegenberichterstattung geworden. Formate wie die „Late Night Show with Stephen Colbert“, „Full Frontal With Samantha Bee“ oder „Last Week Tonight With John Oliver“ vermischen seriös und hart recherchierte Fakten mit scharfen Gags. Comedy wird hier immer auch zum investigativen Journalismus, der gegen Missstände agitiert. Und ein Massenpublikum schaut zu. Frei nach dem Motto: Humor ist auch, wenn man eigentlich nicht mehr lachen kann. 

Satire-Sendungen im deutschen Fernsehen

Aber auch in Deutschland lieben die Zuschauerinnen und Zuschauer ihre Satire-Sendungen: "Die Heute Show“, "Die Anstalt“, "Der Satiregipfel“, "Xtra 3“, "Neo Magazin Royal“, alles Formate, die sich in der deutschen Fernsehlandschaft etabliert haben. Auch dort werden bestehende Informationen aus satirischer Perspektive heraus vermittelt und beleuchtet.

Satire ist also nicht nur in Bayern. Sie ist überall. Und einmal im Jahr ist sie auch auf dem Nockherberg. Der Starkbieranstich ist Kult, ist Tradition, ist eine Institution. In seiner heutigen Form mit Salvatorrede und Singspiel existiert er bereits seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Doch welche Rolle und Bedeutung kommt dieser jährlichen Veranstaltung heute noch zu, wenn alle überall Satire machen?

Es wurde und wird, zumindest medial, nach wie vor viel über den Nockherberg diskutiert. Vor allem über die Tonalität und die Inhalte der Salvatorrednerinnen und -redner. 2010 war Bruder Barnabas alias Michael Lerchenberg zu beleidigend, 2017 war Mama Bavaria alias Luise Kinseher zu zahm. Zuletzt wurde in der Süddeutschen Zeitung sogar die Frage gestellt, ob die Salvatorrede überhaupt noch zeitgemäß sei.

Ein Norgerl unbequemer Wahrheit

Hat das Format also tatsächlich an Relevanz verloren? Weil der nächste, ungleich heftigere Satire-Hammer immer nur einen Mausklick entfernt ist? Was wohl richtig ist: Ein allumfassender kathartischer Befreiungsschlag, der PolitikerInnen erbarmungslos und vor allem nachhaltig bloßstellt, ist die Veranstaltung nicht. Klar – politische Diskurse und Kontroversen werden durchaus kritisch in den Raum geworfen. Das tut der einen oder dem anderen dann auch mal kurz weh. Und zwischendrin sehen die PolitikerInnen am Grunde des Bierkrugs vielleicht sogar ein Norgerl unbequemer Wahrheit über sich selbst. Am Ende löst sich alles aber irgendwie doch meistens in einer jovialen Freibier-Laune auf.

Das spricht aber keinesfalls gegen eine Veranstaltung, die zunächst und vor allem auch in der bayerischen Tradition verhaftet ist. Es ist eben in erster Linie Volkstheater – im Idealfall ohne folkloristisch zu sein. Die Qualität der Aufführungen steht und fällt immer mit der richtigen Balance zwischen Wohlfühlatmosphäre, didaktischem Anspruch, Unterhaltung, relevanter Satire und eben Tradition.

Damit bildet man vielleicht nicht die Speerspitze gepfefferter, satirischer Unterhaltung – einzigartig bleibt dieses Aufführungsmodell aber trotzdem auch heute noch. Denn wo sonst holen sich SpitzenpolitikerInnen in einer schmucklosen Bierhalle freiwillig verbale Watschen ab und müssen sich sofort überlegen mit welchem Gesichtsausdruck sie daraufhin in die Kameras schauen? Wo sonst können ZuschauerInnen beobachten, über was und wen Markus Söder eigentlich lachen kann?

Die Trumpfkarte des Nockherberg-Derbleckens

Und genau das ist die Trumpfkarte des Nockherberg-Derbleckens: die immer etwas befremdliche Intimität, die während des Schauspiels im „Salvatorkeller“ zu spüren ist. Der fast unheimliche, freudianische Frohsinn, wenn PolitikerInnen auf der Bühne ihre trotteligen DoppelgängerInnen beobachten und darüber lachen müssen.

Auch wenn die Breitseiten aus Internet und Fernsehen mittlerweile schneller, zeitgemäßer und direkter daherkommen - der Starkbieranstich steht gar nicht in Konkurrenz zu anderen Satire-Formaten. Er ist sein eigenes Satire-Genre und kann somit auch nur an sich selbst gemessen werden.

Und somit hat Markus Söder dann irgendwie doch noch recht gehabt: Zumindest das gibt es nur in Bayern. 


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