Kultur


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Reflex statt Reflexion Verdachtsdebatte um Simon Strauß und die Rechte

Ist der Autor und FAZ-Redakteur Simon Strauß ein Wegbereiter der Rechten? Wenn es nach einigen Feuilletonisten geht, ja. Dabei hantieren sie mehr mit Verdachtsmomenten als mit Belegen. Ein neuer Fall von Debattendämmerung, so Knut Cordsen.

Von: Knut Cordsen

Stand: 17.01.2018

Simon Strauß | Bild: Martin Walz

Es wird zwar hochtrabend "Diskurs" und "Debatte" genannt, in Wahrheit aber ist es eine spezielle Variante von Bullshit-Bingo, die im deutschen Feuilleton gerade mal wieder gespielt wird. Reflexe ersetzen Reflexion. Im Mittelpunkt steht der laut taz mutmaßliche "neue Messias der deutschen Literatur", er heißt Simon Strauß, ist 29, Journalist und Autor und verdächtig, "ein Wegbereiter der Rechten" zu sein. Letztere Formulierung aus dem Spiegel stammt von Volker Weidermann, den ein Zeitungskollege mal treffend als "Literaturbetriebstrompete" charakterisiert hat.

Kontamination durch Kontakt mit Rechten?

Noch im vergangenen Sommer feierte jener Weidermann das Buch-Debüt von Simon Strauß fanfarenstoßartig als "ein Manifest für mehr Mut zum Pathos, für Sinnlichkeit, Offenheit, Begeisterung, Gegnerschaft und Streit und Tränen" und verpasste Straußens Erstlingswerk "Sieben Nächte" einen langen Blurb.

Nun fragt er sich im selben Nachrichtenmagazin angesichts der "straußschen Wortwolken": "Die Texte von Simon Strauß sind von einem starken Willen geprägt. Aber was will er?" Er - so viel Sippenhaft muss sein -, der "Sohn von Botho Strauß", wie die taz raunt. Simon Strauß ist übrigens genauso der Sohn von Manuela Reichart, aber das ist dem offenkundig schwerst vaterfixierten deutschen Feuilleton keine Erwähnung wert. Fast hätten wir vergessen zu erwähnen, worum sich die gegenwärtige Gespensterdebatte dreht. Um die "ultraromantische Sehnsucht nach Kampf", die Alem Grabovac in der taz Simon Strauß attestiert. Belege? Keine. Ach doch, da war was. Strauß hat 2015 den neurechten Verleger Götz Kubitschek in den von ihm mitbegründeten "Jungen Salon" zum Gespräch eingeladen, so wie zuvor seinen Patenonkel, den Verleger Michael Krüger, oder die Bankdirektorin Lanna Idriss, die sich für Syrer einsetzt und über "Flucht und Migration" im "Jungen Salon" sprach. Die Tatsache, mit dem medialen Scheinriesen Götz Kubitschek diskutiert zu haben lange vor der Zeit, als es Mode wurde, "mit Rechten reden" zu wollen, ist 2018 also Grund genug, Strauß mal eben locker der - Zitat taz - "Verwirklichung der Kubitschek’schen Visionen" zu bezichtigen. So was nennt man dann wohl Debattendämmerung.

Feuilletonistische Verdachtsberichterstattung

Es ist ja gar keine Debatte, die hier geführt wird, es ist feuilletonistische Verdachtsberichterstattung – oder was soll der auch schon in Kritiken zu lesende süffisante Hinweis darauf, dass Simon Strauß als Sport Fechten betreibt? Ist jetzt jeder Fechter automatisch ein Rechter, oder wie? Man kann mit Simon Strauß über alles diskutieren (ich habe das im vergangenen Dezember selbst in den Münchner Kammerspielen getan), etwa über gewisse Ähnlichkeiten im kulturkritischen Gestus von Vater und Sohn: Wo Botho Strauß von der "Komfortgesellschaft" schreibt, schreibt Simon von dem ihn anödenden Leben in der "Komfortzone". Aber ihn allein wegen seiner jüngst in einem FAZ-Artikel geäußerten Kritik am "Primat der Moralpolitik" in der Kunst als irgendwie diffus neurechts zu denunzieren, ist unredlich.

Man muss gar nicht dem "neoromantischen Impuls" von Simon Strauß folgen, um bei all den fadenscheinigen Vor- und Anwürfen an einen Satz des Neuromantikers Hugo von Hofmannsthal aus dessen "Buch der Freunde" von 1922 zu denken. Dieser Satz lautet:  "Der moralische Sieger ist es, der sich am leichtesten zu Tode siegt." Sich am Ende als moralischer Sieger fühlen zu dürfen, war immer schon das Ziel derer, die so gern Debatten im Feuilleton führen. Und wenn sie triftige Argumente gerade nicht zur Hand haben, müssen das möglichst heftige Holzhammer-Unterstellungen verdecken.  


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