Kultur

Aber Sofortness! Das Smartphone als Jetzt-und-Hier-Maschine

Es ist ein Intimpartner des postmodernen Menschen und fast so etwas wie ein Implantat: das Smartphone. Mit der digitalen Technik haben wir einen Beschleuniger des Lebens in der Tasche. Doch was gibt uns die Sofortness eigentlich?

Von: Thomas Kernert / Martin Zeyn

Stand: 14.12.2017

Bei den Medientagen 2016. | Bild: BR/Julia Müller

Das Smartphone ist der Intimpartner des postmodernen Menschen. Mit einem Smartphone ist man vielleicht einsam, ganz bestimmt jedoch niemals alleine. Das Smartphone zeichnet sich vor allem durch zwei Eigenschaften aus: Erstens, es ist extrem dialogisch und wird immer noch dialogischer. Und zweitens, es ist extrem schnell und wird immer noch schneller. Und natürlich gibt es schon einen Begriff dafür: Sofortness.

So nah wie ein Implantat

Das Wort bezeichnet die Fähigkeit des Geräts, sofort zu reagieren, sowie unsere Erwartung, dass wir einen Augenblick später ein Ergebnis präsentiert bekommen. Wehe, wenn nicht – schon sind wir auf einer anderen Seite, bei einem anderen Chat, bei einem anderen Video. Kein elektronisches Gerät, mit Ausnahme des Herzschrittmachers, ist heute im wahrsten Sinne des Wortes so nahe am Menschen dran wie das Smartphone. Woraus folgt: Erst wenn man uns das Smartphone wegnimmt, wähnen wir uns in Einzelhaft.

Schon das Bakelit-Telefon erschuf die Gleichzeitigkeit

Telefonieren in alten, analogen Zeiten - mit Holztelefon!

Schon das alte, analoge Telefon brachte nicht allein den Raum durcheinander, sondern ebenso die Zeit. Oder genauer: Zeitliche Gegebenheiten. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hatte jeder Raumpunkt seine jeweilige Eigenzeit, sogar die Uhren gingen lange anders. Was in Buxtehude geschah, geschah allein in Buxtehude in unmittelbarer Gegenwart. In Nürnberg, Berlin oder Paris erfuhr man davon, wenn überhaupt, immer erst später. Jedes Geschehen an einem entfernten Ort war immer schon vorbei, wenn die Leser der Expresszeitung davon Kunde erhielt. Das Telefon dekonstruierte diese Verzögerung nachhaltig. Fortan war es möglich, von Geschehnissen an weit entfernten Orten sofort oder fast sofort zu erfahren. Mit dem Handy und der Push-Meldung ist aus der Möglichkeit ein Zwang geworden. Wir sind die ersten, die die Bilder einer Katastrophe sehen, aber wir sind auch dabei, wenn in China ein Sack Reis umfällt.

Die tägliche Dosis Intimität

Schnelligkeit wirkt wie eine Droge. Aber in der Sofortness steckt mehr. Könnte es nicht sein, dass uns die Sofortness so zuckersüß fasziniert wie unerbittlich versklavt, weil sie etwas gibt, das wir vermissen? Indem sie uns füttert mit eben jenen kleinen Dosen Intimität, die wir im Alltag vermissen. Wir greifen nicht einfach so zum Handy. Wir suchen nach einem kleinen Rest von Unmittelbarkeit in einer hochgradig differenzierten und weitgehend entsolidarisierten Lebenswelt. Wir suchen nach einem unmittelbaren und Nähe erzeugenden Dialog mit Personen, Informationen, Konsumgütern und Dienstleistungen. Aber ist dafür das Handy der richtige Ansprechpartner?

Intimität ohne Unterleib

Nein, das Paradies bringt uns das Smartphone mit seinen eingebauten Sofortness-Funktionen nicht zurück. Die Mutter-Kind-Dyade wird auch weiterhin eine regressive Utopie bleiben. Und auch der konsubjektive Innenraum, in dem allein sich wirkliche Intimität zu ereignen vermag, kann im virtuellen Raum weder konstruiert noch rekonstruiert werden. Wie das gute alte Telefon spaltet das Smartphone seine User auf, macht sie kommunikativ anwesend, aber leiblich abwesend. Wie das gute alte Telefon erzeugt die Sofortness sofortige Nähe zu fast allem, was sich heute mit den Mitteln der elektronischen Datenübertragung erreichen lässt. Nichts mehr besitzt eine spezifische Eigenzeit, alles geschieht in Smartphone-Zeit und Smartphone-Nähe. Doch das ist eine Nähe, eine Intimität ohne Unterleib, eine sehr äußerliche Innenwelt, eine irreale Realität, die man so wenig küssen kann wie Marcel Proust einst die Telefonstimme seiner geliebten Großmutter.